• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
StartseiteKoran erklärt Über die Veränderung von Wörtern im Koran21.04.2017

Sure 90 Vers 4 und 10Über die Veränderung von Wörtern im Koran

Teil 1

Was im Koran steht, so glauben es Muslime, wurde Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe von Gott selbst so gesagt und offenbart. Von daher verbietet sich absolut jeder Eingriff in den Text. Wissenschaftler jedoch hegen Zweifel, ob sich die Muslime im Laufe der Jahrhunderte immer daran gehalten haben. Zumindest einzelne Stellen im Koran werfen Fragen auf.

Von Dr. Munther A. Younes, Cornell University, Ithaca, New York, USA

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek

"Wir haben den Menschen zur Mühsal erschaffen."

Bei einer sorgfältigen Betrachtung der Sprache von Sure 90 fällt auf,* dass gewisse Verse schön geschrieben sind, während andere an unnötigen Wiederholungen, an Unklarheiten und fehlenden rhythmischen Strukturen kranken.

Teaserbox zur Sendereihe "Koran erklärt" im Deutschlandfunk

Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation

Besonders auffällig an Sure 90 ist auch: Auf Abschnitte, in denen Gottes Gunst gegenüber dem Menschen in positiven Zusammenhängen ausgedrückt wird, folgen Abschnitte mit deutlich negativer Darstellung des Menschen als arroganter Angeber. Auf gute Taten lässt der Text Androhungen schwerer Strafen folgen.

Munther A. Younes (priv.)Dr. Munther A. Younes lehrt an der renommierten Cornell University im US-Bundesstaat New York. (priv.)Auch einige Formulierungen in der Sure scheinen nicht zum Rest zu passen. Das gilt zum Beispiel für die allgemeine Bedeutung mancher Worte oder ihren Gebrauch. Vor allem der arabische Ausdruck "fî kabad", der im eingangs zitierten Vers mit: "zur Mühsal" wiedergegeben ist, wirft Fragen auf.

"Fî kabad" wird gemeinhin übersetzt mit "in Bedrängnis beziehungsweise zur Bedrängnis" oder mit "in einer gewissen Stimmung", mit "in Mühsal/ im Kampf", mit "in Not" oder mit "in Schwierigkeiten". Dieses breite Bedeutungsspektrum zeigt, dass der Ausdruck nicht eindeutig zu verstehen ist. Unter den Auslegern des Korans gibt es allenfalls die Tendenz, ihm eine negative Bedeutung zuzuweisen.

Interessanterweise ist der Vers identisch mit dem Vers 4 in Sure 95 - abgesehen von dem problematischen Ausdruck "fî kabad". Der taucht dort nicht auf. Der Vers in Sure 95 lautet: "Wir erschufen den Menschen in bester Gestalt." Statt des Ausdrucks "fî kabad" heißt es in Sure 95 "fī 'ahsani taqwīm" - also: "in bester Gestalt." Das ist besonders auffällig. Anders als "fî kabad" mit seiner negativen Konnotation, gibt dieser Ausdruck eine eindeutig positive Darstellung des Menschen wieder.

Untersucht man diese Koranstelle weiter, ergibt sich noch etwas Interessantes. Mindestens fünf der ganz frühen Korankommentatoren - diese sind Mudschâhid, al-Dahhâk, Muqâtil, al-Farrâ' und Abd al-Razzâq - sie alle führen bei der Interpretation des Ausdrucks "fî kabad" exakt die positive Bedeutung aus Sure 95 Vers 4 an - nämlich "in bester Gestalt" oder "redlich".

Es scheint also so, als seien diese Korankommentare in späterer Zeit einfach ignoriert worden.

Ähnliche sprachliche Schwierigkeiten wirft Vers 10 in Sure 90 auf. Er lautet:

"Und ihm nicht die beiden Wege gezeigt?"

Im arabischen Originaltext steht das Wort "nadschdayn" - hier übersetzt als: "zwei Wege". Im Arabischen lassen sich fast alle Worte jeweils auf eine Wurzel zurückführen. Diese Wurzel besteht in der Regel aus drei Buchstaben. Im Fall des Wortes "nadschdayn" sind das die Buchstaben "nûn", "dschîm" und "dâl".

Diese Wurzel steht in ihrer Grundbedeutung ganz Allgemeinen für irgendeine Erhebung auf irgendeiner Grundfläche. Die Bedeutung "Pfad" oder "Weg" wird dieser Wurzel nur in Sure 90 Vers 10 gegeben.

Die vorausgehenden Verse erwähnen Teile des menschlichen Körpers: Hier ist von Augen, Zunge, Lippen die Rede. Da wäre es durchaus denkbar, dass sich "nadschdayn" auch auf Körperpartien bezieht.

Prüft man die frühen Korankommentare diesbezüglich, ergibt sich tatsächlich, dass unter diesem Wort auch die weiblichen Brüste verstanden wurden. Das schreiben jedenfalls zwei der frühen Korankommentatoren - nämlich al-Dahhâk und Abd al-Razzâq.

Die zwei Beispiele aus Sure 90 zeigen, wie stark sich die Bedeutungen von Worten und Ausdrücken im Laufe der Zeit verändern konnten. Und solche sprachlichen Veränderungen hatten mitunter großen Einfluss auf das Verständnis des Korantexts.

Die Ursachen der Bedeutungswandel sind verschieden. Es ist möglich, dass sie sich auf natürliche Weise entwickelt haben. Es ist auch möglich, dass sie absichtlich herbeigeführt wurden - zum Beispiel aus theologischen Gründen. Oder aber sie sind schlicht Ergebnis menschlicher Fehler.

*In der nächsten Ausgabe können Sie an dieser Stelle die übergreifenden Erklärungen von Dr. Munther A. Younes zur gesamten Koranpassage von Vers 1 bis Vers 10 der Sure 90 lesen und hören.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk