• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 02:07 Uhr Konzertmomente
StartseiteEine WeltDie Türkei, Schutzmacht der Turkvölker28.11.2015

Syrische Turkmenen Die Türkei, Schutzmacht der Turkvölker

Hunderte Demonstranten in der Türkei stärken zurzeit der türkisch-stämmigen Minderheit in Syrien den Rücken, denn viele syrische Turkmenen sind auf der Flucht vor den Truppen des Diktators Assad. Mit russischer Hilfe vertreibt die syrische Armee sie aus dem Norden des Landes - doch die Türkei will das nicht hinnehmen.

Von Thomas Bormann

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hält eine Rede, hinter ihm sind zwei türkische Flaggen zu sehen. (picture alliance / dpa / Turkish President Press Office)
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beklagt, dass die Turkvölker überall in Gefahr sind. Mehr als 200 Millionen Menschen zählen zu den Turkvölkern. (picture alliance / dpa / Turkish President Press Office)
Mehr zum Thema

Türkei und Russland "Die Eskalation hat viel früher begonnen"

Irak "1300 Jahre sind die Schiiten durch die Sunniten unterdrückt worden"

Irak Islamisten weiter auf dem Vormarsch

Wahlen in der Türkei Die alevitsche Frage im Wahlkampf

Ukraine Krimtataren suchen Distanz zu Moskau

Zwischen Tengri und Koran

Immer wieder gehen in Istanbul und in anderen türkischen Städten Menschen auf die Straße, um lautstark gegen die russische Armee zu protestieren.

"Die Turkmenen sind nicht allein", rufen Hunderte Demonstranten und stärken der türkisch-stämmigen Minderheit in Syrien den Rücken. Aber die Truppen des syrischen Diktators Assad rücken derzeit auf die turkmenischen Dörfer vor, unterstützt von Luftangriffen der russischen Armee. Viele Turkmenen flüchten – die Türkei hat für sie direkt am Grenzzaun Zelte aufgestellt, versorgt die Flüchtlinge mit Lebensmitteln. Einer von ihnen ist Ömer:

"Wir sind hier schon seit fünf Tagen. Die russischen Kampfjets haben uns immer wieder bombardiert. Und auf dem Boden rollten die syrischen Panzer auf uns zu. Wir hatten Angst um das Leben unserer Kinder. Deshalb haben wir unser Dorf verlassen."

"Wir haben Angst, wir mussten fliehen", sagt eine ältere Frau. Die Turkmenen sprechen Türkisch. Die meisten sind sunnitische Muslime, genau wie die meisten Türken. Es gibt aber unter den Turkmenen auch einige Schiiten. Sie alle sind die Nachkommen der türkisch-osmanischen Bevölkerung, die seit Jahrhunderten hier lebt und sich auch nicht vertreiben lassen will. "Wir sind seit 600 Jahren hier und wir wollen hier bleiben", betont ein junger Mann.

10.000 Turkmenen kämpfen in Syrien gegen Assad

Etwa 10.000 Turkmenen kämpfen in der syrisch-turkmenischen Brigade gegen die Truppen des syrischen Diktators Assad. Das Regime in Damaskus war schon immer ihr Feind, denn niemals waren die Turkmenen in Syrien als eigene Volksgruppe anerkannt. Die meisten der kämpfenden Turkmenen stehen aufseiten der Freien syrischen Armee, also der gemäßigten Kräfte, die auch vom Westen unterstützt werden. Manche haben sich aber auch islamistischen Kampfgruppen angeschlossen.

Samir Hafez, der syrische Turkmenen-Führer sagt: Wir sind froh, dass uns die Türkei als starke Schutzmacht zur Seite steht:

"Wie hätten wir viereinhalb Jahre ausharren können, wenn die Türkei nicht gewesen wäre? Sie hat uns mit Lebensmitteln geholfen, mit Kleidung, mit Zelten und natürlich auch mit Waffen. Die türkische Öffentlichkeit muss wissen: Bayirbucak ist ein Stück Türkei."

Bayirbucak, so heißt der Landstrich mit etwa 50 turkmenischen Dörfern ganz im Norden Syriens direkt an der Grenze zur Türkei. Der türkische Präsident Erdogan sieht das genauso wie der syrische Turkmenen-Führer. Erdogan will zwar nicht die Bayirbucak-Region annektieren, aber er will, dass die Turkmenen dort auch in Zukunft leben können:

"Unsere Brüder und Schwestern, mit denen wir seit eintausend Jahren ein gemeinsames Schicksal teilen, gehen wirklich durch schwierige Zeiten. Die Lage in Syrien liegt auf der Hand. Die Probleme im Irak sind noch nicht gelöst."

Hunderttausende bedrohte Turkmenen im Irak

Auch im Nachbarland Irak leben Hunderttausende Turkmenen – auch sie sind akut bedroht. Sie geraten immer wieder zwischen die Fronten, wenn kurdische und arabische Iraker um Macht und Einfluss kämpfen. Viele irakische Turkmenen sind Opfer von Massakern geworden; viele andere sind in die Türkei geflüchtet.

Erdogan beklagt, dass die Turk-Völker überall in Gefahr sind. "Was vor nicht allzu langer Zeit auf der Krim passiert ist, haben wir nicht vergessen", sagt er. Als Russland vor gut eineinhalb Jahren die Krim-Halbinsel annektierte, hatten die 300.000 Krim-Tartaren befürchtet, sie könnten vertrieben werden. Die Krim-Tartaren bekennen sich zum Islam, ihre Sprache ähnelt sehr der türkischen Sprache.

In früheren Jahrhunderten sind Tausende Krim-Tartaren in die Türkei geflüchtet. Nach der Annexion durch Russland im Frühjahr vergangenen Jahres aber gab es keine neue Fluchtwelle. Die befürchteten Übergriffe blieben aus; auch die Krim-Tartaren haben inzwischen russische Pässe, sie erhalten russische Renten und russische Sozialleistungen.

Mehr als 200 Millionen Menschen zählen zu den Turkvölkern

Die Türkei sieht sich als Schutzmacht aller Turkvölker – von der türkischen Minderheit im Balkan-Staat Kosovo über den Kaukasus im Süden Russlands bis hin zum Turkvolk der Uiguren in China:

"Türkei, schlafe nicht, schütze Deine Brüder und Schwestern. Uiguren sterben und die Welt schaut weg!"

Das riefen Demonstranten vor der chinesischen Botschaft in Ankara vor gut einem Jahr, als die chinesische Polizei mal wieder gewaltsam gegen protestierende Uiguren vorgegangen war. In türkischen Schulbüchern steht, dass mehr als 200 Millionen Menschen zu den Turkvölkern zählen – sie alle sprechen Türkisch oder eine ähnliche Sprache.

Die Republik Türkei mit ihren 75 Millionen Einwohnern nimmt ihre Rolle als Schutzmacht der Turkvölker ernst. Deshalb will sie es nicht hinnehmen, dass die syrische Armee jetzt mit russischer Hilfe die Turkmenen aus dem Norden Syriens vertreibt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk