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StartseiteBüchermarktTäuschung und Entlarvung09.05.2012

Täuschung und Entlarvung

William Boyd: "Eine große Zeit". Berlin Verlag, 446 Seiten

In William Boyds neuem Roman geht es erneut um die Welt der Spione. Nach einer hypnotischen Reise in die Vergangenheit des Schauspielers und unfreiwilligen Agenten Lysander Rief führt Boyd den Leser durch die Schützengräben und Wirrungen des Ersten Weltkriegs.

Von Martin Ebel

Der schottische Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur William Boyd (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Der schottische Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur William Boyd (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

William Boyd ist ein weltläufiger Autor. Ein, wie er sich selbst charakterisiert, in Afrika aufgewachsener Schotte, der in London und in Frankreich lebt; im Bergerac besitzt er einen eigenen Weinberg. Seit 1981 schreibt er Romane und Filmdrehbücher, beides mit beträchtlichem, auch vielfach preisgekröntem Erfolg.

Zu den ganz Großen der englischen Literatur, zu den McEwans, Mitchells oder Ishiguros, ist er bislang noch nicht aufgerückt. Das mag an der Genrehaftigkeit mancher seiner Bücher liegen - oder aber ihrer Verspieltheit. Boyd schreibt Spionageromane wie "Ruhelos", ein Spitzenwerk dieser Gattung. Er ist andrerseits Autor einer "Trilogie der Fälschungen", in der er für wahr ausgibt, was doch nur seiner Fantasie entspringt. Nun, tut das nicht jeder Autor? Schon, aber Boyd treibt es toller: Er hat mit "Nat Tate" die Biografie eines fiktiven Malers geschrieben und sie so sehr in der wirklichen Welt verankert, dass die halbe Kunstwelt darauf hereinfiel und behauptete, ja, auch sie habe diesen unbekannten abstrakten Expressionisten natürlich gekannt und geschätzt. Entsprechend groß war dann die Wut auf den, der sie hereingelegt hatte. Die vermeintlich von Nat Tate gemalten Bilder stammten übrigens von William Boyd selbst, denn malen tut er auch noch.

Um Täuschung und Entlarvung geht es immer auch in der Welt der Spione, in der sich der neue Roman "Eine große Zeit" wieder bewegt. Allerdings erst nach einem langen Vorspiel in Wien, dem Laboratorium der Moderne. Hierher reist Lysander Rief, ein nicht ganz erstrangiger englischer Schauspieler, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, um ein heikles sexuelles Problem mit einer ganz neuen Heilmethode zu beheben: der Psychoanalyse. Gleich um die Ecke von Dr. Freud, der im Roman einen kleinen Auftritt hat, praktiziert sein englischer Kollege Bensimon. Dessen - vom Gründervater vehement abgelehnte - Methode des "Parallelismus" wirkt wahre Wunder. Den Patienten belastet nämlich eine jugendliche Verfehlung: Er war beim Onanieren eingeschlafen, halbnackt ertappt worden und hatte den Sohn eines Angestellten beschuldigt, ihn missbraucht zu haben. Der wurde des elterlichen Gutes verwiesen, sein Vater auch. Die Geschichte der falschen Beschuldigung erinnert an Ian Mc Ewans "Abbitte", wo sie den ganzen großen Roman trägt; hier stellt sie nur einen kleinen, allerdings wichtigen Puzzlestein dar.

Bensimon versetzt Lysander durch Hypnose in die damalige Situation und veranlasst ihn, die Geschichte anders zu erleben - beziehungsweise zu erzählen. In dieser Parallelwelt gibt es die falsche Beschuldigung nicht, und mit je mehr Details sie ausgestattet wird, desto überzeugender fällt sie aus und verdrängt schließlich das, was wirklich vorgefallen war. Schade, dass es diese durchschlagende Methode nicht wirklich gibt! Immerhin hat William Boyd mit ihr eine schöne Metapher für die Wirkungskraft von Literatur geschaffen: Auch sie setzt ja mit der Gegenwelt, die sie entwirft, die Realität außer Kraft - für die Dauer der Lektüre und oft auch danach.

Der geheilte Lysander kehrt nun nicht geradewegs nach London und in seine alte Schauspielerexistenz zurück, sondern gerät von einem Schlamassel ins nächste. Er lässt sich von der Bildhauerin Hettie Bull verführen, einer klassischen Femme fatale - deren im Original haselnussbraune Augen die nicht immer ganz glückliche Übersetzerin mit "braungrün" übersetzt. Hettie wird schwanger, aus Angst vor ihrem gewalttätigen Lebensgefährten beschuldigt sie Lysander, sie vergewaltigt zu haben. Vor dem Prozess bewahren ihn zwei englische Botschaftsangehörige, die erst eine Kaution stellen und ihm dann die Flucht aus Wien ermöglichen.

Damit steht er in der Schuld seines Vaterlandes, und die muss er während des nun ausgebrochenen Ersten Weltkriegs als Agent abdienen. Dieser zweite, umfangreichere Teil des Buches ist der spannendere, aber auch unwahrscheinlichere Teil. Gerade die Konstruktion des Plots, eigentlich William Boyds Stärke, überzeugt hier nicht.

Dass eine der wichtigsten Aufgaben der englischen Spionageabwehr, die Entlarvung eines Verräters an hoher Stelle, einem unerfahrenen, wenn auch begabten Amateur anvertraut wird: Das glaube, wer will. Allerdings: Wenn ein mittelmäßiger Schauspieler amerikanischer Präsident werden kann, und das auch noch in der Wirklichkeit, warum dann nicht Meisterspion in einem Buch?

Also folgt der Leser den Windungen der Handlung, die ihn in die Schützengräben Nordfrankreichs, nach Genf, in die englische Provinz und schließlich in den Bombenhagel eines deutschen Zeppelins führt, mit der Aufmerksamkeit, die ein geschickter Erzähler wie Boyd verlangt und verdient. Er tröstet sich über das Übermaß an Unglaubhaftem und Überkomplexem mit der zweiten Ebene, die dieser Roman auch enthält.

Und diese zweite Ebene besteht aus einem fein über die Action geworfenem Netz an Motiven, abstrakten wie konkreten. Zu letzteren gehört das Libretto einer Oper, auf dessen Titelseite die völlig nackte Hettie Bull abgebildet ist, das als Schlüssel für codierte Nachrichten dient und schließlich den Verräter entlarvt. Das Motiv zeigt auch die geradezu filmische Schreibweise des Autors; man spürt förmlich, wie die Kamera heranzoomt und dem Leser zeigt, worauf er achten, was er sich merken muss.

Die Themen der falschen Beschuldigung, der Schauspielerei, des Identitätswechsels gehören auch zu dieser zweiten Ebene, die den Roman für den aktiven Leser über den bloßen Zeitvertreib hinaus hebt.

Was Boyd kann, zeigt er vielleicht am Schönsten auf den ersten und den letzten Seiten, die den Roman wie einen Rahmen einfassen. Da wird der Leser mit Du angesprochen, auf den Schauplatz versetzt und auf einen Passanten ohne Hut hingewiesen, den er eine Weile mit gebremster Aufmerksamkeit verfolgt, ehe er sich desinteressiert wieder abwendet. Wie anders packt der Romancier seinen Leser aber, als er den Passanten nun zu seinem Helden macht und zeigt, was in ihm steckt, indem er den Leser ganz nah an ihn heran und in ihn hinein führt. Wenn man so will, stellt William Boyd hier das zerstreute Zappen, die Rezeptionsweise unserer Zeit, der wahrhaft konzentrierten Hingabe an einen Gegenstand gegenüber. Klar, dass wirklicher Literatur nur mit letzterer gerecht zu werden ist.


William Boyd: Eine große Zeit
Roman. Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky
Berlin Verlag, Berlin 2012
446 Seiten, 22.90 Euro

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