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StartseiteMusikjournalVirtuelle Klangerzeugung mit Smartphone und Apps13.03.2017

Symposium in BerlinVirtuelle Klangerzeugung mit Smartphone und Apps

Keine teure Studiotechnik, Instrumente oder Notenkenntnisse brauchen App-Musiker. Ihnen reicht ein Smartphone oder Tablet und eine Musik-App, um zu komponieren oder musizieren. Die Vielfalt der Szene zeigte sich auf dem Symposium "Mobile Music Making 2017" an der Universität der Künste Berlin.

Von Matthias Nöther

Auf einem Keyboard liegt ein Tablet Computer (iPad) mit einer Gitarren-App.  (dpa/picture alliance/Maximilian Schönherr)
Viele Musik-Apps funktionieren nicht über Knöpfe, sondern über Bewegungssteuerung. (dpa/picture alliance/Maximilian Schönherr)

Für eine Tagung über digitale Musik ist dies ein ungewöhnlicher Beitrag. Man hört den Klang einer hölzernen Box, und die ist auch tatsächlich vorhanden. Die ursprünglich darin aufbewahrten Dominosteine dürfen noch manchmal mitklappern. Der Maschinenmusiker Johannes Lohbihler vom Unternehmen Dada Machines hat einen Baukasten zum Erzeugen von Klängen entwickelt, die der alten, nicht-digitalen Welt entstammen. Bei der Tagung in Berlin führt er einen möglichen Aufbau seines Toolkits beispielhaft vor: zwei Rahmentrommeln, eine Blechtasse, dann noch Xylophon, Glockenspiel und einiges mehr stehen auf dem Tisch. Die Köppel, die sie zum Klingen bringen, werden von Elektromotoren bewegt. Diese wiederum sind an ein Tablet angeschlossen, das die Elemente digital steuert. Man kann das Sammelsurium mit einer Musik-App, einem Keyboard, einem Laptop oder einem Sequenzer bedienen.

"Man kann sich dann einfach das Steuergerät, das wir hier in der Mitte sehen, mit allen Zubehören so im Gesamtpaket holen. Und ob man das dann im Studio verwendet, um seine Drum-Samples zu machen, oder auf der Bühne – also das ist ganz breit von den Anwendungsszenarien, wo man das benutzen kann, diese Maschinen. Es klingt einfach anders. Du bringst wieder die Akustik und den Fehler, also was Besonderes auditiv rüber. Das ist nicht wie immer vom Lautsprecher, das gleiche Sample, das gleiche Preset. Es geht um die Haptik vom Sound, die dadurch besser wird – oder anders."

Jedes klassische Orchesterstück kann mit virtuellen Instrumenten nachgespielt werden

Musik, deren akustische Quelle auch sichtbar ist, kam ansonsten eher nicht vor an diesem Wochenende in der Universität der Künste Berlin. Matthias Krebs und Marc Godau von der dort angesiedelten Forschungsstelle für App-Musik sind Spezialisten für virtuelle Klangerzeugung. Krebs und Godau bilden mit drei weiteren App-Musikern zusammen das Digi-Ensemble. Jeder der Musiker des Ensembles bedient bei Live-Auftritten jeweils ein Smartphone oder Tablet. App-Musik ist ein ernstzunehmendes künstlerisches Genre, so die Botschaft. Dass man zunächst einmal jedes klassische Orchesterstück mit virtuellen Instrumenten live auf Smartphones nachspielen kann, ist für das Digi-Ensemble längst ein Allgemeinplatz.

Die etwa 80 Teilnehmer beim App-Musik-Symposium interessierten sich aber weniger für die Imitation von Klängen der Vergangenheit, sondern eher für Verbreitung von Apps, die mit möglichst leichter Bedienbarkeit kreative musikalische Prozesse anstoßen können – natürlich zunächst durch Ausprobieren.

Daddeln mit Apps – Lehrern in der Schule sind die neuen digitalen Interessen ihrer Schülerinnen und Schüler oft ein Dorn im Auge. Bezogen auf Musik-Apps kann solches Daddeln aber möglicherweise kompositorische und improvisatorische Experimente zur Folge haben. Gerade für manche Musiklehrer sind daher die neuesten Trends in diesem Bereich interessant – etwa für Philipp Schäffler aus Jena, der 2014 für ein App-Musik-Projekt mit einer Schulklasse den hochdotierten Europäischen Schulmusikpreis gewann.

"Ich habe beobachtet: Je klarer die Schüler eine Vorstellung hatten, desto besser konnten sie mit Apps arbeiten. Je unklarer sie waren in ihrer Vorstellung, desto beliebiger war auch das Endprodukt. Das war ausgesprochen interessant, und die Leute, die ein Instrument spielen, sind anders rangegangen als die Leute, die mit Musik relativ wenig am Hut haben. Bei manchen hat es gefunkt, und es ist etwas bei rausgekommen und es hat sie in Bewegung versetzt, und bei anderen war es dann aber wirklich auch ein beliebiges Spiel und nicht überzeugend."

Musiktools für das Smartphone

Inwieweit kreative Prozesse ausgelöst werden – wie sich sogar der Begriff des musikalischen Kunstwerks durch das Komponieren mit Musik-Apps verändert: Solche abstrakten Fragen stellen sich eher selten für den professionellen App-Musiker, der täglich mit einem Smartphone auf der Bühne steht. Vielmehr vermischen sich im Musikeralltag künstlerische und technische Fragen Zusehens. App-Musiker auf der Bühne agieren teilweise wie DJs zwischen Plattentellern und Reglern, sie halten dann aber auch wieder riesige Tablets in der Hand, auf denen sie wie bei einem normalen Musikinstrument Töne und Akkorde auf leuchtenden Buttons greifen. Wieder andere fuchteln mit ihren Smartphones im Raum herum – denn viele Musik-Apps funktionieren nicht über Knöpfe, sondern über Bewegungssteuerung.

Mit dieser Art des Musizierens kommen Fragen auf, die es früher nicht gab: Wie etwa koordiniert man beim Musizieren auf der Bühne die Apps? In den Appstores von Apple und Google gibt es ja keine musikalischen Alleskönner, sondern tausende von Musik-Apps mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und auch Beschränkungen. Wie können die beim Live-Musizieren störungsfrei zusammenwirken? Lösungen bietet etwa die Software Ableton Link. Matthias Krebs setzt sie beim Digi-Ensemble ein und sucht als Leiter der Forschungsstelle App-Musik täglich im Internet nach vergleichbaren Musiktools für das Smartphone.

"Ableton Link ist ja eine Technologie, die halt ein Synchronisieren verschiedener Tempi organisiert und damit gerade das digitale Musizieren doch deutlich vereinfacht. Digitales Musizieren ist ja gerade dadurch geprägt, dass es hochkomplex ist, weil die ganzen Klangerzeuger dort, Synthesizer und so weiter, gesteuert werden können. Und dann kann man jetzt mit dieser Technologie gerade die Drum-Computer und Synthesizer beziehungsweise Sequenzer auch nochmal synchronisieren und gemeinsam musizieren, was halt für elektronische Musiker vorher gar nicht so leicht möglich war."

Wo die Musikszene sich im Zeitalter der digitalen Revolution hinentwickeln wird, weiß noch niemand. Die App-Musik-Szene aber macht deutlich: Teure Studiotechnik, Instrumente oder Notenkenntnisse braucht zum Komponieren und Musizieren niemand mehr. Es hat durch das Smartphone eine ungeahnte Demokratisierung der Ressourcen an musikalischem und musiktechnischem Wissen stattgefunden.

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