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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenJung sein in Zeiten von Krieg und Vertreibung09.03.2017

Tagung über das ErwachsenwerdenJung sein in Zeiten von Krieg und Vertreibung

Lange Zeit hat die Psychologie die Adoleszenz europäischer oder westlich geprägter Jugendlicher in den Blick genommen. Ein Kongress in Frankfurt beschäftigte sich nun mit Jugendlichen aus anderen Kulturkreisen. Diskutiert wurde zum Beispiel, wie sich Krieg und Flucht auf die Entwicklung auswirken.

Von Eva-Maria Götz

Palästinensische Jugendliche am 30. Januar 2009 beim Fußballspielen vor Zelten und zerstörten Gebäuden. (dpa / picture-alliance / Wissam Nasser )
Heranwachsen zwischen Krieg und Ruinen. (dpa / picture-alliance / Wissam Nasser )

Die Psychologie hat seit Beginn ihres Bestehens ein besonderes Augenmerk auf diese Entwicklungsphase gelegt, immerhin war der erste bekannte Fall von Sigmund Freud eine Jugendliche. Doch lange Zeit ging es vor allem darum, europäische oder westlich geprägte Jugendliche in dieser Zeit zu begleiten. Diese Haltung ist nun nicht mehr zeitgemäß. Und so rückten beim Kongress des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt auch Adoleszente aus anderen Kulturkreisen in den Mittelpunkt. Was bedeutet es, jung zu sein in einer Zeit, in der Kriege, Flucht und Unsicherheit das Leben bestimmen? Und welche Voraussetzungen müssen oder sollten gegeben sein, damit dieser komplexe Umgestaltungsprozess gelingt?


"Das Entscheidende war, dass wir überrascht waren, in welcher Weise Jugendliche auf der ganzen Welt ähnliche Belastungen erleben. Die Stresslevel sind unterschiedlich hoch, aber was sie belastet, ist in allen Ländern das Gleiche. An erster Stelle stehen Zukunftsängste."

Sagt die Mainzer Psychologin Prof. Inge Seiffge-Krenke, die an einer Studie beteiligt war, in der in über sieben Regionen weltweit über 18.000 Jugendliche nach ihren Stressfaktoren gefragt wurden. Die Angst, nicht den richtigen Beruf zu finden und die Angst vor Arbeitslosigkeit beschäftigt die Heranwachsenden wesentlich mehr als die Angst, nicht den Partner oder die Partnerin fürs Leben zu finden. Die Fragen nach der eigenen Identität - wer bin ich, was kann ich und was will ich wirklich- stehen auf Rang 2 der internationalen Stress-Liste.

"Danach an dritter Stelle schon Schule: also Leistungsstress, schlechte Schulnoten. Ich glaube, diese Bedeutung auf dem Rangplatz drei hängt damit zusammen, dass die jungen Leute verstanden haben, dass ohne eine angemessene Schulausbildung, ohne Weiterbildung und ohne Berufsabschluss, möglicherweise ein  Studium oder eine Lehre, geht es nicht weiter. Die Bedeutung der Ausbildung hat unwahrscheinlich zugenommen."

Hohe Stresswerte in Schwellenländern

Besonders hoch sind die Stresswerte in den asiatischen und südamerikanischen Schwellenländern. Aber, so Inge Seiffge-Krenke, dort ist auch die Kompetenz, mit dieser Belastung umzugehen, besonders hoch.

"Man kann sagen, dass zwei Drittel der jungen Leute aus diesen Ländern sehr kompetent mit der Belastung umgehen. Das heißt, sie haben sich kundig gemacht, sie haben in den neuen Medien nachgeschaut, sie haben mit den Eltern diskutiert, sie haben Freunde gefragt, oder darüber reflektiert. Und es gibt nur einen kleinen Prozentsatz von etwa 20%, die sich eher zurückziehen, es aufgeben, das nicht versuchen, zu lösen. Dieser Rückzug ist in manchen Ländern größer. Und er ist in den Ländern größer, in denen die Auseinandersetzung und das offene Verhandeln nicht an der Tagesordnung ist zwischen den Eltern und Kindern. Es ist also weniger eine Frage der Inkompetenz, sondern des kulturellen Kontextes, der in manchen Ländern verbietet, allzu offen auszuhandeln."

Die Jugendlichen, die keine Wahlmöglichkeit haben oder denen die Kraft fehlt, sich durchzusetzen, eine eigenständige Persönlichkeit auszubilden, die unsicher und frustriert sind, sind besonders anfällig für radikale Ideologien wie des IS. Dort finden sie eine scheinbare Identität in der Masse und können ihre Ängste und Eigenverantwortung an selbsternannte "Führer" angeben, wie Patrick Meurs, Professor für Psychoanalyse an der Universität Kassel, erläuterte. Aus Untaten werden dort Heldentaten, entfesseltes, triebhaftes Verhalten wird mit dem Versprechen von Ruhm und einer sorglosen Zukunft belohnt. Der Dschihad geriert sich dabei weltweit wie eine attraktive Jugendbewegung, sagt auch die Ethnologin und Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, Susanne Schröter:

"Es gibt eine eigene Musik, es gibt die sogenannten nashid, es gibt eine eigene Kleiderordnung, es gibt einen eigenen slang, eine eigene Sprache, eigene Erkennungsmöglichkeiten. Und dann kommt dann noch das revolutionäre Moment dazu. Man möchte die Gesellschaft von Grund auf verändern, man möchte die  weltliche Ordnung abschaffen, eine islamische Ordnung etablieren, und das wird alles noch  mit der Idee von Gerechtigkeit und Befreiung unterlegt. Also alle Momente, die man so braucht für eine Jugendbewegung sind da und es ist enorm attraktiv, obwohl der IS ja militärisch nun überhaupt nichts mehr zu bieten hat, und die große Erzählung, dass es so erfolgreich ist, dass man nun die Welt erobern werde, die ja nun erst mal sich nicht realisiert hat. Trotzdem gibt es einen ungebremsten Zulauf in die salafistischen Milieus hinein."

Immer mehr gebildete Jugendliche schließen sich radikalen Gruppen an

Die Annahme, dass nur Heranwachsende mit einer gescheiterten Biographie den mörderischen Verlockungen der Islamisten verfallen, lässt sich nicht mehr halten. Immer mehr Abiturienten und Studierende schließen sich radikalen Gruppen an, auch dies eine Tendenz, die weltweit zu beobachten ist.

Die 80% der Heranwachsenden hingegen, die ein starkes Ich-Gefühl ausbilden konnten, haben auch in Ländern, die autoritär regiert und strukturiert sind, einen Verhandlungsspielraum, den sie auch ausnutzen, wie der Marburger Psychologe Christoph Schwarz bei seinen Forschungsaufenthalten in Nordafrika erfahren konnte. Er begleitete einen jungen Berber, der als erster in seiner Familie eine Schule besucht und anschließend Mathematik studiert hatte und eine junge Aktivistin für Frauenrechte, außerdem beobachtete er immer noch existente Jugend- Protestbewegungen und wehrt sich gegen die hierzulande oft verbreiteten Klischees von nordafrikanischen Jugendlichen.

"Einmal ist es das Radikalisierungsnarrativ, das Bedrohungsnarrativ, dass sie quasi eine Menge oder Masse von jungen und arbeitslosen Männern haben, die quasi für politische Gewalt und Instabilität stehen. Und beispielsweise die Arbeitslosenbewegungen, die sich eben explizit als Arbeitslose bezeichnen, sind eben in keiner Weise politisch gewalttätig und suchen sehr, ihren Status mit nicht-gewalttätigen Aktionen zu verhandeln und zu verbessern. Ein anderes Stereotyp ist das des passiven Opfers, dass arabische Jugendliche oftmals bestimmten Traditionen unterworfen sind gegen die sie nichts tun können und ein Entwicklungsdefizit aufweisen, was natürlich , wenn man mal mit jungen Aktivistinnen in der Region spricht, sich als an den Haaren herbeigezogen erweist."

Der arabische Frühling hat, so Christoph Schwarz, Spuren hinterlassen und den jungen Erwachsenen ein Reservoir an politischen Erfahrungen gebracht, dass für ihr Selbstverständnis wichtig ist und ihren Alltag auch jetzt noch bestimmt. Die Jugendlichen, mit denen er gearbeitet hat, gehen deutlich andere Wege als ihre Eltern. Und ihre Eltern lassen sie gehen, wenn auch anfangs widerstrebend. Doch in dieser Auseinandersetzung liegt letztendlich der Schlüssel zu einer geglückten Adoleszenz. Dafür braucht es,  sagt Dr. Werner Bohleber, Psychoanalytiker aus Frankfurt:

"Zum einen ein relativ verständiges Elternhaus. Aber es muss vor allem da sein, ein Verständnis der Gesellschaft für die Transformationsprozesse der jungen Erwachsenen. Das Schlimmste für einen Jugendlichen ist, wenn er das Gefühl bekommt, die Gesellschaft ist nicht interessiert an ihm."

Die Jugendlichen, so meinte auch die Sozialpsychologin und Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts, Professorin Vera King, sind darauf angewiesen, dass die Erwachsenen sich ihnen gegenüber nicht destruktiv verhalten, sondern ihnen Wahlmöglichkeiten bei der Suche nach einer eigenen Identität anbieten. Der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter wird heute in der Psychologie allerdings nicht mehr nur als Krisenzeit gesehen, bei der die Turbulenzen in Hirn und Körpern quasi zwangsläufig zu einer aggressiven Auseinandersetzung mit Eltern und Umwelt führen müssen. Werner Bohleber:

"Die empirischen Forschungen haben gezeigt, dass die "transition", also eigentlich  in vielen Fällen relativ kontinuierlich, aber ohne große Konflikte geht. Dass die Veränderung eine ist, die natürlich innerlich stattfindet, aber wenn die Bindungsbeziehungen zu den Eltern sicher sind, dann kann sehr viel an neuen Wegen ausprobiert werden ohne dass das nun zu diesen schweren, aggressiven Konflikten mit den Eltern führen muss."

Adoleszenz als komplexer Balanceakt

Bis ein Mensch innerlich gefestigt ist und auch ökonomisch auf eigenen Beinen stehen kann, hat er oder sie heutzutage in den westlichen Ländern oft das 3. Lebensjahrzehnt erreicht. Man kann also nicht mehr von einem kurzen, plötzlichen Übergang sprechen, an dessen Ende eine nagelneue Persönlichkeit steht. Die Psychologie wertet die Adoleszenz daher eher als eine der vielen Veränderungsphasen, die jeder von uns bis ans Ende seines Lebens durchmacht. Ein sehr einschneidender und prägender Abschnitt bleibt es doch:

"Die Adoleszenz ist ein komplexer Balanceakt, der dann schlussendlich hoffentlich zu einer glückenden Entwicklung führt."

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