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StartseiteDeutschland heuteEntscheidungen im Sekundentakt09.02.2018

Tag des NotrufsEntscheidungen im Sekundentakt

Wenn Rettungsdienste und Feuerwehr ausrücken, zählt jeder Moment. Und wer dringend Hilfe braucht, wählt die Telefonnummer 112. Rund 1.000 Anrufe gehen täglich allein bei der Kölner Notrufleitzentrale ein. Für diejenigen, die dort arbeiten, ein Job in Daueranspannung.

Von Karin Lamsfuß

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Wer dringend Hilfe braucht, sollte die Nummer 112 wählen. Ein Rettungswagen ist in durchschnittlich acht Minuten vor Ort.  (dpa)
Wer dringend Hilfe braucht, sollte die Nummer 112 wählen. Ein Rettungswagen ist in durchschnittlich acht Minuten vor Ort. (dpa)
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"Notruf Feuerwehr, Rettungsdienst Köln. Wo ist der Notfallort?"

Es ist elf Uhr morgens. Sascha Mohr hat heute 24-Stunden-Dienst. Über das Headset nimmt der Mittvierziger mit den kurz geschorenen, dunkelblonden Haaren einen Anruf nach dem anderen entgegen.

Schnell reagieren, schnell helfen

"Düsseldorfer Straße. Die Hausnummer?"

Der alte Mann, der gerade anruft, ist nicht nur schwerhörig, sondern auch verwirrt. Seine Frau ist gestürzt. Mohr bleibt geduldig.

"Ist Ihre Frau ansprechbar?"

Jeder der insgesamt 80 Leitstellendisponenten, die bei der Kölner Feuerwehr arbeiteten, ist nicht nur ausgebildeter Brandmeister, sondern auch Rettungsassistent mit langjähriger Berufserfahrung.

"Ich schicke Ihnen einen Rettungswagen vorbei. Dann machen Sie bitte die Tür auf."

Sascha Mohrs Blick springt zwischen den sieben Monitoren an seinem Arbeitsplatz hin und her. Welcher der über 100 Rettungswagen ist frei? Mit oder ohne Notarzt? Der Computer macht ihm einen Vorschlag. Sascha Mohr stimmt zu und funkt die Wache an, die dem Einsatzort am nächsten ist.

Von verletzten Tieren und Scherzanrufen bis zu Frauen in den Wehen

Die turnhallengroße Leitstelle gleicht einer Kommandozentrale. Obwohl alle leise telefonieren, ist die Geräuschkulisse enorm. Die sechs Meter hohe Wand trägt sieben Monitore: Einer zeigt die Rettungswagen an. Daneben: Alle Kölner Krankenhäuser mit ihren Notfalleinheiten wie Stroke Units oder Intensivbetten. Ein dritter: Alle diensthabenden Notärzte. Informationen, die die Disponenten nutzen, um innerhalb von Sekunden zu entscheiden, wie es im Einzelfall weitergeht.

Neben Sascha Mohr sitzt sein etwas älterer Kollege Walter Seifferer und rauft sich gerade die Haare.

"Drei Anrufe wegen einem Bussard. Man versucht, den Leuten auch klar zu machen, dass diese Tiere in der Natur auch verenden können, aber die meisten Anrufer dies nicht einsehen wollen."

"Matthias, wo hat er sich denn geschnitten? Ne Katze hat zugebissen? Ne Kampfkatze?"

Kleine Schnittwunden, Katzenbisse, aber auch verwirrte, einsame Menschen, die einfach nur nach der Uhrzeit fragen. Daneben Scherzanrufe oder Hosentaschenanrufe mit dem Handy. Alle Schicksale einer Millionenstadt laufen geballt hier auf: Krankheit, Einsamkeit, Sucht, Obdachlosigkeit.

Ruhe und Empathie sind wichtig

Sebastian Brandt leitet die Einsatzstelle. Und sagt: Für diesen Job sind besondere Eigenschaften erforderlich: 

"Also man muss quasi sich in die eine Seite hineinfühlen können und die richtigen Fragen stellen und dieses Know-How besitzen, um dann auch richtig reagieren zu können."

Es ist gerade mal halb zwölf mittags, ein ganz normaler Tag in der Leitstelle. 55 Einsätze laufen hieraktuell. Ein ruhiger Tag, sagen die Kollegen.

Sie erreicht ein Funkspruch aus einem Rettungswagen. Eine Frau schreit.

"Ihr seid im Auto?", fragt Sascha Mohr. Sein Kollege antwortet sofort: "Ecke Neusser Straße, oberhalb des Ebertplatzes".

"Ne Geburt. Haste ja gehört im Hintergrund", meint Mohr zu seinem Kollegen in der Leitstelle. Mohr tippt und gibt über Funk weiter: "10, NEF eins."

"10 NEF eins hört," ertönt es aus dem Lautsprecher.

Ein zusätzlicher Notarzt wird angefordert, um Mutter und Kind zu helfen.

"Ebertplatz, Geburt im RTW. Verstanden", bestätigt der Rettungsdienst per Funk.

Geburt und Tod. Kranker Igel und Herzinfarkt. All das liegt in der Leitstelle dicht nebeneinander. Jeder Einsatz kostet den Steuerzahler übrigens 450 Euro. Mit Notarzt knapp Tausend.

"Das macht wahnsinnig"

12:00 Uhr mittags in der Leitstelle. Längere Pause für Sascha Mohr. Er wird sich nun ein paar Stunden hinlegen. Oder Sport machen. Hauptsache, er kommt irgendwie runter.

"Das macht wahnsinnig. Nach vier Stunden müssen Sie hier weg, sonst kriegen Sie hier wirklich ein Rad ab."

Kollege Marcel Trömpert übernimmt. Er ist Anfang 30, Fußballer, wie er erzählt. Sportlich-trainiert wie jeder seiner Kollegen.

Die schönen Seiten des Berufs

Es geht weiter Schlag auf Schlag. Eine Autofahrerin kämpft mit einer Ohnmacht. Danach: diabetisches Koma. Dann: Blutender Mann am S-Bahnhof. Dann das erste Feuer an diesem Tag – stellte sich aber als Fehlalarm heraus. Daneben immer wieder Bagatellen. Trömperts absurdester Fall:

"Ne völlig überforderte Mutter, die ne Zecke am Ohr ihres Kindes festgestellt hat, ich hab ihr dann erklärt, dass man das auch selber mit ´ner Pinzette abmachen kann, ich sollte ihr dann Beistand am Telefon leisten, und sie hat’s dann entfernt bekommen.

Den Job hält er nur durch, weil er einfach weiß, warum er ihn macht. Manchmal sogar wegen eines Dankeschöns:

"Wir kriegen auch schon mal Notrufe, wo die Leute sich einfach bedanken: ‚Danke, dass Sie uns so gut geholfen haben!‘ Und das macht halt Spaß dann!"

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