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Syrien-KriegDie Fehler des Westens

Das Stichwort Regimewechsel zieht sich seit Langem durch die US-Politik in Bezug auf die arabische Welt. Das bemängelt der Nahost-Experte Michael Lüders in seinem neuen Buch "Die den Sturm ernten". Bereits im Vorgänger-Buch "Wer den Wind sät" hatte er auch den Westen verantwortlich für die Kriege in der arabischen Welt gemacht.

Von Winfried Dolderer

Ein Kartenspiel mit Konterfeis verschiedener Akteure, die im Golf- und Irakkrieg beteiligt waren. Von oben nach unten und links nach rechts. Georg W. Bush, Osama bin Laden, Saddam Hussein, der britische Premierminister Tony Blair, der ehem. US-Vize-Präsident Dick Cheney,  US-Außenministerin Condolezza Rice, und US-US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.  (imago/Unimedia Images)
Ein Kartenspiel mit Konterfeis verschiedener Akteure, die im Golf- und Irakkrieg beteiligt waren. (imago/Unimedia Images)
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Es ist eine bestechende Rechnung, die der Nahost-Experte Michael Lüders im vorliegenden Buch aufmacht. Wäre es Anfang 2011 zu Beginn des syrischen Aufstandes nicht sinnvoll gewesen, einfach abzuwarten, bis der Diktator Baschar al-Assad seine Ordnung wiederhergestellt hätte, gerne auch mit seinen Methoden? Der Krieg wäre längst vorbei. Hunderttausende Tote, Millionen Flüchtlinge, immense Zerstörungen wären dem Land erspart geblieben.

Dass stattdessen der Konflikt bisher kein Ende findet, lastet der Autor westlichen Regierungen an, allen voran den USA. Deren Kardinalfehler in seinen Augen war, auf dem Sturz Assads bestanden und dessen Gegner mit Waffen versorgt zu haben. "Was westliche Politik im Orient anrichtet", hatte bereits vor zwei Jahren der Untertitel einer früheren Publikation gelautet, in der Lüders die Serie externer Einmischungen in regionale Konflikte seit dem Sturz des iranischen Premiers Mohammed Mossadegh 1953 beschrieben hatte. Dort hatte er auch die Kernthesen zum Syrien-Konflikt schon vorgetragen, die er jetzt aktualisiert und zugespitzt präsentiert. Er verbindet damit eine Abrechnung mit deutschen Medien, denen er vorwirft, ein systematisch verzerrtes Bild zu zeichnen.

"Im Falle Syriens ist die vorherrschende Sichtweise in etwa diese: Das verbrecherische Assad-Regime führt Krieg gegen das eigene Volk, unterstützt von den nicht minder skrupellosen Machthabern in Moskau und Teheran. Die syrische Opposition, gerne als 'gemäßigt' bezeichnet..., befindet sich in einem verzweifelten Freiheitskampf, dem sich der Westen nicht verschließen kann. Andernfalls [...] würde er seine 'Werte' aufgeben."

CIA organisierte bereits 1949 Militärputsch in Syrien

Auf einer breiten Quellengrundlage vor allem englischsprachiger Publikationen schildert Lüders eine Geschichte westlicher Attacken auf die politische Ordnung Syriens, die bereits im März 1949 mit einem von der CIA organisierten Militärputsch gegen den gewählten Präsidenten Schukri al-Kuwatli begonnen habe. Dieser, ein arabischer Nationalist, hatte sich dem von den USA gewünschten Bau einer Pipeline widersetzt. Lüders sieht hier ein Handlungsmuster.

"Wer sich mit Syrien befasst, muss sich auch mit der CIA beschäftigen. Regime change ist das moderne Gesicht des klassischen Staatsstreiches. Auf dem Gebiet macht den USA niemand etwas vor."

Syrien sei ins Fadenkreuz geraten, als es sich im Kalten Krieg der Sowjetunion zuwandte. Als Schlüsseldokument für die jüngere Geschichte zitiert Lüders einen Bericht des US-Botschafters in Damaskus William Roebuck aus dem Dezember 2006. Roebuck analysierte Schwachstellen des Assad-Regimes und Möglichkeiten, diese auszunutzen. Unter anderem empfahl er, die syrische Opposition zu stärken, Menschenrechtsverletzungen anzuprangern und Ängste der syrischen Sunniten vor dem schiitischen Iran zu schüren. Lüders sieht darin die "Gebrauchsanweisung" für den späteren syrischen Aufstand.

