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StartseiteBücher für junge Leser"Nicht überleben, sondern leben"27.01.2018

Sybil Gräfin Schönfeldt: Zeitzeugin, Journalistin, Übersetzerin"Nicht überleben, sondern leben"

Als junge Studentin in der Nachkriegszeit sei sie einfach froh gewesen, endlich über sich selbst bestimmen zu können, sagte Sybil Gräfin Schönfeldt, Journalistin und Übersetzerin zahlreicher Kinderbücher, im Dlf. Ihr sei gar nicht bewusst gewesen, dass sie mit ihrem Beruf eigentlich das Bild der Nation gezeichnet habe.

Sybil Gräfin Schönfeldt im Gespräch mit Tanya Lieske

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Sybil Gräfin Schönfeldt, österreichisch-deutsche Schriftstellerin, aufgenommen am 22.02.2015 in Mainz.  (picture alliance / Erwin Elsner)
Sybil Gräfin Schönfeldt (picture alliance / Erwin Elsner)

Tanya Lieske: Gräfin Schönfeldt, Sie sind Zeitzeugin, Journalistin, Übersetzerin, Grande Dame der Kinder- und Jugendliteratur, Autorin von mehr als drei Dutzend Büchern, und wenn man da auf die Titel schaut, dann kann man ganz schön staunen. Denn es ist, würde ich sagen, eine wilde Mischung, es sind dabei Kochbücher, Anstandsbücher, rund 120 Titel, die Sie für Kinder aus dem Englischen übersetzt haben, Sie haben neu erzählt die Bibel, Sie haben herausgegeben nordische Sagen und etliche Märchenerzählungen. Was verrät uns dieses breite Feld über Sie?

Sybil Gräfin Schönfeldt: Es zeigt, dass ich eine Journalistin bin und gewesen bin. Journalisten kriegen gesagt, schreib mal das, und dann geht man hin und recherchiert und unterhält sich mit Leuten, und manchmal kommt man zum Ziel und manchmal löst sich das auf, aber man hat eben irgendetwas dann schon im Kopf und verarbeitet es vielleicht für die nächste Geschichte.

Lieske: Journalismus – also Tätigkeit des Sammelns und des Erinnerns. Ich glaube, es war Ihr Traumberuf?

Gräfin Schönfeldt: Ich habe ihn gar nicht gewählt, sondern ich bin es geworden. Das ist damals nicht außergewöhnlich, denn nach dem Krieg fing ja alles an und wir hatten noch die irrige Idee, dass wir wirklich neu anfangen und besser anfangen könnten. Auf jeden Fall, wenn ich jetzt zurückblicke, so fällt mir auf, dass wahrscheinlich alle, die mit der Bundesrepublik in den Beruf hineingewachsen sind, auch in dieses Land hineingewachsen sind, sein Schicksal, seine Eigenarten, seine Gefährnisse natürlich auch verfolgt und damals aufgeschrieben haben und gar nicht gewusst haben, dass sie damit eigentlich das Bild der Nation gezeichnet haben.

Nachkriegssommer voller Sonne und Lebensglück

Lieske: Sie haben in Wien und Hamburg Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte studiert. Erzählen Sie mir was, wie war das als Studentin 1945/46, wie war das Lebensgefühl?

Gräfin Schönfeldt: Man war froh, dass man in einer Stadt zum Schluss gelandet war nach all diesen Fluchten und Dingen des Krieges, und war froh, dass man einen Studienplatz hatte, und studierte friedlich drauf los. Das ist eigentlich gar keine Entscheidung gewesen, was will ich werden, sondern es war einfach die Wonne, wieder in einer Zeit zu leben, in der man über sich selbst bestimmen konnte. Ich konnte machen und wählen und lernen und tanzen und mich verlieben und Schlange stehen und was auch immer es war, es war nicht mehr diese Zeit, in der alles befohlen worden war, von Anfang bis Ende. Das ist ja das, was Hitler wollte, er wollte niemanden auslassen sozusagen. Und wir sind in eine Lebensphase hineingeraten, in der wir gar nichts machen, besonders nicht nachdenken mussten. Es war alles geregelt. Man musste nur so wie die anderen, es so und nicht anders machen, aus. Und nun war plötzlich dieser wunderbare Frieden gekommen, mit seiner Stille. Der erste Nachkriegssommer war ja von einer Sonne und einem Lebensglück, das ist also unwiederholbar.

Lieske: Sie gehörten unter anderem zur Gründungsgeneration der Frauenzeitschrift "Constanze", die ja damals schon Außerordentlich geschafft hat, und Sie waren sehr früh bei der neu gegründeten "Zeit" dabei. Was sind Ihre Erinnerungen an diese Zeit?

Gräfin Schönfeldt: Bei der "Zeit" war ich, weil einer meiner Studienfreunde, Paul Hühnerfeld, dort zu den drei oder vier jungen Leuten gehörte, die die Redakteure, die die "Zeit" nun wirklich also begründet hatten und die aus der Vorkriegszeit stammten und wussten, was eine Zeitung ist, und aus dem Widerstand kamen oder was auch immer … Und ich habe eben von Anfang an frei mitgearbeitet, 1954 das Erste geschrieben, und die längste Zeit, 40 Jahre lang habe ich immer frei für die "Zeit" gearbeitet, weil ich unterdessen eben auch eine Familie hatte.

Lieske: Sie waren bei der "Zeit" ab den 50er-Jahren zuständig unter anderem für das Kinder- und Jugendbuch. 1956 ist ein wichtiges Jahr, das ist das Jahr, in dem der Deutsche Jugendliteraturpreis zum ersten Mal vergeben wurde, der hieß damals noch anders, der hieß Deutscher Jugendbuchpreis. Sie, Gräfin Schönfeldt, waren von Anfang an dabei, immer mal wieder in der Jury, von 1981 bis 1984 auch im Vorstand des Arbeitskreises für Jugendliteratur. Beschreiben Sie mir doch mal die Stimmung dieser Aufbruchszeit im Bereich des Kinder- und Jugendbuchs in Deutschland!

Gräfin Schönfeldt: Für die Verlage, damit muss man ja anfangen, war die Sache einfach. Zwölf Jahre lang war ausländische Kinderliteratur, genauso wie die Belletristik, nicht über die Grenzen gekommen. Das hatte monetäre Gründe, es hätte was gekostet, es war aber hauptsächlich der freie Geist, der besonders in englischen Kinderbüchern ja herrscht und so wunderbar ist, anarchisch und auf-den-Kopf-stellerisch, der musste draußen bleiben. Infolgedessen waren die ersten Jahre eigentlich für die Verlage so, sie guckten, was hatten sie sowieso seit 1933 in den Schubladen liegen, und sie guckten, was ist denn da Neues, und gingen in die … Wie hießen diese englischen Bibliotheken, die überall aufgemacht wurden … Die Brücke! Da konnte man eben lesen, was unterdessen Kinderliteratur geworden war, und dann brauchten sie nur übersetzen zu lassen. Infolgedessen kam ich – ich weiß nicht aus welchem Grunde – dazu, englische Literatur für die deutschen Verlage zu lesen und zu beurteilen und zu sagen, soll man das machen oder soll man das nicht machen. Das heißt, ich war wieder mitten in dem Literatur- oder Wissenschaftsbereich, der wie geschaffen für mich war.

Lieske: Das heißt, schon in den 50er-Jahren hat man das, was ja heute in gewisser Weise auch noch gilt, dass Literatur, die aus den angelsächsischen Ländern zu uns kommt, so ein bisschen die Nase vorne hat, gerne gelesen wird, eine große Marktpräsenz hat?

