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StartseiteBüchermarktSupermacht Asien11.02.2004

Supermacht Asien

Charles Kupchan über das Ende der amerikanischen Vorherrschaft

Die Welt will keinen selbstgerechten, kraftprotzenden amerikanischen Militarismus. Darin sind sich viele der heute schreibenden Autoren einig. Unterschiedlich bewerten sie, ob die Welt ohne die eine Hegemonialmacht USA friedlicher werde. Der amerikanische Politikwissenschaftler Charles Kupchan spricht davon, dass nach dem unvermeidlichen Niedergang der alles beherrschenden Supermacht Amerika ein "weitaus unberechenbareres und gefährlicheres globales Umfeld" entstehe und alte geopolitische Konflikte wieder aufleben würden. Amerika habe durch sein militaristisches Gebaren sein kostbarstes Gut, die internationale Legitimität, verspielt, und die vermutlich gütige Hegemonie habe längst ihr anderes Gesicht, das der "Großtuerei" und "Arroganz", gezeigt. "Bisher führten alle Wege nach Washington", so Kupchans Fazit in der Folge Emmanuel Todds, "jetzt aber gibt es einen neuen Weg, der vor allem durch Europa führt."

Hans-Jürgen Heinrichs

George Bush: der Präsident einer untergehenden Macht? (AP)
George Bush: der Präsident einer untergehenden Macht? (AP)

Von Anfang an lässt Kupchan keinen Zweifel daran, dass politische Kategorien allein nicht ausreichen, um die amerikanischen Vorgehensweisen umfassend zu charakterisieren. Um zu erklären, warum Amerika unter George Bush auftritt wie das neue Rom, warum es ohne jede Selbstreflexion und Selbstkritik die Militärmaschinerie in Gang setzt und dem Unilateralismus frönt, muss man psychologische Kriterien heranziehen und die Momente der Verwundbarkeit, der Wut und Rache, der Großtuerei und der Arroganz angemessen beachten. Es ist erfreulich und ermutigend zu sehen, wie auch Politikwissenschaftler diese irrationalen Aspekte beachten, wenn auch ihr vordringliches Anliegen ein historisches und zeitdiagnostisches ist. So geht es Kupchan in erster Linie darum zu zeigen, warum Amerikas Vorherrschaft unweigerlich zu Ende geht.

Die Industriegesellschaft bricht auseinander; eine neue Epoche, das digitale Zeitalter, beginnt. Auf dieser Prämisse begründet Kupchan sein Urteil, wonach die amerikanische Vorherrschaft schwinde und eine Welt multipler Machtzentren wiederkehre. Kupchans Buch basiert auf der These, wonach die Geschichte sowohl einen zyklischen wie auch einen evolutionären Charakter besitzt. Der Fortschritt begünstigt gewisse Arten von politischen und sozialen Formationen, die dann wiederum ihren Zweck verlieren, wenn Produktions- und Kommunikationsweisen sich weiter verändern. Das Ergebnis ist, so Kupchan, der zyklische Aufstieg und Niedergang bestimmter historischer Epochen, während sich die Geschichte als Ganzes nach vorne bewegt.

Die Geschichte, so das Fazit dieser Studie, gehe nicht so schnell zu Ende, wie manche glauben. Während Amerikas Vorherrschaft schwinde, steige Europa kontinuierlich auf. Am Horizont aber wird, und darauf weisen ja seit Jahren Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen hin, eine neue Supermacht sichtbar: Asiens Fortschritt ist absehbar; China wird als führende Nation die Weltbühne betreten; auch Japan könnte, und alles spricht zur Zeit dafür, seine Wirtschaftskrise überwinden; in einen atomaren Krieg könnten die USA auch mit Nordkorea geraten. Im Jahre 2025 werden sich Amerika und Europa, so sieht es Kupchan, vermutlich mehr mit dem Aufstieg Asiens als mit gegenseitigen Problemen befassen.

Der Autor rät den USA, dieser Entwicklung offen und selbstkritisch ins Gesicht zu sehen. Nur wenn sich Amerika zu der Einsicht durchringt, dass der "Rest der Welt" nicht um so beeindruckter und unterwürfiger ist, je hybrider und kompromissloser sich die Supermacht präsentiert, könne das Ende der Vorherrschaft in Kooperation umgewandelt werden. Amerika müsse jetzt eine "Große Strategie für den Übergang zu einer Welt mit verschiedenen Machtzentren entwickeln", solange dazu noch Gelegenheit sei. Dies nennt Kupchan die zentrale Herausforderung in der Endphase der amerikanischen Epoche. Dazu zählt auch, dass die reiche Supermacht den Abstand zu den armen Ländern nicht immer noch größer werden lässt. Die Spannungen zwischen den Ländern, die mitten im Übergang zum digitalen Zeitalter stehen, und den Ländern, die noch in einer früheren historischen Phase stecken oder aber überstürzt diesen Schritt vollziehen und dabei wichtige Entwicklungsphasen überspringen wollen, sind unabschätzbar groß.

Charles Kupchan
Die europäische Herausforderung. Vom Ende der Vorherrschaft Amerikas
Rowohlt Berlin, 320 S., EUR 19,90

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