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StartseiteUmwelt und VerbraucherKrummes Gemüse isst man doch02.05.2017

Tag gegen LebensmittelverschwendungKrummes Gemüse isst man doch

Dreibeinige Möhren, knubbelige Kartoffeln und krumme Gurken - im Handel wird solches Gemüse nicht verkauft. Stattdessen wird es vernichtet, zu Tierfutter weiterverarbeitet oder erst gar nicht geerntet. Mittlerweile versuchen Start-ups und auch regionale Produzenten, dieses Gemüse anders zu verarbeiten und zu vermarkten. Reine Gewissensberuhigung oder sinnvolle Lebensmittelverwertung?

Von Kiyo Dörrer

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Ein Korb mit krumm gewachsenem Gemüse  (picture alliance / dpa - Stephanie Pilick/dpa)
Krumm und schief gewachsen, aber von den Inhaltsstoffen unterscheiden sich diese Examplare nicht von gerade gewachsenem Gemüse. (picture alliance / dpa - Stephanie Pilick/dpa)
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Stellen Sie sich eine handgroße, herzförmige Kartoffel vor, frisch vom Feld. Ganz entzückend, eigentlich. Aber für den Handel ist diese Kartoffel praktisch wertlos. Wenn sie Glück hat, wird sie noch zu Tierfutter geschreddert. Aber meistens wird sie einfach untergepflügt. 

So wie dieser Kartoffel geht es 15 bis 50 Prozent der gesamten Ernte in Deutschland – je nach Sorte und Produktionsart. Schuld daran sind zum Teil EU-Normen, die bestimmen wie groß zum Beispiel eine Kartoffel sein darf. Pingelig mit dem Aussehen ist heute aber vor allem der Großhandel.

"Schon an der Warenannahme wird solche Ware direkt blockiert und wieder zurückgeschickt und vernichtet. Bei der Massenherstellung, bei den Riesenbetrieben, da macht sich heute keiner Gedanken darüber. So und so viel Prozent wird einkalkuliert und dann ist das so", sagt Heinz Bursch vom Biohof Bursch in Bornheim.

Verwertung von Resten

Noch vor einigen Jahren mussten auch seine Mitarbeiter 10 bis 20 Prozent der Ernte wegschmeißen, obwohl sie ihre Ware selbst direkt verkaufen. Dann kamen sie auf die Idee, in der hofeigenen Küche aus den Resten Eingelegtes, Chutneys und Currys zu kochen.

"Hier sind verschiedene Paprikasachen, krumme, schiefe, zu kleine, krüppelige, wenn man sie dann aufschneidet und dann Mixed Pickles hier macht, dann haben wir ein tolles Produkt hier."

Mittlerweile kann der Hof so seine Reste komplett verwerten. Ein Luxus, von dem so manche Höfe nur träumen können: Denn die meisten Landwirte in Großbetrieben sind den strengen Anforderungen Handels unterlegen. Im besten Fall wird das Aussortierte noch weiterverarbeitet:

"Bei den Äpfeln zum Beispiel geht da viel in die Saftereien, oder bei den Möhren können sie das in der Tierfütterung benutzen. Aber Sie müssen dann aber auch immer einen Abnehmer in der Nähe haben. Ganz oft ist das eben nicht so", sagt Frank Waskow von der Verbraucherzentrale NRW.

Für manche dieser Bauern springt dann Nicole Klaski ein: Sie hat in Köln Deutschlands ersten Reste-Supermarkt namens "The Good Food" eröffnet.

"Wir machen regelmäßig Nachernte beim Bauern, wir haben Kooperationen mit verschiedenen Landwirten in der Region und ernten das, was übrig geblieben ist."

Bio-Boxen und essbares Fruchtpapier

Gerade liegen im kleinen Ladenlokal Mini-Kartoffeln und austreibende Zwiebeln aus. Definitiv keine Ware, die man im normalen Supermarkt sehen würde - aber trotzdem genauso nahrhaft, versichert Klaski. Der Meinung sind mittlerweile auch viele andere Start-ups. Die Münchener Firma Etepetete sammelt unverkäufliches Gemüse von regionalen Bauern und verschickt es als Bio-Box. Die Berliner Manufaktur Dörrwerk stellt essbares Fruchtpapier aus liegengebliebenem Obst her. Sehr gute Ansätze, vor allem für das Bewusstsein der Verbraucher, sagt Waskow. Aber:

"Man muss am Ende immer die gesamte Öko-Bilanz sehen, ein Lebensmittel zu retten macht nicht in jedem Falle Sinn. Wenn dann die Bilanz kippt, weil man die drei Kilo Gemüse durch die ganze Republik schickt."

Oder etwa wenn man für eine Suppe aus krummen Möhren Kilometer mit dem Auto zum Hof fährt. Vor allem muss sich aber die Einstellung von Großhändlern ändern. Erste Schritte machte bereits Penny: Seit einem Jahr verkauft die Discounter-Kette unter dem Markennamen "Bio-Helden" krummes Gemüse zu normalen Bio-Preisen:

"Nach allen Aussagen, die wir gehört haben, ist das ein sehr erfolgreiches Projekt, wo richtig viele Menschen einkaufen. Da kann man was verringern, da können wir unsere Essensreste bis spätestens 2030 halbieren. Das würde nur über solche Aktionen funktionieren."

Dafür müsste aber ein radikales Umdenken stattfinden. Denn andere Supermarktketten wie Edeka, Rewe und Netto haben zwar auch schon krummes Gemüse verkauft, allerdings nur für kurze, PR-wirksame Aktionswochen.

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