"Schon fünf Jahre vor Beginn der Unruhen in Syrien also suchte die US-Regierung einen Regimewechsel in Damaskus herbeizuführen."

In welchem größeren Kontext die Syrienkrise in Washington gesehen wurde, erschließt sich aus einer 2012 gefertigten Aufzeichnung der damaligen Außenministerin Hillary Clinton. Hier wird deutlich, in welchem Maße die nuklearen Ambitionen des Iran und die Bedrohung Israels durch die vom Iran protegierte libanesische Hisbollah Hauptsorgen westlicher Politik waren. Das Dokument, das Lüders zitiert, vermittelt den Eindruck, dass aus Clintons Sicht der Sturz des iranfreundlichen Assad-Regimes zur Entschärfung des Problems beitragen könnte.

Syrische Opposition war kein geeigneter Verbündeter für die USA

Daraus ergab sich freilich ein Dilemma, das Lüders zutreffend analysiert. Assad loszuwerden konnte, wenn überhaupt, nur im Bunde mit einer syrischen Opposition gelingen, in deren Reihen gewalttätige Dschihadisten zunehmend die Oberhand gewannen. Spätestens seit 2012 machte sich, wie Lüders zeigt, auch die US-Administration darüber keine Illusionen mehr, ohne indes Konsequenzen zu ziehen. Präsident Barack Obama selbst beklagte 2014 den Mangel an gemäßigten Assad-Gegnern: "Es gibt da nicht so viel Kapazität, wie man sie gerne hätte."

Dagegen seien Assads Helfer Russland und Iran mit sich und ihrer Politik im Reinen. Anders als der Westen hätten sie die innenpolitischen Gegebenheiten in Syrien realistisch eingeschätzt.

"Moskau und Teheran unterstützen ein Regime, dem es an Skrupellosigkeit nicht fehlt, das aber dennoch von rund der Hälfte der Bevölkerung nach wie vor unterstützt wird. Welches Interesse auch sollte etwa ein syrischer Christ haben, sich von radikalen Islamisten köpfen zu lassen?"

Regimewechsel als durchgängiges Muster der US-Politk

Das Paradigma des "Regimewechsels" als Konstante einer aggressiven US-Außenpolitik, das bereits dem vorigen Orient-Buch des Verfassers zugrunde lag, lässt sich mit der CIA-Beteiligung am Sturz Mossadeghs oder dem Irak-Feldzug George W. Bushs freilich einleuchtender illustrieren als mit dem Syrien-Konflikt. Dessen Ursprung liegt ja klar zutage – eine durch interne Faktoren bedingte Protestbewegung. Dass es dafür gute Gründe gab, bestreitet Lüders nicht. Ebenso wenig verschweigt er, dass der von Anfang an exzessive Gewalteinsatz des Regimes die Radikalisierung auf Seiten der Opposition erst ausgelöst hat.

"Dabei wurden auch Artillerie und Kampfflugzeuge eingesetzt, Wohnviertel von Regimegegnern bombardiert sowie bewusst konfessionelle Spannungen geschürt, auch mit Hilfe von Morden und Massakern... Hätte das Regime die Demonstranten einfach gewähren lassen, wären die Proteste vermutlich ins Leere gelaufen. Doch die Militärmachthaber haben nie anders als im Rahmen von Unterdrückung und Gewalt gedacht."

Lüders hat einen interessanten und lesenswerten, freilich auch kontroversen Debattenbeitrag vorgelegt. Der Leser wird seiner Analyse in vielem zustimmen und doch immer wieder über apodiktische Thesen stolpern wie die Behauptung, niemand im Westen habe ein Interesse an der Beseitigung des Islamischen Staates, weil damit ein Vorwand entfiele, in der Region weiter Krieg zu führen. Aus einer vielfach verflochtenen Geschichte präpariert Lüders einen einzigen Erzählstrang heraus, in dem von westlichen Versäumnissen die Rede ist. Dass es allein der Westen gewesen sein soll, der Syrien ins Chaos gestürzt hat, wie im Untertitel formuliert, bleibt eine Behauptung.

Michael Lüders: "Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte"
C.H. Beck, 176 Seiten, 14,95 Euro.

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