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StartseiteBüchermarktTagebuch einer Begegnung09.03.2010

Tagebuch einer Begegnung

Ludwig Fels: "Die Parks von Palilula". Jung und Jung

Ludwig Fels' neues Buch ist kein Roman, sondern ein Tagebuch: Fels erzählt, wie er das nigerianische Mädchen Udoka und dessen Mutter auf ihrer Odyssee durch die Wiener Bürokratie begleitet.

Von Eberhard Falcke

Die Begebenheiten, von denen Ludwig Fels berichtet, hat er selbst erlebt. (Stock.XCHNG / Jacqueline Bisschoff)
Die Begebenheiten, von denen Ludwig Fels berichtet, hat er selbst erlebt. (Stock.XCHNG / Jacqueline Bisschoff)

Die fröhliche Botschaft ist das Kind. Nicht nur zu Weihnachten symbolisiert die Geburt eines Kindes Hoffnung und Neubeginn. Ludwig Fels, der seit Jahren in Wien lebt, hat sich unverhofft von solchem Glück des Anfangs gefangen nehmen, ja überwältigen lassen. Er hat heftig Anteil genommen an den ersten Lebensjahren eines kleinen Mädchens. Nicht als Vater, nicht als Verwandter, sondern getrieben von Lebenssehnsucht, Rührung, Begeisterung aber auch Verantwortungsgefühl. Und ein gewisses Menschheitspathos spielte ebenfalls eine Rolle. Grund genug, darüber ein Buch zu schreiben.

" Udoka hatte dichte, weiche Haare von samtener Schwärze, wie es das All zwischen den Sternen in lichtgepeitschten Nächten hat, und ihr Gesicht war zart und wunderschön. ... Ich küßte sie auf den Kopf und roch ihr Haar, streichelte vorsichtig ihre Finger und sagte etwas wie Willkommen! Ich wußte einfach nicht, was ich sonst hätte sagen sollen, und es war mir ernst damit, daß ich ihr wünschte, daß sie das Leben und die Welt und alles, was sie da draußen erwartete, willkommen hieß - und ich, ich wollte dazugehören, zu diesem Leben, dieser Welt. "

Allerdings vermischt sich die Freude über die Ankunft des Kindes mit bitteren Empfindungen. Die Mutter des Mädchens ist eine mit dem Autor und seiner Frau befreundete Migrantin aus Nigeria. Deshalb kann sich der Erzähler nicht allein dem widmen, was er am liebsten tut, nämlich die kleine Udoka im Kinderwagen auszuführen in "Die Parks von Palilula". Er muss außerdem die Mutter auf den komplizierten, bedrückenden Amtswegen begleiten, die für den Flüchtlingsalltag kennzeichnend sind.

Die Begebenheiten, von denen Ludwig Fels berichtet, hat er leibhaftig erlebt, die erlösungssüchtige Vernarrtheit in das Kind ist seine eigene und der wortreiche Zorn über das Schicksal der Afrikaner ebenfalls. Sein Buch ist kein Roman, sondern ein Tagebuch, das den Zeitraum von September 2007 bis März 2009 umfasst. Und die "Parks von Palilula", benannt nach einem Belgrader Stadtteil, sind von einer gröberen Poesie, als es der Buchtitel ahnen lässt: Es handelt sich um die abgenutzten Grünflächen und Spielplätze eines vorwiegend von Serben bewohnten Wiener Bezirks.

Wie für Tagebuchaufzeichnungen typisch, geht es auch hier ebenso um Weltbegegnung wie um Selbstbegegnung. Bei Fels heißt das in diesem Fall: Die Suche nach Erlösung durch menschliche Liebe wird angetrieben durch den Blick in die eigenen Abgründe.

" Udoka war mein Engel, der mich durch seine bloße Anwesenheit beschenkte. Udoka war mein letztes Licht inmitten dieser Freudlosigkeit und Verrohung, die ich in mir anrichtete. Ich kam, bildlich gesprochen, heraus aus meinem Turm, um zu verkünden, daß wir, zerschmettert im Abgrund der Niederlagen, uns immer wieder aufs neue erheben werden, bis eine vollkommen andere Geschichte geschrieben wird. "

Der Ton, den Fels anschlägt, ist so rau, emotional und von einem heißen Atem durchweht, wie man es von diesem Autor kennt. Er schwärmt, wütet, lamentiert, träumt. Da ist einer aufgewühlt und er will es sein. Es geht ihm das Herz auf, doch es schwillt ihm auch der Kamm. Afrika war ihm immer ein Sehnsuchtsort, dort hingelangt ist er jedoch nie. Die Verbrechen, die Europa an Afrika verübte und weiter begeht - die Sklaverei, den Kolonialismus, den Rassismus - kompensiert er durch Idealisierung der Afrikaner und schiefe Pauschalurteile über die Europäer. Kein Wunder, dass die wirklichen Afrikaner, mit denen er es zu tun hat, dieser Überhöhung nicht standhalten. Doch dafür entschädigt ihn Udoka. Die Freude, die der kinderlose Schriftsteller über das Mädchen empfindet, die geradezu süchtige Zuwendung, die er ihm widmet, sie lassen ihn zugleich Bilanz ziehen über all das, was er damit wettmachen will, was ihm, der das Alter der Großväter erreicht hat, verwehrt blieb, was ihm fehlt.

" Habe ich mich nicht die ganze Zeit davongestohlen, unterm Deckmantel der Literatur? Davongestohlen aus jedem Leben, das möglich gewesen wäre, auch menschenwürdigem? Ich habe mich aus der Verantwortung gestohlen, am Ende sogar aus der Liebe: ich, mein eigener Dieb, mit der wertlosen Beute der Einsamkeit. "

Existenziell geht es in den Sätzen dieses Autors immer um alles oder nichts. Auch stilistisch steht da Entscheidendes auf dem Spiel. Wenn Fels sich poetisch aufschwingt aus den Niederungen der Alltagsprosa, so wie er sich einst aus seinem literaturfernen Treuchtlinger Herkunftsmilieu abgestoßen hat, dann geht es steil hinauf in die Sphären gewagter Bilder, überhitzter Sätze, pathosgeladener Ausbrüche.

Oft wird in wohlmeinenden Rezensionen von Fels-Büchern der Kitschverdacht ausdrücklich zurückgewiesen. Was kaum nötig wäre, wenn er sich nirgends regen würde. Tatsächlich wandelt Fels bei seinen orgiastisch angetörnten Existenzgesängen oftmals auf schmalem Grat. "Das Leben ist ein gewaltig brüllendes Tier", das ist so ein Fels-Satz auf der Kippe zwischen Schmerz und Schmäh. Auch dieses Tagebuch eines verzweifelten Liebesversuchs erscheint als höchst unausgeglichenes, stets absturzgefährdetes Gebilde. Und dennoch entfaltet es im Fortgang der Lektüre eine packende Wirkung. Das liegt, wie so oft bei Ludwig Fels, an den dramatischen menschlichen Konstellationen, von denen er erzählt. Die Geschichte vom großen weißen Mann, der bei dem kleinen schwarzen Mädchen nach Rettung sucht - diese ebenso humane wie halluzinatorische Episode aus dem Alltag unserer Epoche prägt sich ein mit der Kraft einer ergreifenden Legende.

Ludwig Fels: Die Parks von Palilula. Jung und Jung, Salzburg 2009. 256 Seiten, 22 Euro

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