Gräfin Schönfeldt: Ja, das war natürlich auch das große Thema. Es gab die ersten jungen Wissenschaftler, die den Autoren, die den Krieg überlebt hatten und sehr oft aus der russischen Kriegsgefangenschaft heil wieder nach Hause gekommen waren und weiterschrieben wie vor dem Krieg, denen warfen sie eben vor, dass sie sich nicht um die Wirklichkeit der Kinder in den 50er-/60er-Jahren kümmerten, sondern nur eben ihre heile Kinderwelt – hieß das ja damals – weiterproduzierten.

Lieske: Die Internationalität dieses Preises ist uns ja erhalten geblieben, im Gegensatz beispielsweise zum österreichischen Jugendbuchpreis oder zum Schweizer Buchpreis werden eben Autoren und Bücher nominiert, die aus aller Welt kommen. Das hat in den vergangenen Jahren auch ein bisschen Unwillen erregt unter heimischen Autorinnen und Autoren, es gab eine große Debatte darum. Haben Sie dazu eine Meinung, wäre es Zeit, diesen Preis vielleicht zu reformieren?

Gräfin Schönfeldt: Ach, wissen Sie, dieser Aufruhr ist glaube ich der fünfte oder der sechste im Laufe des Preises, das schwappt immer wieder hoch. Die deutsche Nachkriegsliteratur ist aus politischen Gründen reich an den Stimmen der ganzen Welt. Die Zahl der Übersetzungen war bei der Kinder- und Jugendliteratur immer am höchsten, zwischen Ende der 30er- und Anfang der 50er-Prozent, also ist das etabliert, von Anfang an. Und bei der Belletristik ist es genauso, die Belletristikverlage haben ja auch vor allem das übersetzt, was während der Nazi-Zeit eben draußen blieb, und haben davon sich eine Basis von wunderbarer Literatur schaffen können, von der die Autoren auch nur gezehrt haben.

"Das ist Nestbeschmutzung"

Lieske: Sie haben die Aufbruchsjahre beschrieben, die vielen Debatten, die damit einhergingen. Eine etwas zeitlich nachfolgende Debatte war ja die sogenannte Eskapismus-Debatte, das traf Michael Ende, der vielleicht als Erster wieder fantastische Stoffe erzählt hat und dem damals vorgeworfen wurde, er brächte nicht genug Realität in seine Bücher rein.

Gräfin Schönfeldt: Also der Erste ist eigentlich Otfried Preußler gewesen, der aus der Kriegsgefangenschaft kam und den "Kleinen Wassermann" schrieb, in dem er sozusagen also die Stimme und den Märchenglanz seiner, wie man damals dachte, für immer verlorenen Heimat in Böhmen festgehalten hat.

Lieske: Seither haben wir in den letzten beiden Dekaden, seit "Harry Potter", ja eine richtige Fantasy-Schwemme erlebt, also diese Debatte ist sozusagen zugunsten des Fantastischen ausgegangen. Gräfin Schönfeldt, gibt es für Sie eigentlich einen Unterschied zwischen Fantasy und Fantasie?

Gräfin Schönfeldt: Ja, ganz entschieden. Also ich schreibe das auch ein bisschen anders, mit "ph". Also bis "Harry Potter" war alles, was fantastisch war, selbst die Geschichte von diesen kleinen Leuten in England, die "Hobbits", schwer durchzusetzen. Ich habe immer wieder diese Bücher so gelobt und auch gerne übersetzt, aber es hat immer geheißen, na ja, das sind die Bücher, die Frau Schlepegrell gut findet und auf denen wir sitzen bleiben!

Lieske: In Ihrem Schaffen für Kinder gibt es beides, es gibt das fantasievolle, aber es gibt auch das realistische Erzählen. Ich fange mal mit Letzterem an, 1979 haben Sie, Gräfin Schönfeldt, Ihre Erinnerungen an den Reichsarbeitsdienst veröffentlicht, der Titel ist "Sonderappell". Sie wurden im November 1944 eingezogen, sagt man glaube ich tatsächlich, und Ihr Großvater hat damals sinngemäß gesagt, Sie sind jetzt ein Soldat, Sie müssen jetzt ausharren und Ihre Pflicht tun. Was …

Gräfin Schönfeldt: Ja, du trägst die Uniform … Er hat noch sich versprochen und hat gesagt, du trägst das Kleid des Kaisers. Das war für ihn natürlich ein Lebenszentrum, du trägst das Kleid des Kaisers, du bist ein Soldat, ein Soldat harrt dort aus, wohin er gestellt wird.

Lieske: Was macht dieser Satz heute mit Ihnen?

Gräfin Schönfeldt: Er lässt mich mich wundern, weil ich, Mutter von zwei Söhnen, mir überlege, was ich in der Situation getan hätte. Hätte ich die halben Kinder morgens um vier durch die verdunkelte Stadt auf den verdunkelten Bahnhof gebracht und gewusst, die fahren auf irgendeine Art und Weise, wie lange das auch dauert, zum Arbeitsdienst nach Oberschlesien, wo man schon das Grollen der russischen Kanonen hört? Oder könnte ich ihnen das nicht antun? Für meinen Großvater war das natürlich selbstverständlich, der ist als Sechsjähriger in die Kadettenanstalt gekommen, mit anderen sechsjährigen Buben, und er gehört der Generation an, wahrscheinlich der letzten Generation, für die Offizier sein einfach ein Beruf war, so wie Frisör oder Bäcker oder Pastor oder so was Ähnliches. Das war ihr Handwerk. Und dass ein Enkelkind nun sozusagen so wertgeschätzt wurde, dass es eben auch das Kleid des Kaisers tragen durfte, das hat ihn wahrscheinlich mit einem gewissen Stolz erfüllt, denke ich mir.

Lieske: Was Sie dort erlebt haben, sehr jung, im Reichsarbeitsdienst, kann man sich heute eigentlich kaum noch vorstellen. Mit Geschichtskenntnis kann man es sich vorstellen, schwerste Entbehrungen, Hunger, Gefahr, die heranrückende russische Front, Sie sagten es, auch wirklich ein militärischer Drill, Sie haben Tote gesehen, Sie mussten Panzersperren bauen. Als Sie dieses Buch 1979 tatsächlich veröffentlicht hatten, war die Bundesrepublik ja in einem Zustand, in dem sie gerade erwachte sozusagen aus dem Dämmerschlaf nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Das heißt, die Frage, was haben wir wirklich getan, worin liegt unsere Schuld, was haben unsere Eltern, Großeltern getan, was erzählen wir unseren Kindern, die bewegte die Gesellschaft sehr. Welche Erfahrung haben Sie gemacht mit dem Buch "Sonderappell"?

Gräfin Schönfeldt: Natürlich ganz auseinanderstrebende. Auf der einen Seite, bis heute kriege ich Briefe, in denen irgendjemand schreibt: Genauso war es und gut, dass Sie das so beschrieben haben. Auf der anderen Seite, die Beteiligten haben mich natürlich aufs Korn genommen und haben gedroht, haben angerufen und gesagt, das ist Nestbeschmutzung. Und es hat sich herausgestellt, dass die Führer und Führerinnen des Arbeitsdienstes keine Parteigenossen werden mussten, weil der betreffende Arbeitsminister Herr Hierl entschieden hatte: Wer bei mir arbeitet, das ist genauso gut wie PG. Infolgedessen hatten die, da die Besatzungskräfte ja nur danach urteilten, wer ist Parteigenosse gewesen, der muss raus, für die hatten all diese jungen Leute eine schneeweiße Weste. Und sie waren eben Mitte 20, Anfang 20, Mitte 20, sie waren Heimleiter oder so was Ähnliches und sind, ohne mit der Wimper zu zucken, in die deutsche Pädagogik hinübergegangen. Sie sind Lehrer geworden, Geschichtslehrer geworden. Sie haben ihrerseits wieder Heime geführt. Und sie haben alle Unterlagen, also auch die Arbeitslisten, also was auch immer sichergestellt. Sie hatten sozusagen ein eigenes Archiv und ließen damals niemanden an sich heran, an dieses Archiv heran. Also habe ich in manchen Fällen einfach ein Überraschungsglück gehabt, dass ich, wenn ich versucht habe, auch noch Unterlagen – also Hefte oder Ordnungsfibeln oder so was Ähnliches – zu bekommen, das wurde mir damals noch geschickt. Da war ich aber noch die Letzte, die das gekriegt hat. Und was ich damit gemacht habe, hat sie eben so erbost, dass einer von den Arbeitsdienstführern aus dem Gau … die nannten sich noch Leiter des Gaus Nieder- und Oberschlesien oder so was Ähnliches … wollte mich vor sein Gericht zitieren. Sie wollten über mich einen regelrechten Prozess veranstalten. Also ein völliger Wahnsinn!

"Nicht überleben, sondern leben"

Lieske: Sie haben sehr viele Bücher herausgegeben, geschrieben, übersetzt. Würden Sie sagen, "Sonderappell" ist Ihr wichtigstes Buch für junge Leser?

Gräfin Schönfeldt: Ja, auf eine gewisse Art und Weise ist es das wichtigste.

Lieske: Ich mache einen ganz großen Sprung, ich komme zu jüngeren, letzten, vergangenen Büchern. Besonders gut gefallen haben mir, Gräfin Schönfeldt, Ihre Bearbeitungen des Neuen und des Alten Testaments. Sie haben diese wiedererzählt, und zu jedem Bibelkapitel, das Sie nacherzählen, gibt es eine Einleitung. Und besonders angetan hat es mir die Einleitung, weil Sie es schaffen, Zeit und Kultur und Landschaft und Gepflogenheiten, überhaupt, ich finde, sogar die ganze Psyche der Stämme Israels wiederzubeleben in diesen kurzen Einleitungstexten. Wie haben Sie recherchiert?

Gräfin Schönfeldt: Überall. Es gibt ja hier in Hamburg eine große Bibliothek im Erzbistum und da habe ich mich hingesetzt und habe geguckt, was da gemacht werden muss, und habe dann auch die geistlichen Herren, die ich kannte, um Hilfe gebeten und gesagt: Lest das mal und guckt, ob es richtig ist, so. Und es hat mir selber eigentlich auch Vergnügen gemacht und ich habe es gemacht, weil ich das Manuskript zuerst ohne diese Vortexte dem Verlag geschickt habe, der in Berlin saß. Und der Verlag hatte Büroangestellte und andere, die aus dem Osten stammten. Und die haben ja unter Umständen ihr ganzes Kinder- und Erwachsenenleben keine Bibel in der Hand gehabt, die sind nie in der Kirche gewesen, die wissen gar nicht, warum die so ist und nicht anders, warum sie Türme hat oder so. Und da hat die Verlegerin mir dann gesagt: Also die haben gefragt, wieso ist das denn so und wieso hat der das so gemacht? Und da habe ich gedacht, oh Jägerle, da müssen wir etwas machen! Und dann habe ich eben angefangen mir vorzustellen: Wie lese ich das, wenn ich alles das, was ich weiß, was natürlich nicht 100-prozentig passiert, aber wenn du das weglässt, was bleibt da übrig? Und das habe ich dann versucht, eben mit diesen Erklärungen begreiflich zu machen.

Lieske: Klaus Ensikat hat beide Bücher illustriert. Sie selbst sind auch künstlerisch begabt. Man erfährt aus Ihrer Biografie, dass Sie bei Alfred Mahlau studiert haben. Was schätzen Sie an den Bildern von Klaus Ensikat?

Gräfin Schönfeldt: Diese wunderbare Art des Zeichnens. Die Illustratoren in der DDR und in Russland ja sowieso haben noch dieses, was man heute manchmal verächtlich das altväterliche Zeichnen nennt, gelernt. So wie Moritz von Schwind oder wer auch immer damals gezeichnet haben. Und das ist für die Kinder- und Jugendliteratur, wie ich finde, das Beste, denn es vereint Kunst und Sache, und wenn es ein guter Illustrator ist, so wie es Ensikat eben ist, so zeichnet er nicht das nach, was im Text steht, sondern er liefert mit der Zeichnung genau das, was dazugehört, was aber nicht gesagt wird.

Lieske: Sie haben Ihre eigene Biografie veröffentlicht, Gräfin Schönfeldt, warten auf bessere Zeiten. Sie haben aber auch das Leben Astrid Lindgrens beschrieben, ihre Biografie geschrieben. Ich habe mir mal erlaubt, beide übereinanderzulegen, und habe eine Menge Dinge entdeckt, oder ich glaube, eine Menge Dinge entdeckt zu haben, die Sie beide miteinander verbindet. Das ist zum einen eine Erinnerung an eine stillere Welt, Astrid Lindgren nennt es das Zeitalter der Pferde, es sind aber auch Erfahrungen von Generationssprüngen, von Familien, die man heute als Patchwork bezeichnen würde, es ist die Fähigkeit, auch in kargen Zeiten zu überleben.

Gräfin Schönfeldt: Nicht überleben, sondern zu leben. Das ist ja … In kargen Zeiten, in Hungerzeiten steht der Tod in der Tür, aber wenn es ein schlichtes Essen gibt, so wie Astrid Lindgren es ja auch beschreibt, ist das fabelhaft.

"Goethe hat mir besonders viel Spaß gemacht"

Lieske: Bleiben wir beim Essen! Sie haben mir einen hervorragenden Apfelkuchen serviert, der lässt sich mit einer kleinen Gabel wirklich zierlich zerteilen, ich brauche keinen Daumen dazu, ich brauche kein Messer, alles hervorragend. Sie sind glaube ich eine fantastische Köchin und Sie haben eine ganze Reihe von Büchern geschrieben, die ich biografische Kochbücher nenne: "Bei Goethe zu Tisch" ("Gestern aß ich bei Goethe", Anm. der Red.), "Zu Tisch bei Astrid Lindgren" ("Bei Astrid Lindgren zu Tisch", Anm. der Red.).

Gräfin Schönfeldt: Goethe hat mir besonders viel Spaß gemacht! Das war wirklich wieder so, als ob Sie an der Dissertation sitzen und alle Zeit der Welt haben, um sich da hineinzuversenken. Ich war in Frankfurt sowieso und ich kenne noch das Goethe-Haus vor der Zerstörung, war aber noch nie in Weimar. Infolgedessen bin ich also dort im Schiller- und Goethe-Museum gewesen, da sind die 44 Pappschachteln – wobei Pappschachtel die Größe eines kleinen Beistelltisches so ungefähr hatte –, in die die Enkel von Goethe, die ja das Haus geerbt haben, beide unverheiratet, alle Papiere reingetan hatten, die sie im Haus fanden, bis zu den Fetzen von Bestellzetteln aus der Küche. Und diese 44 Kartons haben sie irgendwo im ersten Stock in ein Zimmer gestellt und sind beide in die Dachetage gezogen, da konnten sie zwei Zimmer gemütlich heizen und haben dort also ihr Junggesellenleben zu Ende gelebt. Und diese 44 Kartons sind dann ins Museum gekommen, Schiller- und Goethe-Museum, und irgendein wahnsinniger Archivar hat jedes Zettelchen katalogisiert. Also wenn es nur ein Schnips ist, auf das Goethe für eine Hofdame eine Sauciere gemalt, gezeichnet hat, steht unten drunter: römisch drei, arabisch irgendetwas, m klein, m groß, 25 Strich irgendwas. Also fabelhaft!

Lieske: Man kann Ihrem Buch entnehmen, dass er ein Mann war, der Geselligkeit liebte, der das gute Essen liebte, das Leben liebte, Behaglichkeit liebte. Aber mir hat besonders imponiert eine Bemerkung von Ihnen, dass er Gewohnheiten verabscheute, dass er jegliche Routine nicht mochte, dass er öfter seine Gewohnheiten geändert hat. Ist das bei Ihnen ähnlich?

Gräfin Schönfeldt: Ich glaube ja, das Leben bringt einen ja auch schon dazu. Wenn man friedlicher junger Student ist und das Geld sich selbst verdienen muss, das man fürs Studium und fürs Leben braucht, so ist das ein ganz anderes Lebensgefühl, als wenn man dann einen Beruf hat, wenn man heiratet, wenn man Kinder kriegt, wenn die Alten in der Familie mitversorgt werden müssen, wenn man dann plötzlich, so wie ich eben jetzt, allein ist.

Lieske: Sie blicken auf ein langes Leben zurück im Dienste der Literatur, besonders der Literatur für junge Leser. Worüber sind Sie, Gräfin Schönfeldt, besonders dankbar?

Gräfin Schönfeldt: Ich bin dankbar, dass ich es tun darf! Und ich bin dankbar, dass ich immer Partner finde, mit denen ich es machen kann!

Lieske: Ein Gespräch mit Sybil Gräfin Schönfeldt, aufgenommen in dieser Woche bei ihr zu Hause in Hamburg. Wer sich mit ihrem Leben und Werk vertraut machen will, dem empfehle ich ihre mit viel Humor geschriebene Biografie "Hoffen auf das Bessere", erschienen beim Verlag Sagas Edition. Das Buch "Sonderappell" über ihre Zeit im Reichsarbeitsdienst ist im dtv-Verlag erschienen, und das neu erzählte Alte und Neue Testament sowie nordische Märchen im Verlag Tulipan. Eine Biografie zu Astrid Lindgren erscheint im Verlag Ebersbach und Simon, und etliche Bücher zum Kochen und zur Gastlichkeit liegen vor im Arche Verlag. Eine Liste mit all diesen Titeln finden Sie im Internet unter www.deutschlandfunk.de, dort lässt sich diese Sendung in Kürze auch nachhören. Mit den besten Wünschen für ein schönes Wochenende verabschiede hier an dieser Stelle Tanja Lieske, machen Sie es gut!

Empfohlene Titel von Sybil Gräfin Schönfeldt:

1. Sybil Gräfin Schönfeldt: Hoffen auf das Bessere
(sagas.edition, Stuttgart)

2. Sybil Gräfin Schönfeldt: Sonderappell
(dtv, München)

3. Sybil Gräfin Schönfeldt: Astrid Lindgren. Erinnerungen an eine Jahrhundertfrau
(ebersbach & simon, Berlin)

4. Sybil Gräfin Schönfeldt: Bei Astrid Lindgren zu Tisch
(Arche Verlag, Hamburg)

5. Sybil Gräfin Schönfeldt: Gestern aß ich bei Goethe
(Arche Verlag, Hamburg)

6. Sybil Gräfin Schönfeldt, Klaus Ensikat (Illustrationen):
Die Bibel: Das Alte Testament
(Tulipan Verlag, Berlin)

7. Sybil Gräfin Schönfeldt, Klaus Ensikat (Illustrationen):
Die Bibel: Das Neue Testament
(Tulipan Verlag, Berlin)

8. Sybil Gräfin Schönfeldt, Aljoscha Blau (Illustrationen):
Nordische Sagen und Märchen
(Tulipan Verlag, Berlin)

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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