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StartseiteKoran erklärt Barmherzigkeit - und die Frage, ob auch Nicht-Muslime sie erlangen24.06.2016

Sure 21 Vers 107 Barmherzigkeit - und die Frage, ob auch Nicht-Muslime sie erlangen

Wer im Sinne des Korans die Barmherzigkeit Gottes erlangen kann, ist nicht so einfach zu beantworten. Manche meinen freilich, das könnten nur überzeugte Muslime. Doch schon die klassischen Koran-Kommentatoren waren sich da gar nicht mal so einig.

Von Dr. Sahiron Syamsuddin, Gadjah-Mada-Universität, Yogyakarta, Indonesien

"Und wir sandten dich nur als Barmherzigkeit zu den Weltbewohnern."

Sure 21 trägt den Namen: "Die Propheten". Sie umfasst 112 Verse und wurde vor der Auswanderung des Propheten Mohammed nach Medina offenbart.

Teaserbox zur Sendereihe "Koran erklärt" im Deutschlandfunk

Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation

Der zitierte Vers kombiniert zwei zentrale Begriffe miteinander: "rahma" – zu deutsch: Barmherzigkeit - und "‘âlamîn" – zu deutsch: Weltbewohner. Über den Kontext gibt es zwei verschiedene Interpretations-Richtungen.

Sahiron Syamsuddin zeigt auf eine schwarze Tafel, auf der in goldener arabischer Schrift ein Koranauszug abgebildet ist. (priv. )Sahiron Syamsuddin machte seinen Doktortitel an der Uni Bamberg und danach auch an der Uni Frankurt tätig. (priv. )Der berühmte Korankommentator az-Zamachscharî erklärte im 12. Jahrhundert, der Begriff für Weltbewohner sei in seiner Bedeutung eingeschränkt. Die Entsendung Mohammeds sei ein Akt der Barmherzigkeit allein für jene Weltbewohner, die auch an seine Prophetenschaft glaubten. az-Zamachscharî schreibt: "Gott hat den Propheten Mohammed aus Barmherzigkeit gesandt, denn Gott bringt alle Dinge hervor, die den Weltbewohnern Fröhlichkeit geben, sofern diese ihm folgen. Wenn aber jemand Mohammed aus freien Stücken ablehnt und ihm nicht folgt, kommt die Ablehnung von ihm selbst. Er wird Barmherzigkeit nicht erlangen."

Zur weiteren Erläuterung zieht az-Zamachscharî einen Vergleich mit einer Wasserquelle heran. Wer Nutzen aus der Quelle ziehen will, nimmt Wasser zum Trinken oder Bewässern heraus. Wer das Wasser nicht genießen will, greift nicht zu. Nach az-Zamachscharî erfahren also nur die Muslime Barmherzigkeit.

Anders sieht das Muhammad at-Tabarî. Aus Sicht des großen Gelehrten aus dem 9. Jahrhundert erstreckt sich die Barmherzigkeit auf alle Weltbewohner, egal, ob sie Muslime sind oder nicht sind. at-Tabarî sagt: "Diejenigen, die die Prophetenschaft Mohammeds anerkennen, erhalten dadurch 'hidâya' - göttliche Führung. Sie kommen nachher ins Paradies, weil sie Mohammed folgen und sich an die Belehrungen halten, die er mitgebracht hat. Die Barmherzigkeit gegenüber den Ungläubigen ergibt sich daraus, dass sie durch Mohammeds Präsenz vor den Strafen Gottes bewahrt wurden, die frühere Völker in dieser Welt noch getroffen hatten."

Eine ähnliche Auslegung findet sich bei Ibn Kathîr, der im 14. Jahrhundert wirkte. Er erklärt: "Gott hat Mohammed als Gnadenerweis zu allen Menschen geschickt." Allerdings kommt auch Ibn Kathîr wieder zu der Schlussfolgerung: "Wer auch immer diese Barmherzigkeit annimmt und dafür dankbar ist, wird im Diesseits und im Jenseits glücklich sein. Jeder, der sie ablehnt, wird aber im Diesseits wie im Jenseits verloren gehen.”

Ein weiterer wichtiger Korankommentator ist Mahmûd al-Âlûsî. Er lebte im 19. Jahrhundert. Er vertritt die gleiche Interpretation, benutzt allerdings freundlichere Worte. al-Âlûsî schreibt: "Es ist klar, dass das Wort Weltbewohner Ungläubige einschließt. Mohammed wurde schließlich gesandt, um das zu bringen, was die Basis des Glücks in beiden Welten darstellt. Aber die Ungläubigen haben diese Basis nicht genutzt."

Obwohl al-Âlûsî, Ibn Kathîr und az-Zamachscharî auf der einen Seite und at-Tabarî auf der anderen Seite ein unterschiedliches Verständnis des Kontexts vertreten, interpretieren alle das Wort Barmherzigkeit auch als eschatologischen Gewinn.

Muhammad Ibn 'Âschûr, ein tunesischer Gelehrter aus dem 20. Jahrhundert, interpretiert Barmherzigkeit hier nicht eschatologisch, sondern als Charakteristikum des Propheten Mohammed and des Islams. Er begründet das mit zwei Argumenten: Erstens, den Propheten zeichne Barmherzigkeit aus und zweitens, die Religion des Islams ermögliche Frieden und Sicherheit für alle und alles - nicht nur für Menschen, auch für die Natur als Ganzes. Zudem lasse sich das islamische Recht stets in Übereinstimmung mit der jeweiligen Zeit interpretieren.

Ich persönlich stimme Ibn 'Âschûr zu. Die Lehren des Islams wurden gegeben, damit die Menschen und die Natur als Ganzes einen Nutzen davon haben.

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