• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 10:05 Uhr Gottesdienst
StartseiteForschung aktuellSchutt in der Tiefsee entsorgen16.12.2015

TagebauSchutt in der Tiefsee entsorgen

Moderne Tagebaue können riesig werden. Und nicht überall gibt es ausgefeilte Verfahren, um aus den bewegten Erdmassen neue Landschaften zu gestalten. Nicht selten wird alles einfach irgendwo hingekippt - und sei es in den nächsten Regenwald. Das sorgt zunehmend für Proteste. Also überlegen sich manche Firmen, dass die Tiefsee doch eine ideale Lösung bieten könnte.

Von Dagmar Röhrlich

Das am 15. April 2002 von der NASA veröffentliche Foto zeigt die Bahamas-Inseln in der Karibik und Kuba (unten), aufgenommen am 16.3.2002 von MODIS (Moderate Resolution Imaging Spectroradiometer). In der Bildmitte liegt die Andros Insel umgeben vom hellblauen Wasser der Great Bahama Bank, einem Korallenriff.  (picture alliance / dpa / epa afp Nasa)
Die Tiefsee aus dem Weltraum fotografiert. (picture alliance / dpa / epa afp Nasa)

1996 begann die Newmont Minahasa Raya Goldmine auf Sulawesi, täglich 2.000 Tonnen Abraum in eine flache Bucht zu leiten. Bald verschwanden die Fische, und die Menschen litten unter Hautentzündungen und Tumoren. Ein unabhängiges Wissenschaftlerteam kam zu dem Schluss, dass das Meerwasser Quecksilber, Arsen und Antimon aus dem Abraum herauslöst. Über Bodenlebewesen gelangen die Metalle in die Nahrungskette. Eine Reihe von Gerichtsprozessen folgte. 2007 wurden die Verantwortlichen freigesprochen. Newmont erhielt die Erlaubnis, auf Sumbawa einen weiteren Tagebau zu eröffnen:

"Es ist eine Gold- und Kupfermine. Der Abraum wird diesmal durch ein Rohr mehr als drei Kilometer von der Küste entfernt in ein steiles Tal im Meeresboden geleitet. So landet er in 3.000 Metern Wassertiefe. Es geht um 150.000 Tonnen pro Tag - und das über die kommenden 30, 40 Jahre hinweg."

Die Kosten der Abfallbeseitigung in der Tiefsee sind gering

Das Unternehmen wählte diesen Weg, weil es keine Erlaubnis erhielt, Regenwald für eine Deponie abzuholzen, erklärt der unabhängige Umweltgeologe Roy Young aus Boulder, Colorado:

"Auch drei Erzminen in Papua Neuguinea versenken ihren Abraum im Meer, allerdings geht es da um sehr viel geringere Mengen. Derzeit ist diese sogenannte untermeerische Abraumplatzierung keine allgemein akzeptierte Praxis, aber sie wird zunehmend eingesetzt. In der Türkei etwa, aber auch in Norwegen, wo sechs Tagebaue ihren Abraum in Fjorden entsorgen. Weitere Genehmigungen sind erteilt, so dass es bald mindestens acht sein werden."

Es sind vor allem die neuen Dimensionen dieser untermeerischer Abraumplatzierung, die Umweltgeologen wie Roy Young Sorgen bereiten:

"In Chile gibt es heute riesige Kupfer-Tagebaue, und der Kupfergehalt in den Gesteinen liegt bei bei einem halben bis einem Prozent. Das Gestein wird gemahlen und das Kupfer herausgeholt. Rund 99 Prozent des Gesteins sind jedoch Abraum - Abraum, der große Mengen an giftigen Metallen wie Kadmium, Arsen oder Blei enthält. Derzeit plant ein Unternehmen, täglich eine Million Tonnen fein gemahlenes Gesteins mit Meerwasser zu vermischen und alles ins Meer zu leiten."

Die Kosten der Abfallbeseitigung in der Tiefsee sind gering. Was dort jedoch gelandet ist, lässt sich nicht mehr zurückholen. Zwar erklärten die Firmen gerne, es sei im Grunde Sand, den sie da ins Meer leiteten - aber so einfach sei das nicht, urteilt Roy Young:

"Wie stark der Abraum mit dem Meerwasser reagiert, hängt von seiner Zusammensetzung ab und von Faktoren wie dem Sauerstoffgehalt des Wassers oder seiner Temperatur. So reagiert der norwegische Abraum sehr viel weniger mit dem Wasser als der aus den Kupfer-, Gold-, Kobalt- oder Molybdän-Minen in Chile, Indonesien oder Papua Neuguinea. Allerdings ist jeder Abraum mit den Chemikalien versetzt, mit denen das gewünschte Erz herausgeholt worden ist."

In großen Mengen könnten diese Chemikalien zum Problem werden. Eine Studie in den Gewässern vor Papua Neuguinea zeigt, dass im Verklappungsgebiet kaum mehr Bodenleben zu finden ist. Die Folgen für die Fischschwärme an der Oberfläche wurden nicht untersucht.

"Vor Chile wird jedoch ein Fünftel des nachhaltig gefangenen Fischs aus dem Meer geholt. Das liegt am Humboldtstrom: Kaltes, nährstoffhaltiges Tiefenwasser steigt vor der Küste auf und bildet die Lebensgrundlage der großen Schwärme. Wird dort wirklich - wie geplant - pro Tag eine Million Tonne Abfall in die Tiefsee verklappt, fürchten wir, dass mit dem Humboldtstrom sozusagen auch die Probleme zurück an die Oberfläche gelangen. Dann könnte dieser Abraum die größte nachhaltige Fischerei der Welt bedrohen."

Das Konzept der Industrie könne in ruhigen Meeresgebieten durchaus aufgehen, in denen das Wasser kalt sei und es kaum Strömungen gebe. Das müsse untersucht werden. In den turbulenten Wassern vor der Küste Chiles sei das jedoch mit Sicherheit nicht der Fall, warnt Roy Young.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk