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StartseiteKommentare und Themen der WocheAlte Fragen und neue Herausforderungen für die Gewerkschaften01.05.2018

Tag der ArbeitAlte Fragen und neue Herausforderungen für die Gewerkschaften

Die zunehmende Digitalisierung in der Arbeitswelt brauche die Gewerkschaften als kundige Begleiter, kommentiert Birgid Becker. Allerdings gebe es für die Gewerkschaften auch so genug Aufgaben, wie etwa den Boom der Leiharbeit oder schlecht bezahlte Vollzeitjobs, derer sie sich annehmen müssten.

Von Birgid Becker

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Zahlreiche Menschen protestieren während einer Großkundgebung auf dem Marienplatz in München anlässlich des Warnstreiks im öffentlichen Dienst.  (dpa-Bildfunk / Matthias Balk)
Der Organisationsgrad sinkt zwar in den Betrieben, zu den Warnstreiks im öffentlichen Dienst konnten die Gewerkschaften aber viele Menschen mobilisieren (dpa-Bildfunk / Matthias Balk)
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"Der Arbeiter wird eine umso wohlfeilere Ware, je mehr Waren er schafft". Sagt Karl Marx, den man ja gut zitieren kann an einem Tag der Arbeit und erst recht dann, wenn der 200. Geburtstag des alten Lieblingsdenkers der Linken nur wenige Tage entfernt liegt. Der Arbeiter, die wohlfeile Ware, das Perpetuum mobile aus immer mehr Waren bei immer geringerem Wert der Arbeitskraft - das scheint ja, als hätte der alte Marx den fahrrad-strampelnden Essensboten von Deliveroo vor Augen gehabt, als hätte er den Lagerhallen durchflitzenden Amazon-Mitarbeiter vorhergeahnt. "Digitales Proletariat" heißen sie heute, die Essensboten, Fahrradkuriere, Clickworker, Versandhandelshelden. Den Begriff hat Marx nun nicht erfinden können, den greift sich aber jetzt, als späte Leihgabe, der DGB-Chef.

Der Digitalwirtschaft sei Dank, sie beschert den Gewerkschaften eine neue soziale Frage - und noch ein Marx-Zitat: Jeder Schritt echter Bewegung sei wichtiger als ein Dutzend Programme, hat der nämlich gesagt, und das klingt nun auch wieder, als sei es den Gewerkschaften ins Stammbuch geschrieben.

Die digitale Revolution braucht die Gewerkschaften

Denn mal ehrlich: Sehr viel können die Gewerkschaften gar nicht tun, um dem digitalen Proletariat zu helfen. Einmal, weil sich erst zeigen muss, ob sich die neuen Proletarier, die frei von allem Klassenbewusstsein eine mehr als heterogene Gruppe sind, sich überhaupt helfen lassen wollen, und zum zweiten, weil es der Gesetzgeber ist, der die nötigen Instrumente in Händen hält – im Arbeitsrecht, im Betriebsverfassungsrecht, in den Sozialgesetzbüchern.

Ja, die digitale Revolution in der Arbeitswelt braucht die Gewerkschaften als kundige Begleiter. Aber wenn es um die, im Marxschen Sinne, "Schritte echter Bewegung" geht, dann stehen andere, praktische Herausforderungen an.

Die zum Beispiel: Nicht viel kleiner als das digitale Proletariat ist die Zahl derjenigen, die in Arbeit auf Abruf unterwegs sind. Und wahrlich kein Glanzstück gewerkschaftlicher Arbeit ist es, dass Tarifverträge die ohnedies schmalen gesetzlichen Schutzvorschriften für Abrufarbeiter noch unterschreiten dürfen.

Oder diese Herausforderung zum Beispiel: Trotz neuer Regeln boomt die Leiharbeit fröhlich weiter, und in einer Schlüsselbranche wie der Metall- und Elektroindustrie erlauben es die Tarifverträge, Leiharbeiter noch weitaus länger in der Schwebe zu lassen, als es der Gesetzgeber vorsieht. Auch kein Glanzstück gewerkschaftlicher Arbeit.

Nur für jeden zweiten Arbeitnehmer gilt ein Tarifvertrag

Und generell gibt es dies als Herausforderung: Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken geht hervor, dass in 3,7 Millionen regulärer Vollzeitjobs weniger als 2.000 Euro brutto verdient wird. In ganz regulären, sturznormalen, sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen.

Also: Die deutschen Gewerkschaften brauchen keine neuen sozialen Fragen, keine digitale Revolution, um wichtig zu sein. Sie sind es auch jetzt, hier und analog.

Und dabei kann man ihnen ein Kompliment machen: Die Gewerkschaften sehen gut aus, fast zwei Dekaden nach der Jahrtausendwende. Davor war es schlechter um sie bestellt: Die Mitgliederzahlen sanken, es war schick, Gewerkschaften Saurier zu nennen, und in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit, da waren sie das Kartell der Arbeitsplatzbesitzer ohne Herz und Sinn für die Menschen ohne Job. Alles vorbei, alles besser heute.

Aber: Nur noch für jeden zweiten Arbeitnehmer gilt ein Tarifvertrag, immer weniger Beschäftigte werden von einem Betriebsrat vertreten und nur noch bei 17 Prozent liegt der Organisationsgrad, der Anteil der Arbeitnehmer, die überhaupt noch Mitglied einer Gewerkschaft sind. Das führt zum letzten Marx an dieser Stelle zum Tag der Arbeit: Wie es selten Komplimente gibt ohne Lüge, so sagt der alte Großdenker, so finden sich auch selten Grobheiten ohne alle Wahrheit.

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