Sonntag, 27.05.2018
 
Seit 00:05 Uhr Lange Nacht
StartseiteUmwelt und VerbraucherEine Woche ohne Auto 16.05.2018

Tagebuch einer notorischen Pkw-FahrerinEine Woche ohne Auto

Dlf-Korrespondentin Uschi Götz macht den Test und fährt eine Woche lang mit der Bahn. Sie vergleicht Praktikabilität, Zeitaufwand, Wohlgefühl und Kosten. Dem echten Leben kommt sie immer näher - und wird auch in anderer Hinsicht positiv überrascht.

Von Uschi Götz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Berufsverkehr am Kölner Hauptbahnhof (picture alliance / Marius Becker/dpa)
Der Umstieg auf die Bahn ist für Autofahrer erst mal ein Angang (picture alliance / Marius Becker/dpa)
Mehr zum Thema

Auto und Mensch "Autofahren ist schlimmer als eine Sucht"

Verkehrspolitik Autofahren muss unpraktisch werden

Günstig Bahnfahren Preisfüchse sind bei Bahntickets echt gefordert

"Typisch deutsch?" Beim Bahnfahren lamentieren Deutsche auf höchstem Niveau

7 Uhr. Meine Woche ohne Auto beginnt. Um 7:22 fährt mein Bus. Sollten alle Verbindungen klappen, bin ich um 8: 45 Uhr in der Stuttgarter Redaktion. Fahrzeit: Eine Stunde zwanzig Minuten, viermal umsteigen.

Etwa eine halbe Stunde brauche ich mit dem Auto für die rund 45 Kilometer lange Strecke. Diese Zeit ist allerdings nur zu schaffen, wenn ich morgens um 5: 30 starte, ansonsten stehe ich auf der A81 im Stau.

Mit Rollkoffer, Rucksack und Handtasche ziehe ich an einem Nachbar vorbei. Ob ich verreise, fragt er. Ich wohne schon lange in dem Dorf nahe Tübingen. An diesem Morgen stehe ich zum ersten Mal an der Bushaltestelle im Ort. 15 Minuten zu früh allerdings, und das bei sieben Grad Außentemperatur. Ich bin zu leicht angezogen. Die ganze Woche werde ich falsch angezogen sein.

Fremd in der Zwangsgemeinschaft

Der Bus ist pünktlich, mit mir steigt noch eine Schülerin ein. Acht Minuten dauert die Fahrt bis in den nächsten Ort, dort muss ich in die Regionalbahn umsteigen.

In Herrenberg wartet bereits die S-Bahn nach Stuttgart. Von wegen Zeitung lesen: Alle Sitzplätze sind belegt, ich stehe bis Böblingen. Im Abteil ist es sehr ruhig: die Hälfte schläft, der Rest ist mit seinem Handy beschäftigt. Nomaden der Neuzeit, denke ich und fühle mich noch fremd in dieser Zwangsgemeinschaft.

Mein Auto ist mein Mobile Office. Gummistiefel, Reisedrucker, sehr viel Technik, Klamotten für verschiedene Anlässe - die Basisausstattung für Korrespondenten ist immer dabei. Die Hälfte davon habe ich jetzt in meinem Koffer und Rucksack.

"Ich werde lockerer, routinierter, sehe Menschen"

Vom Stuttgarter Hauptbahnhof sind es noch fünf Stationen mit der Stadtbahn bis in die Metzstraße. Etwa 500 Meter Fußweg und tatsächlich bin ich um 8: 45 in der Redaktion.

Bus, Regionalbahn, S-Bahn, Stadtbahn. 1 Stunde 20 Minuten hin, genauso lang zurück. Ab dem dritten Tag werde ich routinierter, ich kenne mittlerweile die Stationen, buche Handytickets, schaue in der App, ob die nächste Verbindung klappt. Ich reduziere mein Equipment auf das Nötigste und lerne: Regen bringt einen nicht um.

Ich werde lockerer, packe mittlerweile meinen Laptop auf den Fahrten aus, sehe traurig, müde Menschen, glückliche, vor allem abends sehr viele betrunkene und hilfesuchende Leute.

Rückkehr ins echte Leben

Als Autopendler lebe ich in einer Blase, der Umstieg auf Bus und Bahn kommt einem Systemwechsel gleich. Im Auto telefoniere ich, checke E-Mails an roten Ampeln und versuche Staus mithilfe des Navis möglichst zu umfahren, bekomme aber sonst nichts mit. Jetzt komme ich wohl dem echten Leben wieder näher: Ich tröste kleine Kinder, schlage Ärzten aus Afrika Sehenswürdigkeiten in Stuttgart vor, und gerate versehentlich mitten in eine Festnahme vor dem Hauptbahnhof.

Eine Stunde warte ich am Mittwochabend auf einen Anschlussbus und nehme mir vor, die letzte Strecke ins Dorf schon bald mit dem Fahrrad zu testen.

Keine Verspätungen oder Zugausfälle

Kehre ich am Abend ins Dorf zurück, treffe ich vor den Häusern Leute, die ich Jahre nicht mehr gesehen habe. Mal werde ich für eine Touristin gehalten, ein Nachbar spekuliert, ob ich meinen Führerschein verloren habe. Ungläubig schütteln fast alle den Kopf, wenn ich von meinem Versuch erzähle. Alle fahren hier mit dem Auto zur Arbeit.

24 Kilometer bin ich in fünf Tagen zu Fuß gegangen. Knapp 20 Euro pro Tag haben mich die Fahrten innerhalb zwei verschiedener Tarifverbünde gekostet. Das ist deutlich teurer als die Fahrten mit meinem Elektroauto, die bei etwa 13 Euro pro Tag liegen. Mit einer Monats- oder Jahreskarten für das Stuttgarter Bahnnetz ließe sich da sicher einiges sparen.

Die Woche ohne Auto ist vorbei. Bis auf zwei Ausnahmen gab es keine Verspätungen oder Zugausfälle. Das war wirklich überraschend. Ein Grund, den Umstieg weiter zu testen und dabei einmal genauer auf die Kosten zu schauen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk