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StartseiteBüchermarktSurrealistisches Wintermärchen06.08.2010

Surrealistisches Wintermärchen

Shane Jones: "Thaddeus und der Februar". Eichborn Verlag

"Thaddeus und der Februar" von Shane Jones ist ein Buch, in dem Krieg geführt wird gegen einen Februar, der nicht vergehen will. Also ein höchst bizarres Märchen und das literarisch Schrägste, was uns aus Neuengland seit langem erreicht hat: grausam und zart, skurril und verspielt.

Von Wolfram Schütte

Shane Jones: "Thaddeus und der Februar" (Buchcover)  (Eichborn Verlag)
Shane Jones: "Thaddeus und der Februar" (Buchcover) (Eichborn Verlag)

Der bis in den Mai dauernde Winter dieses Jahres hätte besondere Sympathie für ein kleines, absonderliches Buch wecken können, in dem Krieg geführt wird gegen einen Februar, der nicht vergehen will. "Thaddeus und der Februar" nannte der Eichborn Verlag, was im amerikanischen Original prosaischer "Light Boxes" heißt. Übersetzt von Chris Hirte und illustriert von Ria Brodell, hat diese "Lichtboxen" der 30-Jährige Shane Jones verfasst, der bislang durch seine Gedichte und Kurzgeschichten nicht sonderlich auffällig geworden war. Aber dieser erste größere Text, der in kleiner Auflage erschien, verbreitete den Ruf des Amerikaners sehr schnell im Internet – erst recht, nachdem der für seine exzentrischen Stoffe bekannte Filmregisseur Spike Jonze quasi vom Fleck weg die Filmrechte an den "Light Boxes" erwarb.

Das wiederum verschaffte dem Buch und dem bisherigen Nobody Shane Jones aus dem Stand heraus einen internationalen Auftritt. Nicht zu unrecht, muss man sagen. Denn "Thaddeus und der Februar" ist ein höchst bizarres Märchen und – seit H.P.Lovecraft keine neuen Monster & Gespenster mehr in die literarische Welt entlässt – das literarisch Schrägste, was uns aus Neuengland seither erreicht hat: grausam & zart, skurril & verspielt. "Das Schlimmste", zitiert Shane Jones einen Joseph Wood Krutch, "das Schlimmste, was man Neuengland vorwerfen kann, ist nicht der Puritanismus, sondern der Februar". Der muss dort mit seinen Schneemassen, seiner Kälte und vor allem seiner Dauer wahrhaft "sibirisch" sein – zumindest in den rund 1000 Tagen, in denen sich der Ballonfahrer Thaddeus Lowe, seine Frau Selah, seine Tochter Bianca und alle anderen Stadt- & Landbewohner mit dem katastrophalen Februar herumschlagen müssen.

Denn der Februar, der nicht gehen will, um Frühling & Sommer Platz zu machen, schließt die kleine verschneite Menschenwelt unter fast geschlossener Wolkendecke von Licht und Sonne aus und bedeutet "das Ende von allem, was fliegen kann". Die Priester "laufen äxteschwingend durch die Straßen", verbrennen alle Buchseiten, die von Vögeln und Drachen, Ballons und fliegenden Hexen handeln und verlangen:

"Kein Bewohner dürfe jemals wieder vom Fliegen sprechen."

Wer meint, der Autor wolle uns damit eine Allegorie auf ein autoritäres Utopieverbot präsentieren, sieht sich zuerst bestätigt, wenn fünf ehemalige Ballonfahrer Thaddeus für einen Krieg gewinnen wollen, den sie gegen "den Februar und alles, wofür er steht", führen möchten. Aber sogleich ist man irritiert, weil diese fünf "Krieger" gegen den Februar "lange braune Mäntel und schwarze Zylinder tragen und ihre Gesichter hinter verschiedenfarbigen Masken aus Plastikfolie verbergen", die jeweils einen anderen Vogel darstellen.

Plötzlich sieht man sich da in die surrealistische Welt des Max Ernst versetzt, der seine "Collageromane" (wie "La femme 100 tetes") mit solchen Motiven aus trivialen Holzstichen des 19.Jahrhunderts montierte. Überhaupt scheint dann im Fortschreiten des fantastischen Romans von Shane Jones dessen motivische Vieldimensionalität & albtraumhafte Fantastik mehr mit der Bilderwelt , zum Beispiel des niederländischen Malers M. C. Escher, zu verbinden, als mit den literarischen Fiktionen von Italo Calvino oder Jorge Luis Borges. Shane Jones zitiert sie wie unter anderem auch die Harry-Potter-Erfinderin J. K. Rowling, Walt Disney oder den Schöpfer von My Space, weil sie allesamt Künstler gewesen seien, die "Phantasiewelten schufen, um Anfällen von Traurigkeit zu begegnen".

So dürfen wir annehmen, dass auch Shane Jones, von der febrilen Melancholie eines neuenglischen Winters angesteckt, jene im Originaltitel erwähnten und in seinem Buch verwendeten "Lichtboxen" sich literarisch zurechtgezimmert hat, um dem Sog der farblosen Traurigkeit, mit der bei ihm auch der personifizierte Februar geschlagen ist, möglichst buntscheckig zu entkommen. Wie man weiß, hilft die "Lichttherapie" gegen jahreszeitlich bedingte Depressionen. Thaddeus aber braucht mehr als die Lichtbox, die er sich über den Kopf stülpt, als er mit seinem Ballon jenseits der Wolken auf den Februar trifft, der ihm Frau & Tochter geraubt und getötet hatte. Denn der Held, der das Böse besiegt, unter dem alle leiden, muss auch in diesem typografisch exaltiert gestalteten Patchwork-Märchen zustechen können wie der Heilige Georg im Kampf mit dem Drachen.

Buchstäblich hingemetzelt wird der Februar von dem unvermuteten Messerhelden Thaddeus vor den Augen der Stadtbewohner. Sie löschen den Namen des Februar aus ihrem Gedächtnis, fortan gibt es nur noch zwei Monate: Juni & Juli. Und alle vom Februar umgebrachten erstehen im Fleisch wieder auf. Ende gut, Alles gut. Shane Jones: den Namen wird man sich merken müssen.

Shane Jones: "Thaddeus und der Februar. Roman. Aus dem Englischen von Chris Hirte. Eichborn Verlag, Frankfurt 2010. 176 Seiten, 16.95 Euro

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