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Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteEine WeltEine neue Stadt, aber keine Perspektiven09.01.2016

Tadschikistan und seine BürgerEine neue Stadt, aber keine Perspektiven

Tadschikistan gilt als der ärmste der zentralasiatischen Staaten. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und Wohnraum ist teuer. Viele Menschen arbeiten daher vor allem in Russland. Die Regierung Tadschikistans will das nun ändern. Im Norden des Landes soll eine neue Stadt entstehen. Doch wer Bau und Mieten bezahlen soll, ist fraglich.

Von Gesine Dornblüth

Das Ortsschild für "Saichun".  (Deutschlandradio/Gesine Dornblüth)
Das Ortsschild für "Saichun". (Deutschlandradio/Gesine Dornblüth)
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Das Ortsschild steht schon: "Saichun". Der Schriftzug ist an einem kranartigen Gestell angebracht, senkrecht, in der Mitte eines Kreisverkehrs in der tadschikischen Steppe. Ein Abzweiger führt in ein staubiges Nirgendwo, nur ein schmaler Streifen der Piste ist asphaltiert.

Immerhin, Wasser ist schon gelegt, es plätschert in einer Rinne. Am Straßenrand steht eine Schautafel mit einem Bauplan. Ein Mann betrachtet die Zeichnungen: Schulen, Kindergärten, ein Krankenhaus, ein Markt. Seine Stiefel sind voller Lehm, die Ärmel seiner Jacke haben Löcher. Ruziboi ist Schafhirte und auf dem Heimweg von der Arbeit. Am Kreisverkehr wartet er auf einen Bus.

"Das wird wohl eine Stadt. Ich hoffe, sie wird schön, und alle Bewohner werden glücklich. Ich jedenfalls wäre es, wenn ich hier eine Wohnung bekäme. Gott weiß, wann die Stadt fertig wird."

Stadt im Eigenbau

200.000 Menschen sollen in Saichun einmal wohnen. Der Bezirk stellt ihnen kostenlos Land zur Verfügung, bauen müssen sie selbst.
Ein paar 100 Meter weiter die einzige Baustelle weit und breit. Ein Kipplaster lädt Kies ab. Ein Mehrfamilienhaus. Eine Etage steht bereits, neun sollen es werden.

Gerade ist der Bauherr da, schaut nach dem Rechten. Narzulloh Baratow ist Unternehmer, er baut Wohnungen, um sie später zu verkaufen.
"Ein paar Interessenten haben sich schon erkundigt. Das sind vor allem Leute, die aus Russland zurückgekehrt sind. Meine Arbeiter waren auch alle in Russland. Ein- und Zweizimmerwohnungen sind gefragt. Die Stadt wird ja gebaut, damit die Leute nicht mehr länger nach Russland fahren müssen. Sondern bei uns arbeiten."

Schätzungen gehen davon aus, dass jeder dritte erwerbsfähige Tadschike im Ausland arbeitet – vor allem in Russland. Die Gastarbeiter schicken Geld nach Hause, viel Geld. Nach Angaben der Weltbank machten ihre Transferzahlungen in den letzten Jahren 40 bis 50 Prozent des tadschikischen Bruttoinlandsprodukts aus.

Schlechtere Arbeitsbedingungen für Gastarbeiter in Russland

Doch 2015 haben sich die Bedingungen für Gastarbeiter in Russland dramatisch verschlechtert. Wegen der Wirtschafts- und Rubelkrise sanken die Löhne. Und Russland hat die Gesetze für Migranten verschärft. In der Folge sind die Kosten für eine Arbeitsgenehmigung um ein Vielfaches gestiegen. Die Arbeit in der Fremde lohnt sich immer weniger. Die Transferzahlungen der Gastarbeiter sind 2015 auf ein Drittel gesunken.

Der Bauarbeiter Tahir setzt die Schubkarre ab und fährt sich über die Stirn. Er ist schon vor zwei Jahren aus Russland zurückgekehrt. In Tadschikistan verdient er nun deutlich weniger. Dennoch ist er froh, zuhause zu sein.

"Ich arbeite nicht weit von meinem Dorf, ich sehe meine Familie jeden Tag. Ich habe im Umland von Moskau gearbeitet, wir haben dort Datschen gebaut. Wir waren viele Tadschiken. Einige sind wie ich zurückgekommen, andere sind noch dort."

Experten gehen davon aus, dass auch weiterhin viele Zentralasiaten zum Geldverdienen nach Russland fahren werden, trotz der Krise, einfach, weil die Perspektiven zuhause noch schlechter sind. In Tadschikistan fehlen Arbeitsplätze. Der Verleger und Politologe Saimuddin Dustov erwartet nicht, dass sich das in nächster Zeit ändert.

"In Tadschikistan florierte in den letzten vier Jahren eigentlich nur die Baubranche. Dort entstanden Arbeitsplätze, auf den Baustellen in den Städten. Der Bürgermeister der Hauptstadt Duschanbe hat aber im Herbst angeordnet, keine Baugenehmigungen mehr zu erteilen. Es lohnt sich nicht mehr. Der Preis für Immobilien ist in Tadschikistan im letzten Jahr um bis zu vierzig Prozent gesunken. Die Regierung redet nur davon, Arbeitsplätze zu schaffen, sie tut aber nichts dafür."

"Alles hängt vom Geld ab"

Auch der Bauunternehmer Narzulloh Baratow blickt skeptisch in die Zukunft. Er könne derzeit nicht sagen, wann sein Mehrfamilienhaus fertig werde. Und darüber wann die neue Stadt Saichun fertig werde, mag er erst Recht keine Prognosen abgeben.

"Wir haben im März den Grundstein gelegt. Vielleicht ist alles in fünf Jahren fertig, vielleicht in sechs, vielleicht auch erst in zehn. Alles hängt vom Geld ab! Wenn mir keiner die Wohnungen abkauft, wozu soll ich dann bauen?"

Die Regierung lässt unterdessen schon mal die Parks der künftigen Stadt anlegen. Ein Kleinbus biegt von einem Feldweg auf den Asphaltstreifen. Darin sitzen Frauen. Sie haben Feierabend.

"Wir pflanzen Bäume. Pfirsiche und Aprikosen. Der Boden ist gut, sehr gut sogar."

 

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