• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteKultur heuteSumme seines Schaffens21.12.2006

Summe seines Schaffens

Neuer Film von Aki Kaurismäki in den Kinos

Der Finne Aki Kaurismäki, noch nicht einmal 50, scheint auf einem cineastischen Zwischengipfel angekommen zu sein. Gerade ist eine große DVD-Box mit Filmen aus den 80ern und 90ern erschienen. Und in diesen Tagen startet sein neuer Film "Lichter der Vorstadt" in den Kinos, in dem viele Kritiker die Summe von Kaurismäkis bisherigem Schaffen sehen.

Von Josef Schnelle

So eine kleine Geschichte in nur 74 Minuten derart herzzerreißend inszenieren, das kann nur Aki Kaurismäki. (AP Archiv)
So eine kleine Geschichte in nur 74 Minuten derart herzzerreißend inszenieren, das kann nur Aki Kaurismäki. (AP Archiv)

"Wieso setzt du Dich denn zu mir?" - "Ich dachte, Du könntest Gesellschaft brauchen." - Wer? Ich?" Mirja: " Ja, das sieht man doch gleich." - (Koistinen: "Du siehst so was?" - Das ist nur wegen der Arbeit so. Mit uns reden die Leute normalerweise nicht. - "Ja irgendwie seht ihr schon wie harte Kerle. - "Ist nur die Oberfläche.") - Wie geht es jetzt weiter? Sollen wir vielleicht heiraten?" - "Ja, warum denn nicht. Aber dafür kennen wir uns nicht gut genug." - "Wie können wir das ändern?" - "Du könntest mich ausführen irgendwo hin. Ins Kino vielleicht. - Bist oft ausgeführt worden, nehme ich an. - "Dann und wann."- "Wird Dich also ausführen."

So fangen Liebesgeschichten an. Zumindest bei Aki Kaurismäki aus Finnland. Sie hat sich gerade zu ihm gesetzt. Einfach so. Da fragt er sie schon, ob sie ihn heiraten will. Doch diesmal - in seinem Film "Lichter der Vorstadt" - ist die ganze Szene eine Täuschung. Eine falsche Fährte. Die Frau ist ein Lockvogel. Sie soll dem Wachmann Koistinen im Auftrag einer Gangstertruppe den Kopf verdrehen, um an seine Schlüssel zum Einkaufszentrum zu kommen - für einen großen Coup.

Der Melancholiker Kaurismäki bedient sich diesmal der Genrekonventionen des Film Noir mit Femme Fatale, Big Boss und subalternen Schlägertypen. Er trägt absichtlich zu dick auf. Der Boss nimmt seinen Gorillas beim Kartenspiel das Geld ab. Im Hintergrund bedient Gangsterliebchen Mirja den Staubsauger. Sie ist eben "Mädchen für alles". Abends muss sie Koistinen in sich verliebt machen. Am nächsten morgen steht Raumpflege auf dem Programm. Wieder später wird der Boss sagen: "Komm doch endlich her". Sie schaut kurz auf ihr Knie. Dann geht sie hinüber.

Kräftige Klischees mit Hintersinn, denn natürlich will Kaurismäki gar keinen Krimi drehen, nur dessen Formenarsenal für seine Geschichte nutzen. "Ein falsches Auto kann einen ganzen Film ruinieren und seinen Zauber zerstören", hat Aki Kaurismäki einmal gesagt. Die komische Gangsterlimousine ist innen größer als außen, trotzdem schwarz wie die Nacht und die Seelen der Insassen. Noch einmal das Mädchen Mirja. Sie erstattet Bericht:

"Also, ich höre." - "Alles läuft wie es soll." - "Wann seht ihr euch wieder?" - "Sobald ich will. Was interessiert Dich an ihm. Er ist eine Null, eine absolute."- "Das ist nicht Dein Problem." - "Wieso mach ich das eigentlich alles?" - "Weil Du sonst arbeiten müsstest,. Oder? Ruf die Russen an und mach einen Termin mit Ihnen. Sag ihnen, den Tag der offenen Tür wird es bald geben."

Koistinen ist vielleicht der einsamste unter all den einsamen Charakteren, die Aki Kaurismäki in seinen Filmen kreiert hat. Das sieht man seiner Behausung an und auch ihm selbst, wenn er schweigt, rum steht und sitzt oder raucht. Er ist eigentlich das geborene Opfer. Man kann denken, der Juwelenraub im Film sei nur Nebeneffekt, neben der sadistischen Quälerei, die Koistinen auf sich zieht wie ein geprügelter Hund. Er kann sich nicht wehren. Er ist ein wortkarger Narr, einer von vielen im Kaurismäki-Kosmos, und nicht umsonst erinnert der Titel an einen Charlie-Chaplin-Film. Aus "Lights in the dusk" hat man im Deutschen etwas überdeutlich "Lichter der Vorstadt" gemacht. Eine Anspielung an Chaplins "Lichter der Großstadt", seine sentimentale Liebeserklärung an einen heiligen verliebten Narren, der für das blinde Blumenmädchen eine ganze Welt erfindet. Koistinen würde das wohl auch schaffen, wenn es einmal eine Frau ehrlich mit ihm meint. Doch. Männerunglück. Er schmachtet im Kino konsequent der Falschen hinterher.

Und dann sind da noch die ganz besonderen Bilderwelten von Aki Kaurismäkis langjährigem Kameramann Timo Salminens. Sie passen perfekt zur märchenhaften Stilisierung der Geschichte und zum melodramatischen Ernst dieses steten, nicht enden wollenden Abstiegs. Das Äußere spiegelt das Innere. Ob Koistinen nun in seinem Apartment, in der Gefängniszelle oder im Nachtasyl lebt. Salminens Stadtansichten atmen konzentrierte Melancholie: Hochhäuser, Fußgängertunnel, Rolltreppen, Gitterwände, Hafenkräne. Ein bisschen Wärme liefern nur die sozialen Treffpunkte: Kneipen, Restaurants, Würstchenbude, Hotelzimmer. Meist aber sehen wir Bilder für die Entfremdung des Menschen wie von Edward Hopper. So ein romantisches "Licht im Nebel" kann im zeitgenössischen Film nur Salminen setzen. Und so eine kleine Geschichte in nur 74 Minuten derart herzzerreißend inszenieren, als sei es ein Stummfilmmelodram, das kann nur Aki Kaurismäki.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk