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Tagebücher 1984-1989

Piper, 155 S., EUR 7,90

Florian Felix Weyh

Hochbetagt seinen Lebensabend genießen zu dürfen, Glück und Gedeihen der eigenen Kinder erleben zu können, die Früchte einer erfolgreichen Karriere einzustreichen - das ist unser Bild des vollendeten Lebenskreises. Aber Alter, Einsamkeit, Verbitterung, diese Trias fürchten wir alle. Sándor Márai steht 1984 am Ende einer langen, mißglückten Biographie. So jedenfalls empfindet er es, wenngleich ihm das zweifelhafte Privileg bleibt, wenigstens nicht selbst für den Bruch verantwortlich zu sein, der ihm in der zweiten Hälfte seines Lebens alle künstlerischen Energien raubte. Seit er 1948 wegen kommunistischer Repressalien Ungarn verlassen hatte und in die USA emigriert war, gelang ihm nicht mehr, an frühere literarische Erfolge anzuknüpfen. Als Vertreter des klassischen Bildungsbürgertums blieb er in Amerika genauso fremd, wie er es im eigenen Heimatland bereits geworden war. Erst zehn Jahre nach seinem Tod sollte seinem Roman "Die Glut" ein gesamteuropäisches Comeback vergönnt sein.

Márai will nicht mehr, er ist am Ende, sieht keinen Sinn im körperlichen und geistigen Verfallsprozeß des Alterns. Mit eisernem Willen bäumt er sich ein letztes Mal gegen Fremdbestimmung auf. Niemand hat es geschafft, ihm je seinen Willen aufzuzwingen, nicht die Nazis und nicht die Kommunisten. Auch die Natur soll es nicht schaffen. Sie besiegt man nur mit einem Mittel: dem Freitod. "Ruhe, wenn ich an den Tod denke, Unruhe, wenn ich an das Sterben denke", notiert er 1984 ahnungsvoll, denn so einfach vollzieht sich der Abschied nicht. Über fünf lange Jahre quält er sich dahin, bis Márai schließlich in jenem Jahr Hand an sich legt, in dem in Ungarn der Eiserne Vorhang aufgeht und all das in Schutt und Asche fällt, was des Dichters Lebensunglück verursachte.

Viele Menschen weinen im Kino und manche, wenn sie Kitschromane lesen. Sándor Márais letzte Lebenszeichen sind derart erschütternd, daß einem Tränen dafür fast zu billig vorkommen. Das Schicksal meint es nicht gut mit dem alten Mann. Zieht sich zu Beginn der Aufzeichnungen über Monate der Todeskampf seiner krebskranken Frau hinweg, raubt ihm ein unerwarteter Herzinfarkt auch noch den halb so alten Adoptivsohn. Nun lebt der Dichter vollkommen isoliert, verläßt das Haus kaum noch, richtet seine Aufmerksamkeit auf die Vergangenheit und sein eigenes Innenleben. "Ich will nicht sterben", notiert er Anfang 1986, "noch nicht. Aber ich habe den Revolver in den Nachttisch gelegt, damit er zur Hand ist, wenn ich sterben will." Mit unerbittlicher Härte übt er die Selbsttötung ein, denn zuvor hielt er nie eine Waffe in der Hand. Márai absolviert eine für Amateure angebotene Schießausbildung bei der Polizei, wo sich niemand über den Greis mit seinem blitzenden Revolver wundert. Amerika - ein Land des freien Willens, das Mord und Selbstmord gleichermaßen unterstützt. Nachts, wenn er nicht schlafen kann, liest der Verzweifelte die Aufzeichnungen seiner verstorbenen Frau, mit der er über sechzig Jahre lang verheiratet war. Kladde um Kladde hat sie mit akribischen Beobachtungen aus dem gemeinsamen Alltagsleben gefüllt. Wie ein Film laufen all diese Jahre noch einmal vor ihm ab, und man vermag als Leser nicht zu sagen, ob dies Trost spendet oder eine höllische Strafe darstellt. Die körperlichen Gebrechen nehmen zu, die Notizen werden spärlicher. Doch immer wieder enthalten sie luzide, altersweise Gedanken eines ganz Großen der ungarischen Literatur. Der letzte Satz vom 15. Januar 1989 beschränkt sich auf neun lakonische Buchstaben. "Es ist Zeit", lautet er. Am 22. Februar erschießt sich Sándor Márai in seinem neunzigsten Lebensjahr. Was in diesen letzten fünf Wochen passierte, werden wir nie erfahren. Aber hoffen - hoffen können wir, daß ein gequälter Geist schließlich zur Ruhe fand.

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