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StartseiteKoran erklärt Zur Frage des Eroberungsanspruchs im Islam30.06.2017

Sure 110 Verse 1-3Zur Frage des Eroberungsanspruchs im Islam

Manche Koranverse, die sich mit politischen und gesellschaftlichen Themen befassen, wirken mitunter bedrohlich. Das gilt zum Beispiel für jene über Kriege und Eroberungen. Einige Koranexperten argumentieren, diese Verse beziehen sich auf die historische Situation während der Entstehungszeit des Korans. Andere weisen jedoch auf die prophetische Kraft der Worte hin.

Von Prof. Dr. Otto Jastrow, Universität Tallinn, Estland

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Das Buch "Koran erklärt". (Suhrkamp)Zu unserer Sendereihe ist ein Buch "Koran erklärt" im Suhrkamp-Verlag Berlin erschienen, herausgegeben von Deutschlandradio-Intendant Dr. Willi Steul. (Suhrkamp)

"Wenn Gottes Hilfe kommt und der Sieg,
und du die Menschen siehst,
wie sie in Gottes Religion eintreten – in Scharen,
dann lobpreise deinen Herrn, und bitte ihn um Vergebung!
Siehe, er ist gnädig zugewandt."

Unsere heutige Betrachtung gilt der Sure 110, einer der kürzesten Suren des Korans, die nur drei Verse umfasst. Wir haben sie eingangs in der Übersetzung von Hartmut Bobzin gehört, der ihren Namen mit "Die Hilfe" angibt.

Teaserbox zur Sendereihe "Koran erklärt" im Deutschlandfunk

Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation

Der entscheidende Vers dieser Sure ist der erste. Er hat neben der religiösen auch eine politische Dimension. Dieser wird die Übersetzung "Wenn Gottes Hilfe kommt und der Sieg" nicht ganz gerecht wird. Das Word "nasr", das Bobzin als "Hilfe" übersetzt, bedeutet auch Sieg, und das Wort "fath", das er als "Sieg" übersetzt, bedeutet primär Eroberung. Eine passendere Übersetzung wäre deshalb: "Wenn Gottes Sieg kommt und die Eroberung."

Otto Jastrow schaut von einem alten Gemäuer auf die grüne Landschaft. (priv.)Otto Jastrow ist Professor für Arabistik an der Universität Tallinn und Emeritus an der Universität Erlangen-Nürnberg. (priv.)Wie so oft im Koran, spricht die Sure den Propheten Mohammed direkt an. Wenn der Sieg Gottes kommt, mit anderen Worten der Sieg des Islams, dann soll Mohammed seinen Herren lobpreisen und ihn zugleich um Vergebung bitten wegen der Zweifel, die er bisweilen gehegt haben mag. Dass der Sieg des Islams bevorsteht, erscheint außer Frage.

Sure 110 ist eine der spätesten Suren und ist dem Propheten erst kurz vor seinem Tode geoffenbart worden. Kommentatoren sehen sie im Zusammenhang mit seinem Sieg über die Mekkaner, gegen die Mohammed jahrelang von Medina aus einen erbitterten Krieg geführt hatte. Am Ende mussten sich die Mekkaner ergeben und Mohammed konnte als Sieger in seine Vaterstadt einziehen. Nun war auch für die heidnischen Bewohner von Mekka der Augenblick gekommen, an dem sie ihrem alten Götterglauben abschwören und zum Islam übertreten mussten.

Doch ist diese Sure wirklich nur als Kommentar zur erfolgreichen Beendigung eines Stammeskrieges zu verstehen? Das hieße, ihre prophetische Kraft zu verkennen. Was sie vielmehr ausdrückt, ist die Vision des Propheten von der Zukunft der Weltreligion, deren Grundlagen er geschaffen hat. In einem einzigen Satz entfaltet sich die triumphale Vision des Islams als einer siegreichen, unaufhaltsam voranschreitenden Macht, die sich anschickt, die ganze damals bekannte Welt zu unterwerfen. Und diese Vision sollte sich alsbald erfüllen.

Zwei Jahre nach Mohammeds Tod begannen die muslimischen Heere ihrenAnsturm auf die großen Kulturländer der Spätantike. Nach 20 Jahren erstreckte sich die muslimische Herrschaft bereits über Syrien, Ägypten, Mesopotamien und Iran. Weitere Gebiete von Nordafrika und Spanien bis nach Zentralasien kamen nach und nach hinzu. Dass die Besiegten in Scharen zum Islam übertraten, war unausbleiblich. Sure 110 war in Erfüllung gegangen.

Doch erneut würden wir uns täuschen, wenn wir die Sure nur als Voraussage eines mittelalterlichen islamischen Großreichs deuten wollten. Nach Jahrhunderten der Stagnation und einer erdrückenden Übermacht des Westens ist der Islam in seiner radikalen, fundamentalistischen Form wieder auferstanden und schickt sich zu einem neuen Siegeszug an, der Afrika, Asien, aber auch Europa im Visier hat. Statt der muslimischen Heere von einst wird die Eroberung nun von zahlreichen Terrormilizen vorangetrieben, unterstützt von ideologischer Propaganda und politischem Druck. In Europa kommen noch Migration und demographische Entwicklung als wichtige Faktoren hinzu. Dadurch gewinnt Sure 110 für uns eine beunruhigende Aktualität, eine latente Bedrohlichkeit, die auch durch die Übersetzung ausgedrückt werden sollte.

Hören wir deshalb zum Abschluss dieser Sendung die Sure 110 noch einmal - und zwar in einer alternativen Übersetzung, wie ich sie als Arabist unter dem Namen "Der Endsieg" vorschlagen möchte:

"Wenn Gottes Endsieg kommt und die Eroberung,
und wenn du siehst, wie die Menschen in Scharen zum Islam übertreten,
dann lobpreise deinen Herrn und bitte ihn um Vergebung!
Er ist ja zur Vergebung bereit."

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