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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Langzeitarbeitslosen werden vergessen01.05.2017

Tag der ArbeitDie Langzeitarbeitslosen werden vergessen

Am Tag der Arbeit dürften die Gewerkschaftsvertreter gute Laune haben: Die deutsche Wirtschaft boomt, Arbeitskräfte werden nachgefragt. Doch zurückgelassen, meint Ulrike Winkelmann, sind diejenigen, mit denen noch nie jemand ein echtes Geschäft machen konnte: die Langzeitarbeitslosen.

Von Ulrike Winkelmann

Agentur für Arbeit am 17.04.2017 in Essen ( Nordrhein-Westfalen ) Die Bundesagentur für Arbeit ( BA, ehemals Bundesanstalt für Arbeit, umgangssprachlich Arbeitsamt ) ist die Verwaltungsträgerin der deutschen Arbeitslosenversicherung mit Sitz in Nürnberg. Foto: Revierfoto Foto: Revierfoto/Revierfoto/dpa (Revierfoto/ dpa)
Die Agentur für Arbeit in Essen (Revierfoto/ dpa)
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Es ist der Tag der Arbeit, die Gewerkschaften trommeln zu ihren Kundgebungen auf den Marktplätzen: Es geht dieses Jahr vor allem gegen rechts und für die Rente. Was ernsthafte Themen sind, doch die Gewerkschaftsvertreter dürften insgesamt trotzdem gute Laune haben: Die deutsche Wirtschaft boomt. Arbeitskräfte werden nachgefragt. Gute Tarifabschlüsse münzen sich – jedenfalls bei den Industriegewerkschaften - auch in steigende Beiträge um. Nicht zuletzt ist Andrea Nahles eine Arbeitsministerin, die dicht mit den Gewerkschaften zusammenarbeitet und viele ihrer Forderungen übernimmt.

Was für ein enormer Unterschied zu den Agenda-Tagen unter Kanzler Gerhard Schröder und seinem Arbeitsminister Wolfgang Clement, erste Hälfte der 2000er Jahre. Im Hauptstadtmilieu gehörte Gewerkschaftsverachtung damals zum guten, lässigen Ton. "Bremsklotz" war noch eines der freundlicheren Worte für die Rolle, die den Gewerkschaften bei den Arbeitsmarktreformen zugeschrieben wurde. Die Spitzenkräfte etwa des DGB mögen damals prominenter als heute gewesen sein, mächtiger waren sie gewiss nicht.

Die Gewerkschaften kämpften für ihre Leute. Sie erlitten eine fürchterliche Niederlage: Wie von ihnen vorausgesagt, zog Hartz IV die Löhne eines großen Teils der Beschäftigten herunter. Statt eines Hilfssystems, das der Lebensstandardsicherung verpflichtet war, kam mit Hartz IV nun auch etwa für gelernte Ingenieure - für die Gewerkschaftsklientel also - eine Minimalleistung, ergänzt durch Druck und Bürokratie.

Man muss sich nun gar nicht auf den Streit darum einlassen, ob der drohende Leistungsentzug und die von vielen als noch schlimmer empfundene Antragsbürokratie die Leute tatsächlich mobilisieren.

Es ist gut möglich, dass der eine oder andere Arbeitslose lieber einen miesen Job macht, als sich den Zumutungen des Hartz IV-Apparats auszusetzen.

Dieser Effekt kann das anhaltende deutsche Konjunkturwunder jedoch nicht im Ansatz erklären. Dazu muss man schon die großen ökonomischen Faktoren heranziehen: etwa den Euro, der die deutschen Waren in der Welt seit Jahren vergleichsweise billiger macht. Und die wachsende Nachfrage der Schwellenländer nach deutschen Maschinen. So erläutern es inzwischen sogar Ökonomen, die vor zwölf Jahren die Hartz-Reformen verteidigt haben.

Warum man von den Gewerkschaften in Sachen Hartz nichts mehr hört

Wer Anfang 2005 auf die Kennziffern schaute, konnte erkennen, dass die Wirtschaftsmotoren bereits wieder angesprungen waren – und ganz bestimmt nicht deshalb, weil Arbeitslose nun schlechter behandelt wurden. Doch nicht zuletzt, weil Politik lieber ihre Gestaltungsmacht als die Kraft rein ökonomischer Faktoren betont, lebt auch im aktuellen Wahlkampf wieder die Vorstellung auf, Hartz IV allein habe den Umschwung gebracht.

In den Genuss der guten Konjunktur sind vor allem die sogenannten "arbeitsmarktnahen" Arbeitslosen gekommen. Das sind jene, für die sich die Gewerkschaften damals besonders eingesetzt hatten: die eigentlich gut Ausgebildeten, die bloß zur falschen Zeit auf der falschen Stelle waren - die dann nämlich gestrichen wurde.

Zurückgelassen sind zum größten Teil diejenigen, mit denen noch nie jemand ein echtes Geschäft machen konnte: Die Langzeitarbeitslosen, diejenigen, die durch Hartz IV angeblich besser gefördert werden sollten - die alleinerziehenden Mütter, die unterqualifizierten Migranten, die jenseits der 50.

Und die vielen, von denen meist gar nicht die Rede ist: die mit seelischen Schäden, deren psychische Verfassung einfach nicht hinreicht, um in einem so produktiven, so fordernden System mithalten zu können. Auch ein robuster Arbeitsmarkt nimmt die weniger Robusten nicht mit.

Und nur zur Erinnerung für all diejenigen, die sich immer für verdiente Leistungsträger halten: Der Sprung von außen in den Arbeitsmarkt ist eine größere Probe als der Alltag vieler Inhaber einer ausgepolsterten Lebenszeitanstellung.

Die Langzeitarbeitslosen aber haben bis auf wenige, oft toll gemachte Hilfsinitiativen und Beratungsstellen faktisch keine Interessenvertretung: Wer eh nicht wählen geht und nie einen Mitgliedsantrag stellen würde, kann lange darauf warten, dass sich jemand mit ihm befasst. Das ist auch ein Grund, warum man von den Gewerkschaften in Sachen Hartz nichts mehr hört: "Ihre Leute" sind jetzt eben nicht mehr betroffen. Der gesellschaftliche Abstand zu denen mit dem Stigma der Nicht-Arbeitsfähigkeit ist wiederhergestellt.

Den Tag der Arbeit zu feiern ist schon in Ordnung. Zu bedenken, was Jahre der Arbeitslosigkeit bedeuten, würde aber dazu gehören.

Ulrike WinkelmannUlrike Winkelmann (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Ulrike Winkelmann, Jahrgang 1971, ist seit 2014 Redakteurin in der "Hintergrund"-Abteilung des Deutschlandfunk. Geboren in Wiesbaden, aufgewachsen in und bei Paderborn, studiert (Germanistik, Politologie, Staatsrecht) in Hamburg und London, volontierte sie 1995 bis 1997 bei der "taz hamburg", dem Hamburger Lokalteil der "tageszeitung". Ende 1999 stieg sie als Chefin vom Dienst bei "taz" in Berlin ein, wurde Innenpolitikredakteurin, Parlamentskorrespondentin, und Innenpolitik-Ressortleiterin. Ein Zwischenspiel 2010 bis 2011 als Politikchefin bei der Wochenzeitung "der Freitag".

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