Kultur heute / Archiv /

 

Tabubruch Pädophilie

Matthias Glasners Film "This Is Love"

Von Josef Schnelle

In seinem neuen Film "This Is Love" greift Regisseur Matthias Glasner das Lolita-Thema Nabokovs auf. Mit Jens Albinus und Corinna Harfouch in Hauptrollen erzählt er von der sexuellen Beziehung eines älteren Mannes zu einer Achtjährigen.

Nach einem absichtlich herbeigeführten Autounfall sitzt Chris in einem Verhörraum mit der Kommissarin Maggie. Es ist auch eine Leiche gefunden worden, die mit ihm in Verbindung zu stehen scheint. Doch was als klassischer Polizeithriller beginnt, wird schnell zu einem Psychogramm einer verstörten Persönlichkeit.

Das Geheimnis von Chris ist seine sexuelle Orientierung. Er liebt kleine Mädchen. Mit seinem Selbstmordversuch hat er auch versucht, das quälende Begehren in sich zu töten. Das gilt einer ganz konkreten Person. Zusammen mit einem Freund hat er das Mädchen Jenjira, acht Jahre alt, aus einem vietnamesischen Kinderbordell herausgekauft. In Deutschland wollen die beiden Kleinkriminellen das Mädchen an eine Adoptionsfamilie illegal weiterverkaufen. Doch als es soweit ist, hat Chris seine keineswegs unschuldige Liebe zu dem Kind entdeckt und weigert sich, bei dem Deal weiter mitzumachen. Er will Jenjira für sich behalten. Das alles wird in Rückblenden nach und nach enthüllt.

Der Tabubruch besteht eigentlich darin, dass der Film suggeriert, das pädophile Verhältnis sei eigentlich wahre Liebe und natürlich wechselseitig. Regisseur Glasner weiß offenbar, dass er sich auf schwierigem Gelände bewegt. Schon, dass er aus dem Mädchen eine gewiefte kleine Prostituierte macht, die mit Fachausdrücken um sich wirft und mit dem zunächst väterlichen Freund glückliche Momente vor dem Fernseher verbringt, löst einen heftigen Klischeealarm aus. Glasner will das Tabu des Schweigens über sexuell-triebhafte Liebe zu Kindern brechen und schildert seine Hauptfigur als einen sympathischen Charakter, der an seiner Liebe zerbricht, genauer gesagt an deren Unerfüllbarkeit, weil sie ein Verbrechen ist. Schon bei den Recherchen zu seinem letzten Film stieß er auf den authentischen Fall, der die Grundlage der Story von "This Is Love" geworden ist.

Derartige Geschichten von der dunklen Seite der menschlichen Psyche sind ja die Spezialität von Matthias Glasner, der 2006 mit "Der freie Wille" durch einen Film über die Innenansicht eines brutalen Vergewaltigers, gespielt von Jürgen Vogel, schockierte und mit der Intensität dieses Tabubruchs überraschte. Bei Glasners neuem Film hat man den Eindruck, dass er nun eine Enzyklopädie der Tabubrüche anstrebt. Das Unbehagen ist jedenfalls groß, wenn am Ende des Films, das Mädchen nach der Hand des Mannes sucht. Eine zärtliche Geste, wo Chris sie doch gerade in einem Verschlag eingesperrt hatte, damit es nicht zu weiteren sexuellen Handlungen kommt. Einen möglichen elenden Hungertod hatte er dabei in Kauf genommen. Das Ganze dann auch noch "This Is Love" zu nennen, ist an Naivität eigentlich kaum noch zu überbieten. Dass Glasner trotzdem ein wirklich guter Regisseur ist, zeigt die zweite Geschichte, die der Film quasi parallel erzählt. Es ist die Geschichte der Kommissarin Maggie, die den rätselhaften Verlust ihres Mannes 16 Jahre zuvor konsequent im Alkoholismus ertränkt.

Die Rolle fordert Corinna Harfouch einige wirklich großartige Szenen ab und über weite Strecken hat man viel mehr Lust, noch mehr über sie zu erfahren, als weiter der hanebüchenen - auch etwas überkonstruierten - Päderastenstory zu folgen. Grandiose darstellerische Leistungen in einem eigentlich schlechten Film können durchaus manchmal zu den Höhepunkten der Filmkunst zählen. So würde man Corinna Harfouch sofort für jeden Filmpreis vorschlagen, den durchaus talentierten Regisseur Matthias Glasner aber doch auffordern, sich aus der Sackgasse des fortgesetzten Tabubruchs in seinen Filmen zu befreien und eine neue Richtung einzuschlagen. Dass er das kann, zeigt er mit der bewegenden, berührenden und gelegentlich auch humorvollen Geschichte der Kommissarin Maggie, die das Beste an diesem Film ist.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Frankreichs TheaterbühnenGanz Paris spielt von der Liebe

Blick in das Pariser Théâtre des Variétés ( AFP / FRANCOIS GUILLOT)

Die Pariser Theater haben die Liebe als Sujet ihrer Inszenierungen neu entdeckt. Gendergeschichtlich, emotional oder tänzerisch – von allen Seiten wird dieses unbeschreibliche Gefühl beleuchtet. Den finanziellen Kahlschlag im französischen Kulturbetrieb werden die Theater bei aller Liebe wohl trotzdem nicht abwenden können.

Ausstellung in Berlin Kunst, Geschichte und Verschwörungstheorien

Völkermord an Armeniern "Das Deutsche Reich war einer der wichtigsten Zeugen"

 

Kultur

Bernhard von ClairvauxVerteidiger der Juden und Ermahnungen an den Papst

Bernhard war ein Befürworter der Kreuzzüge. (AFP/Olivier Morrin)

Bis heute gilt Abt Bernhard von Clairvaux als eine prägende Figur seiner Zeit. Er hatte nicht nur in theologischen, sondern auch in politischen Fragen enorme Macht - und war an einer der größten Niederlagen der abendländischen Christenheit beteiligt.

Ritterschlag für Charlie ChaplinDie wichtigste Auszeichnung seines Lebens

Aufnahme des englischen Schauspielers, Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten Charlie Chaplin als "Tramp".  (picture alliance / dpa / UPI)

Seine Filmpremieren waren immer ein Ereignis. In den 1920er-Jahren avancierte er zum berühmtesten Weltstar seiner Zeit: Charlie Chaplin. Doch als größte Ehre empfand der britische Filmemacher seinen Ritterschlag am 4. März 1975 in London. In den USA, wo er 40 Jahre lebte, blieb er hingegen immer umstritten.

75-jähriges JubiläumGalerie St. Etienne - klein, aber sehr fein

Blick auf den New Yorker Stadtteil Manhatten (picture alliance / dpa - Daniel Bockwoldt)

Otto Kallir eröffnete 1939 die Galerie St. Etienne in New York. Damals zeigte der Immigrant vor allem Werke aus seiner Heimat Österreich - auch wenn das nicht dem damaligen Zeitgeschmack entsprach. Zum 75. Geburtstag der Galerie werden hauptsächlich Arbeiten jener Künstler gezeigt, die Otto Kallir in den Vereinigten Staaten als erster vertreten hatte.