Samstag, 17.02.2018
 
Seit 22:05 Uhr Atelier neuer Musik
StartseiteEine WeltZwischen Kriegsschrott und Idylle20.01.2018

Taiwans Kinmen-InselnZwischen Kriegsschrott und Idylle

Die Inselgruppe Kinmen liegt eine halbe Fährstunde vor dem chinesischen Festland, gehört allerdings zu Taiwan. Mehrfach haben die Chinesen sie einzunehmen versucht, erfolglos. Heute kommen chinesische Touristen und kaufen Souvenirs aus den Granaten, die ihre Großeltern einst herüberschossen.

Von Jürgen Hanefeld

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Bildnummer: 59077004 Datum: 14.01.2013 Copyright: imago/Xinhua (130114) -- KINMEN, Jan. 14, 2013 (Xinhua) -- Wu Tzeng-dong cuts an artillery shell in Maestro Wu s Steel Knife Factory that Wu s grandfather founded in 1937 and passed down to him in Kinmen, southeast China s Taiwan, Jan. 14, 2013. The factory is famed for making Kinmen knife , which is a series of kitchen knives and household cutlery made from abandoned artillery shells. (Xinhua/Xing Guangli) (zn) CHINA-TAIWAN-KINMEN-KNIFE MAKING (CN) PUBLICATIONxNOTxINxCHN Wirtschaft Produktion Messer Stahlmesser x0x xac 2013 quer 59077004 Date 14 01 2013 Copyright Imago XINHUA Of Kinmen Jan 14 2013 XINHUA Wu Dong cuts to Artillery Shell in Maestro Wu S Steel Knife Factory Thatcher Wu S Grandfather Founded in 1937 and passed Down to HIM in Of Kinmen South East China S TAIWAN Jan 14 2013 The Factory IS famed for Making Of Kinmen Knife Which IS a Series of Kitchen knives and House cutlery Made from Abandoned Artillery Shells XINHUA Xing Guangli Zn China TAIWAN Of Kinmen Knife Making CN PUBLICATIONxNOTxINxCHN Economy Production Knife x0x 2013 horizontal (imago / Xinhua )
Maestro Wu, der Messer aus alten chinesischen Artilleriehülsen fertigt, wird so schnell nicht das Material ausgehen (imago / Xinhua )
Mehr zum Thema

Taiwanesische Inselgruppe Kinmen Kuriosum der Weltgeschichte

Demokratie im Schatten Chinas

Vom Winde verweht ist der süßliche Gesang von Teresa Teng. Doch auf Kinmen bleibt die früh verstorbene Künstlerin auf ewig unvergessen. Als emsige und bildhübsche Truppenbetreuerin hob sie die Moral der taiwanischen Soldaten gerade hier, so nah am chinesischen Festland.

Noch heute quillt ihre Stimme regelmäßig aus den 48 gewaltigen Lautsprechern am Kliff von Beishan. Eine Touristenattraktion wie die meisten militärischen Anlagen auf Taiwans Außenposten, sagt der stellvertretende Insel-Chef Wu Cherng-Dean:

"Es sind ja nur noch etwa 7.000 Soldaten auf Kinmen. Mit wenigen Ausnahmen haben die alten Verteidigungsstellungen allenfalls touristische Bedeutung. Wir wollen keinen Krieg mehr. Wir haben auch alle Minen am Strand ausgegraben und hoffen auf eine friedliche Zukunft."

Kinmen ist ein Kuriosum. Bei Sonnenuntergang flanieren Liebespaare am Strand entlang. Sie blicken auf die imposante Hochhauskulisse jenseits des Meeres. Xiamen heißt die Zwei-Millionen-Metropole da drüben, in China. Im Gegenlicht erscheint der Himmel orangerot, im Vordergrund die Silhouette ausrangierter Panzer, deren Kanonen aufs Festland zielen. Kinmens Strand ist gespickt mit Abertausenden von schräg in den Boden gerammten Spießen aus rostigem Stahl.

Geschäftsmodell: Messer aus Granathülsen

Maestro Wu ist ein inselweit bekannter Schmied, der aus den ausgegrabenen Granaten etwas Nützliches macht.

"Ursprünglich haben wir Messer für Profis gemacht, also für Köche und Markthändler. Inzwischen hat sich das Sortiment erweitert, wir machen auch westliche Messer, Outdoormesser, Obstmesser, was Sie wollen."

Im Schnitt sechs Messer pro Granathülse, sagt Maestro Wu. Bei einer Million Granaten, die auf Kinmen niedergingen, wird das Material vorerst nicht knapp. Auch, wenn die Nachfrage steigt:

"Ursprünglich waren das Souvenirs für Taiwaner, aber jetzt, wo sehr viele Chinesen hierher kommen, die auch Geld haben, verkaufen wir viele Messer an Touristen vom Festland. Die verbinden auch noch einen historischen Wert damit."

Chinesen fordern scherzhaft Rabatt, es seien doch ihre Granaten

Tatsächlich wimmelt es in seinem Laden vor Chinesen. Einige machen Witze: Sie wollten Rabatt, schließlich hätten sie doch das Material rüber geschossen!

Es ist ein gutes Geschäft, nicht nur moralisch, sondern auch kommerziell, sagt der andere Herr Wu, der von der Inselverwaltung:

"Kinmen hat ja nur zwei Einnahmequellen: Tourismus und Hirseschnaps. Für beides sind die Chinesen entscheidend."

Er lacht, aber er meint es auch ernst.

"In vieler Hinsicht sind wir hier auf Kinmen der Küstenbevölkerung Chinas ähnlicher als den Leuten auf Taiwan. Ich habe eine Tante in Xiamen. Wir sprechen denselben Dialekt, haben dieselben Sitten und Gebräuche. Und auf Dauer sind Blutsbande eben stärker als politische Loyalitäten." 

Wirtschaftlich näher an China als Taiwan

Will Kinmen etwa das freiwillig vollziehen, wogegen es sich jahrzehntelang mit Waffen gewehrt hat? Den Anschluss an China? Herr Wu zögert.

"Wir wollen uns nicht von Taiwan trennen, denn Demokratie ist wichtig. Auf der anderen Seite vollzieht sich in China ein großer Wandel. Wir hätten kein Problem damit, den Status von Hongkong zu übernehmen: Ein Land, zwei Systeme. Wirtschaftlich hängen wir ja sowieso mehr von Xiamen ab als von Taipeh. Und wie gesagt: Nur die Festland-Chinesen trinken unseren Schnaps!"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk