Mittwoch, 23.05.2018
 
Seit 20:30 Uhr Lesezeit
StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie rätselhafte Spanische Grippe04.03.2018

Tanz mit dem TeufelDie rätselhafte Spanische Grippe

1918 fegte eine Grippeepidemie wie ein Orkan um die Erde. Bis heute lässt sich die Zahl der Todesopfer nur grob schätzen, wahrscheinlich waren es über 50 Millionen. War das Virus besonders gefährlich? Welche Rolle spielte die Not der Menschen am Ende des Ersten Weltkrieges? Und kann es wieder passieren?

Von Michael Lange

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
HANDOUT - Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA) (Aufnahme von 1918). Die Spanische Grippe entwickelte sich ab 1918 in drei Wellen bis 1920 zur schlimmsten Grippe-Pandemie der Geschichte mit 27 bis 50 Millionen, manchen Quellen zufolge sogar bis zu 100 Millionen Toten. (zu dpa "Blaue Haut, schneller Tod - Spanische Grippe jährt sich zum 100. Mal" vom 04.01.2018) ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit Nennung "Foto: National Museum of Health and Medicine/dpa" Foto: National Museum of Health and Medicine | (Foto: National Museum of Health and Medicine/dpa)
Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA) (Aufnahme von 1918) (Foto: National Museum of Health and Medicine/dpa)
Mehr zum Thema

Spanische Grippe Wie eine Epidemie Gesellschaften veränderte

Unsichtbare Feinde Wie wir uns vor Pandemien schützen

Doch keine Zensur für Virenpublikation?

Für Virologen und Epidemiologen ist die Seuche bis heute ein Rätsel. Zusammen mit Historikern versuchen sie, die Vorgänge von damals zu verstehen, um vorbereitet zu sein für die nächste große Katastrophe. Heute sind wir zwar besser gewappnet als 1918, aber die Grippewellen ziehen noch schneller als damals um den Globus.


Im Frühjahr 1918 wütete in Europa der Erste Weltkrieg bereits im vierten Jahr. Die Soldaten in ihren Schützengräben hatten keine Hoffnung mehr. Genau zu dieser Zeit kam die Seuche.

"Heute Morgen hat unsere Kompanie 40 Mann mit hohem Fieber, wieder müssen mehrere mit Tragbahre fortgetragen werden. Das geht so Tag für Tag. Die Fleckfiebergefahr ist zwar überwunden, es ist aber die Grippe, die so unter uns wütet."

Das schreibt ein deutscher Soldat in am 20. Juni 1918 in sein Tagebuch. Und auf der anderen Seite sieht es nicht anders aus. Ein britischer Soldat erinnert sich:

"Wir lagen im Freien mit hohem Fieber, nur den Zeltboden unter uns."

"Sie kam als rätselhaftes Ereignis"

Der Winter geht bald zu Ende, da legt die Grippe erst richtig los. Morgens in der Straßenbahn hat sie beste Bedingungen sich auszubreiten. Viele Kinder sind unterwegs auf dem Weg zur Schule. Einige reden durcheinander, andere blicken müde aus verschlafenen Augen. Vielleicht die Grippe? Der Mann gegenüber liest in der Zeitung mit den großen Buchstaben.

"4.291 Fälle. Droht eine neue Spanische Grippe? Kann uns die tödliche Seuche wieder treffen?"

Von 1918 bis 1920 forderte die sogenannte Spanische Grippe rund 50 Millionen Menschenleben - was die Zahl der Toten angeht, die schlimmste Seuche aller Zeiten. Um mehr zu erfahren, treffe ich den Berliner Arzt und Historiker Wilfried Witte. Er arbeitet als Oberarzt in der Anästhesiologie am Berliner Benjamin Franklin-Krankenhaus, das zur Universitätsklinik Charité gehört.

"Es kam überraschend. Sie kam als rätselhaftes Ereignis. Kurz gefasst kam die Spanische Grippe in eine Gesellschaft, die auf diese Grippe in keiner Weise vorbereitet war."

"Die Grippe hatte keiner auf dem Plan"

Angefangen hat Wilfried Witte als Historiker. So wurde die Spanische Grippe zu seinem Thema. 2008 hat er ein Buch geschrieben. Titel: "Tollkirschen und Quarantäne. Die Geschichte der Spanischen Grippe." Obwohl er die Geschichtsforschung nur noch nebenher betreibt, wurde er mir mehrfach als bester Experte zu diesem Thema empfohlen.

"Es gab einen Diskurs über Seuchen, die traditionell im Zusammenhang mit Krieg auftraten, wie Ruhr oder Typhus. Aber die Grippe hatte keiner auf dem Plan. Man kann es beispielsweise betrachten bei der Stadt Pforzheim im Jahr 1918, wo es in schneller Folge sowohl zu einer Typhusepidemie kam und dann zu einer Spanischen Grippe, wie sonst überall auch. Es ist da gut zu beobachten, wie zum Typhus multiple Maßnahmen ergriffen wurden und zur Grippe eigentlich gar nichts.

Sie wurde zunächst nicht als Bedrohung angesehen. Nur eine Grippe, das kennt man ja.

"Die Modekrankheit in Berlin, der Residenza, auch in Wien und in Florenza. In Neapel, Piacenza, überall herrscht Influenza."

Zitate, die Wilfried Witte für sein Buch gesammelt hat, zeigen: Die Krankheit wurde im Frühjahr 1918 augenzwinkernd heruntergespielt. Noch im Mai vermeldete die Nachrichtenagentur Reuters:

"Eine merkwürdige Krankheit mit epidemischem Charakter ist in Madrid aufgetreten. Die Epidemie ist von milder Natur, Todesfälle werden bislang keine gemeldet."

"Diese fiebrigen Beschwerden keimten fern im schönen Süd, wo die Mandeln dicker werden und die Rübe plötzlich glüht."

Aus Spanien kam die Grippe nicht

Wilfried Witte schüttelt den Kopf. Heute weiß jeder, dass die Krankheit alles andere als harmlos war – und aus Spanien kam sie auch nicht.

"Bekannt ist ja, dass Spanien eines der nichtkriegführenden Länder war. Dementsprechend waren die Zensurmaßnahmen wesentlich geringer als in den kriegführenden Ländern. Und es gab eine Pressekonferenz im Frühjahr 1918, auf der kundgetan wurde, dass es die rätselhafte Krankheit jetzt auch in Spanien gäbe, und sogar der König sei daran erkrankt."

Wann es losging mit der Spanischen Grippe weiß niemand so genau. Der erste Patient könnte ein Koch namens Albert Gitchell gewesen sein, in einem Militärlager in Kansas. Dieser Fall ist dokumentiert.

"Am 4. März 1918 meldet sich Albert Gitchell mit Halsentzündung, Kopfschmerzen und 40 Grad Fieber krank, bald folgen weitere Rekruten mit ähnlichen Beschwerden, sodass schließlich Hunderte in das Camp-Hospital überstellt werden müssen."

Die Seuche könnte aber auch aus China gekommen sein, dort grassierte kurz zuvor eine ähnliche Krankheit, damals fälschlicherweise als Pest bezeichnet.

Überfüllte Militärlager spielen bei Verbreitung wichtige Rolle

Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Krankheit spielten in jedem Fall die überfüllten Militärlager und Lazarette an der Westfront in Frankreich. Dort steckten sich die Verwundeten gegenseitig an. Einige von ihnen verbreiteten die Grippe in der ganzen Welt.

Möglicherweise entstand dort an der Front aus einer gewöhnlichen Grippe eine Krankheit, die in einer zweiten Welle im Spätsommer und Herbst 1918 Tausende hinwegraffte. Wegsehen war nicht mehr möglich.

"Die Leichen wurden blauschwarz – davon schrieben die Zeitungen nichts. Aber jeder wusste es, und die Menschen starben. Und die Totengräber hatten zu tun."

Fast alle Länder der Welt waren 1918 betroffen

Die Zahl der Toten im Deutschen Reich stieg im Herbst 1918 auf über 300.000. Bis Ende 1918 wurde die Influenza zur weltweiten Pandemie. Fast alle Länder der Welt waren betroffen - auch solche, in denen keine Not herrschte und die vom Krieg verschont geblieben waren wie die Schweiz.

"Eine soziale Krankheit war es nicht, eine Kriegsfolgekrankheit war es offensichtlich auch nicht. Was war es denn eigentlich und warum wurde es so tödlich? Denn das ist ja der entscheidende Punkt. Die erste Welle im Sommer 1918, da erkrankten sehr viele vereinfacht gesagt, aber relativ gesehen sterben noch nicht so viele, sodass es für offizielle Stellen im deutschen Gesundheitswesen noch möglich war, darüber zu berichten, Zahlen zusammenzustellen, denn es ist ja nicht so schlimm. Das brach alles zusammen, als die zweite Welle kam. Denn das ist ja die eigentlich tödliche."

Es traf viele Millionen Menschen

Bis heute gibt es keinen Überblick über die Zahl der Toten in China oder in Indien. Aus Afrika ist kaum etwas bekannt. Fest steht nur: Es traf viele Millionen Menschen. Auch die Folgen der Grippe in Südamerika wurden lange verdrängt. In Rio de Janeiro wütete die Grippe besonders schlimm.

"Die Leute betteten die Füße der Toten auf dem Fenstersims, damit die staatlichen Hilfsorganisationen sie mitnehmen konnten. Da die Hilfskräfte aber nur langsam vorankamen, breitete sich nach einiger Zeit Gestank aus. Die Leichen begannen sich aufzublähen und zu verwesen, und so ging man allgemein dazu über, die Toten einfach auf die Straße zu werfen."

"Interessant ist auch, dass eine Bezeichnung aus der damaligen Zeit auch heute gerne übernommen wird. Man sprach davon, dass besonders viele Kräftige und Robuste gestorben sind. Und im Lichte dessen war es umso rätselhafter, dass so viele in dem Alter betroffen waren."

Haemophilus galt als Verursacher der Grippe

Die meisten Toten waren im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Erklären konnte das damals niemand. Dabei vermeldete die Wissenschaft zu dieser Zeit viele Fortschritte. In Deutschland dominierte die Schule von Robert Koch. Er hatte die Erreger von Tuberkulose und Cholera entdeckt und wurde zum Volkshelden. Folglich vermuteten seine Nachfolger auch bei der Grippe kleine Zellen, Bakterien, am Werk. Oder wie man damals sagte: Bazillen.

"Es hatte sich in der Medizin eine Lehrmeinung herausgebildet, die ging aus vom Robert Koch-Schüler Richard Pfeiffer, der im zeitlichen Zusammenhang ein Bakterium entdeckt hatte, das in der damaligen Zeit das kleinste nachgewiesene war. Heute bezeichnet man es als Haemophilus influenzae. Und Haemophilus galt als Verursacher der Grippe. Das heißt: Man ging davon aus, dass die Grippe eine bakteriologische Krankheit ist.

Erst 1933 wurde in England ein Grippe-Erreger isoliert

Damit lagen die großen Koryphäen aus Deutschland falsch. Einige Außenseiter hingegen vermuteten: Irgendetwas winzig Kleines, noch kleiner als Bakterien, war am Werk.

"Man hat es bezeichnet als ultravisibel. Also man sieht es unter dem Lichtmikroskop nicht. Und zweitens als filtrierbar. Da gab es so Porzellanfilter, durch die man filtriert hat. Und wenn ein Agens noch kleiner war, als das, was man kannte, dann ging es durch diese Filter hindurch. Ultravisibles, filtrierbares Virus, das war der Begriff, der existierte, und danach guckte man auch. Aber wie gesagt: Das hat sich in Deutschland als Lehrmeinung nicht durchgesetzt, sondern es kam erst später. Die Durchsetzung dieser Lehrmeinung kam dann vor allem über die angelsächsischen Länder."

Erst 1933 – viel zu spät - wurde in England ein Grippe-Erreger isoliert. Kleiner als eine Zelle, ohne eigenen Stoffwechsel, nicht einmal alleine fortpflanzungsfähig und dennoch infektiös. Das, was wir heute Virus nennen.

Auf der Spur der Grippeviren in London

Ich will mehr wissen über die Geschichte des mysteriösen Krankheitserregers und reise nach London.

"Ladies and Gentlemen …"

Die Londoner U-Bahn ist die älteste der Welt. 1918 fuhr sie bereits von Piccadilly in die Randbezirke. Dort am Stadtrand besuche ich den 75-jährigen Virologen John Oxford.

"Mind the gap, please …"

John Oxford arbeitete lange am St. Mary's College in London. Er ist längst emeritiert. Sein Forscherleben hat er den Grippeviren gewidmet, insbesondere der Spanischen Grippe.

"Das ist die größte Seuche, die die Welt je gekannt hat. Schlimmer als die Beulenpest."

Ein Stückchen schwarze Lunge gibt Aufschluss

Der große, hagere Professor sitzt in seinem Arbeitszimmer. Hohe Regale, viele Bücher, Virusmodelle und ein ausgestopfter Leopard. Ein Erbstück. Viel spannender und bedrohlicher ist etwas anderes. John Oxford kramt in einer Kiste - und holt kleine Holzwürfel hervor. Auf fünf Seiten Holz, auf der sechsten eine Glasscheibe, die ins Innere blicken lässt.

"Das hier sind kleine Lungenstücke, etwa so groß wie ein Stück Würfelzucker. Das Lungengewebe wurde herausgeschnitten und mit Formalin behandelt, um jede Infektion abzutöten und um das Gewebe zu fixieren. Sehen Sie? Hier in diesem Holzkästchen. - Ja, das Gewebe ist schwarz wegen der Kohle. Damals war Kohle der Hauptbrennstoff."

Jahrzehntelang hat John Oxford Proben von 1918 gesammelt. Er wollte verstehen, wie sich der Erreger entwickelte. Wie wurde ein gewöhnliches Grippevirus zum Killer?

"Entstand das Virus vor 1918? Gab es mehrere Viren gleichzeitig? Warum war das Virus so stark? Was war der Unterschied zwischen Grippeviren von 1918 und von 1916? Im Erbmaterial der Viren können wir die Erklärung finden. Sie liegt vielleicht schon vor uns. Das ist die grundlegende Idee."

Suche nach Leichen von Grippeopfern

Um den Weg der Viren nachzuzeichnen, brauchten die Virologen möglichst viele, gut erhaltene Proben. Deshalb suchten und suchen sie bis heute nach Leichen von Grippeopfern: Im Permafrost von Spitzbergen oder bei der Öffnung von Bleisärgen in London, wo möglicherweise Grippeviren überlebt haben.

John Oxford musste zunächst die Lebensgeschichte der Verstorbenen kennenlernen. Waren sie wirklich an Grippe erkrankt und an den Folgen gestorben? So lernte er einige Grippeopfer sehr gut kennen.

"Phillis Burns war eine junge Frau. Sie meldete sich freiwillig an die Westfront und fuhr dort einen Krankenwagen. Als sie zum Kriegsende zurückkehrte nach London, hatte sie die Krankheit. Sie hatte im Krieg Soldaten gepflegt, die an der Spanischen Grippe erkrankt waren. Sie wusste, dass es die Grippe war. Ging Sie zurück zu ihrer Mutter? Nein. Sie hätte sie angesteckt. Sie zog sich zurück in eine kleine Wohnung und versuchte, alleine die Grippe zu besiegen. Sie scheiterte und starb."

Exhumierung um drei Uhr morgens

John Oxford ist sich absolut sicher. Diese junge, selbstlose Frau hätte keinen Moment gezögert, ihren Körper zur Verfügung zu stellen, um Grippekranken zu helfen. An die Exhumierung kann er sich gut erinnern.

"Drei Uhr morgens, mit einem sehr großen Team. Acht Profis für die Grabung. Sie machen nichts anderes als Exhumierungen. Dann mein eigenes Team, mit mir, jemandem für die Infektionskontrolle und etwa drei Virologen. Und zur Kontrolle wird alles gefilmt. Wenn Probleme auftreten, lässt sich nachträglich herausfinden, was los war. Und es gibt immer unerwartete Schwierigkeiten. Ich war noch nie bei einer Exhumierung, bei der nicht irgendetwas schiefging."

Draußen vor dem Fenster wird es dunkel und die Geschichten des Professors werden gruseliger.

"Es geht nie glatt. Wie sollte es auch? Sie graben jemanden aus mitten in der Nacht. Manchmal regnet es. Einmal lief alles voll Wasser. Albtraumhaft. Das möchten Sie nicht jede Woche machen."

Mutationen, charakteristisch für die Spanische Grippe

Es gelang John Oxford, einige Erreger zu isolieren. Er lieferte Proben an den US-Virologen Jeffrey Taubenberger. Dessen Team sequenzierte das Erbmaterial des Virus und konnte schließlich den Auslöser der Spanischen Grippe im Labor nachbauen.

Er fand typische Mutationen, charakteristisch für die Spanische Grippe. Aber die große Frage: "Warum war dieses Virus tödlicher als alle anderen Grippeviren? Diese Frage blieb unbeantwortet. Und auch die Herkunft der Viren konnten Oxford und Taubenberger nicht eindeutig klären. Der große Forschungserfolg blieb ihnen verwehrt, trotz modernster Methoden.

John Oxford zuckt mit den Achseln. Niemand sollte die Grippe unterschätzen, meint er schmunzelnd zum Abschied.

"Sitzen sie besser nicht neben jemandem mit Grippe. Seien Sie vorsichtig!"

Atmen reicht - und die Viren wechseln zum anderen

In der Berliner U-Bahn halte ich lieber Abstand zu meinen Sitznachbarn. Vorsichtshalber. Eine Studie hat ergeben: Man muss gar nicht angeniesst oder angehustet werden. Atmen reicht – und die Viren wechseln von einem zum anderen. Das Buch von Wolfgang Witte zitiert aus einem Krankenblatt von 1918:

"Seit 16.10. mit Husten und Fieber erkrankt. 21.10. in sehr schwerem Zustand eingeliefert. Pneumonie der ganzen rechten Lunge. Knisterrassel über dem linken Lungenlappen. Starke Luftnot und Blaufärbung. Schlechter Puls. Exitus 22.10. 12 Uhr 30."

"Alles ist voller Viren, unsere ganze Umwelt. Wir selbst sind voller Viren. Man kann die bestenfalls noch durchnummerieren. Aber auch das ist relativ schwierig."

Der Mitentdecker des SARS-Virus

Christian Drosten ist mit Mitte 40 bereits ein etablierter, hoch angesehener Virologie-Professor. Wenn er über Viren spricht, sprüht er vor jugendlichem Elan und ist kaum zu bremsen.

"H1 N1, H2 N2, H3 N2, H5 N1, H5 N8, H7 N9." 

Christian Drosten ist Mitentdecker des SARS-Virus und nach einigen Jahren in Bonn leitet er das renommierte Institut für Virologie an der Berliner Charité, und natürlich kennt er den Erreger der Spanischen Grippe.

"Wir nennen dieses Virus H1 N1, H und N sind zwei Proteine an der Oberfläche des Influenza-Virus. Und die haben die Nummer 1, weil die Medizin zu der Zeit angefangen hat zu zählen. Später sind weitere Varianten hinzugekommen, die hat man dann weiter hinzugezählt. Das ist das erste menschliche Influenzavirus, das man richtig ernst genommen und beforscht hat."

"H1 N1 hat andere krankmachende Eigenschaften"

H steht für Hämagglutinin und N für Neuraminidase. Die Namen sind nicht so wichtig. Wichtig ist: Es sind Oberflächeneiweiße auf dem Virus. Die Virologen nutzen sie, um die Grippeviren voneinander zu unterscheiden. Und auch das Immunsystem des Menschen nutzt die Oberflächeneiweiße, um die Viren als Gefahr zu erkennen.

Darüber hinaus gibt Unterschiede zwischen Viren gleichen Typs: Verschiede Viren vom Typ H1 N1. Gefährlichere und ungefährlichere.

"Es ist eine der großen Fragen, ob das Virus daran schuld war, und das war es sicherlich. Man sieht im Tierversuch, dass dieses H1 N1 andere krankmachende Eigenschaften hat, wenn man das direkt neutral vergleicht mit anderen, späteren Influenzaviren. Die waren aber auch wiederum nicht harmlos, muss man dazu sagen."

"Besondere Konstitution in der Bevölkerungsimmunität"

Verantwortlich für die Folgen der Spanischen Grippe ist zunächst das Virus selbst. Es war besonders aggressiv. Es entstand aus einer Vermischung von Vogel- und Säugetierviren, und wurde dann durch Mutationen noch gefährlicher. Aber es war nicht das Virus alleine.

"Wahrscheinlich hat es auch zusätzlich eine besondere Konstitution in der Bevölkerungsimmunität gegeben, die das begünstigt hat."

Risiko Nummer zwei: Das Immunsystem der Menschen von 1918 war nicht vorbereitet. Insbesondere die Abwehr der Altersgruppe zwischen 20 und 40 kannte dieses Virus vom Typ H1 N1 nicht. Das Immunsystem der Betroffenen lief auf Hochtouren, konnte aber nichts ausrichten.

"Und dann gab es natürlich auch soziale Konstellationen, zum Beispiel den zu dieser Zeit stattfindenden Ersten Weltkrieg."

Gefahr geleugnet und dann nur unzureichend bekämpft

Risiko Nummer drei: Die soziale Notlage und die chaotische Kriegssituation verhinderten geeignete Gegenmaßnehmen. Zunächst wurde die Gefahr geleugnet und dann nur unzureichend bekämpft. Mit den Truppentransporten verbreitete sich das Virus zudem rasend schnell um den Globus.

Zum Kriegsende im November brachen in Deutschland und in anderen kriegführenden Ländern die staatlichen Strukturen zusammen. Das Gesundheitssystem kollabierte, als es am dringendsten gebraucht wurde. Was das für die Menschen 1918 bedeutete, zeigt ein Brief des Malers Egon Schiele:

"Liebe Mutter Schiele! Edith erkrankte gestern vor acht Tagen an spanischer Grippe und bekam Lungenentzündung dazu. Auch ist sie im sechsten Monat der Schwangerschaft. Die Krankheit ist äußerst schwer und lebensgefährlich. Ich bereite mich auf das Schlimmste vor, da sie fortwährend Atemnot hat."

"Zunge, Lippen trocken. In den Nasenöffnungen blutiges Sekret"

Ähnliche H1-N1-Viren wie 1918 traten später erneut auf, sie hatten aber nicht die gleichen katastrophalen Folgen. Die Viren kursierten bis 1957 und waren Teil der alljährlichen Grippewellen. Vereinzelt sorgten sie für Todesfälle. Jedoch in keiner Weise vergleichbar mit der Spanischen Grippe von 1918.

"14-jähriges Mädchen am 12. Oktober 1918 mit Schüttelfrost plötzlich erkrankt. Hatte Schmerzen im Kopf, Augen, Hals und an der Brust und starken trockenen Husten."

Das Virus breitete sich aus im Körper des Mädchens. Es schwächte die Abwehrkräfte. Lebensgefährlich wurde die darauf folgende Lungenentzündung.

"Eintritt in die Klinik am 17. Oktober. Zunge und Lippen trocken. In den Nasenöffnungen blutiges Sekret. Im linken Unter- und Oberlappen Dämpfung und Knisterrasseln. Puls 140."

Bakterien breiteten sich in der Lunge aus. Die Ärzte konnten nichts dagegen tun. Antibiotika wie Penicillin standen erst viel später zur Verfügung.

Am 19. Oktober moribund. Exitus am 20. Oktober nachmittags 3 Uhr, also am 9. Krankheitstage."

Was heute fehlt, ist eine hoch wirksame Impfung

Heute könnte das Mädchen gerettet werden. Es gibt Grippemedikamente, die die Viren gezielt bekämpfen. Diese können den Verlauf der Grippe zumindest abmildern, auch wenn sie nicht bei jedem Patienten gleich gut wirken. 

Noch wichtiger sind Antibiotika. Die helfen zwar nicht gegen die Grippe, aber gegen Bakterien. Sie hätten den tödlichen Verlauf der Lungenentzündung wahrscheinlich aufgehalten. Und wenn nicht, stünde die Intensivmedizin bereit, zur Not mit Beatmung. 

Was heute fehlt, ist eine hoch wirksame Impfung. Aber Impfstoffe werden nicht rechtzeitig bereitstehen, wenn die nächste Pandemie kommt, befürchtet der Virologe Christian Drosten. Die Entwicklung und Produktion neuer Impfstoffe dauert immer noch zu lange. Die Viren sind schneller.

"Wir müssen unbedingt einen besseren Impfstoff machen, der breiter reagiert und effizienter ist. Wir haben leider im Moment immer noch eine recht traditionelle Impfstofftechnik bei der Influenza, und davon müssen wir weg."

"Planung auf zukünftige Pandemie muss unglaublich flexibel sein"

Noch eine kurze Fahrt mit der U-Bahn. Nur nicht an die Haltegriffe fassen. Es geht zum Robert-Koch-Institut im Berliner Norden. Dort bereitet sich die Epidemiologin Silke Buda auf die nächste Grippe-Pandemie vor. Sie weiß: Die nächste große Grippe kommt bestimmt. Aber sie wird ganz anders ablaufen als 1918.

"Eher dass es besonders viele schwere Krankheitsverläufe gibt, dass Personen sehr lange in der Klinik liegen müssen, sehr lange beatmet werden müssen. Das, was man tatsächlich aus allen Pandemien gelernt hat im letzten Jahrhundert, war, dass es im Grunde durch die Kombination der verschiedenen Faktoren ganz unterschiedlich aussehen kann und dass die Reaktion und die Planung auf eine zukünftige Pandemie unglaublich flexibel sein muss."

Heute sind die Krankenhäuser besser vorbereitet. Grippemedikamente und Antibiotika stehen bereit. Und dennoch lässt sich nicht vorhersehen, was geschehen wird, wenn die Pandemie kommt.

Geschätzte 200.000 Todesfälle der Grippe von 2009

Die letzte Grippe-Pandemie, das war 2009 die sogenannte Schweine-Grippe. Auch ein Virus vom Typ H1 N1 wie bei der Spanischen Grippe. Nur ein paar kleine molekulare Unterschiede - und doch ganz anders.

"Es haben sich zwei Schweinegrippeviren aus Nordamerika und aus dem eurasischen Bereich irgendwo getroffen und vermischt. Es hat sich ein neues Virus ergeben, was so auch nicht in den Schweinen zirkuliert ist. Und das hat dann Menschen infiziert in Mexiko, in Amerika, und dadurch ist es zur nächsten Pandemie gekommen."

Harmlos war die Grippe von 2009 nicht. Jüngste Schätzungen sprechen von etwa 200.000 Todesfällen. Und dennoch: Manche hielten die Pandemie-Warnungen und Vorsichtsmaßnahmen für übertrieben.

"Da war eben auch tatsächlich mit den Erfahrungen aus der Pandemie 1918 die Erwartungshaltung und die Befürchtung auf eine zukünftige Pandemie sehr hoch gelegt worden. Dann kam eine Pandemie, die in jeglicher Hinsicht den Kriterien einer weltweiten Influenza-Pandemie entsprach, aber nicht dem, was die Bevölkerung, die Politik und vielleicht auch die Epidemiologen und Virologen weltweit erwartet oder befürchtet hatten, und das war sehr schwierig zu kommunizieren."

Grippe scheint alltäglich, wir leben mit ihr

Das Problem ist immer das gleiche. Die Grippe scheint alltäglich, wir leben mit ihr. Jeder Erdenbürger lernt sie kennen, meist mehrfach. Und oft ist unklar: War das ein grippaler Infekt oder die "echte" Grippe? 

"Wie ist der Unterschied - das ist ja oft im Alltag die Frage - zwischen einer Erkältung, wie sie einen einmal oder auch zwei- oder dreimal im Jahr erwischt, die ja meist in zwei bis drei Tagen vorbei ist, die aber auch Fieber haben kann und ähnliche Symptome und einer Virusgrippe, einer Influenza?" "Wissen Sie das bei sich?" "Das war eine sehr gute Frage. Denn ich weiß es für mich ganz sicher nicht."

Aber als Epidemiologin weiß Silke Buda natürlich Bescheid.

"Wenn man sich tausend Menschen betrachten würde, und würde sich die herauspicken, die die ganz typische Grippesymptomatik haben. Das heißt: Man hat einen plötzlichen Krankheitsbeginn, Fieber, Muskel- und Gliederschmerzen. Dann nachfolgend trockenen Husten, und würde diese Personen alle labordiagnostisch auf Influenza testen, dann würde man da sehr viele echte Grippefälle finden. Wenn man aber Personen testen würde, die nur Schnupfen haben, die von sich sagen: 'Ich habe nur eine harmlose Erkältung.' Dann wird man auch bei diesen Menschen in dem einen oder anderen Fall eine Grippe feststellen können."

Häufiges Händewaschen als Prävention

Geheimrezepte haben die Pandemieplaner nicht. Um die Welle zu stoppen, bleiben ähnliche Maßnahmen wie vor hundert Jahren: Massenveranstaltungen absagen, Theater und Kinos schließen und falls nötig auch Schulen und Kindergärten. Am besten jeder bleibt zu Hause. Die Kranken und auch die Gesunden. Jeder für sich. Und wenn es ernst wird: ins Krankenhaus.

Und sonst? Was kann ich ganz persönlich tun, wenn ich eine Infektion verhindern möchte?

Ich kann zum einen diese indirekte Übertragung über Hände verhindern, indem ich mir häufiger die Hände wasche. Gerade, wenn man wie Sie durch verschiedene Umgebungen reist, verschiedene Gegenstände anfasst, die zusätzlich von vielen anderen Personen angefasst wurden. Dann ist sicher eine höhere Frequenz von Händewaschen gut geeignet."

"Mache ich gleich." "Gut!"

Sie hörten: Tanz mit dem Teufel. Die rätselhafte Spanische Grippe. Eine Sendung von Michael Lange. Die Zitate stammen aus folgenden Büchern: Wilfried Witte: Tollkirschen und Quarantäne (Wagenbach 2008), Harald Salfellner: Spanische Grippe (Vitalis 2018) und Laura Spinney: 1918 - Welt im Fieber (Hanser 2018)

Nachtrag: Zwei Wochen nach der Recherche ging es los: 40 Grad Fieber, trockener Husten, Halsschmerzen. Die Grippe? Wahrscheinlich. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk