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StartseiteInterview"Tarifautonomie ist ein Erfolgsmodell"15.09.2012

"Tarifautonomie ist ein Erfolgsmodell"

Präsident der Gesamtmetall will für die Zukunft eine Individualisierung der Tarifverträge

Die Metall- und Elektroindustrie sei "derzeit der Musterknabe in Europa", sagt der neue Präsident der Gesamtmetall Rainer Dulger. Das Tarifsystem habe sich also bewährt. Ein moderner Tarifvertrag müsse auf unterschiedliche Situationen in Unternehmen eingehen können.

Rainer Dulger im Gespräch mit Jürgen Zurheide

Rainer Dulger, neuer Präsident der Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektro-Industrie (picture alliance / dpa - Jens Wolf)
Rainer Dulger, neuer Präsident der Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektro-Industrie (picture alliance / dpa - Jens Wolf)

Jürgen Zurheide: Die Metall- und Elektroindustrie ist wirklich so etwas wie das Herz der deutschen Wirtschaft. Ein paar Zahlen verdeutlichen das, 3,6 Millionen Beschäftigte, mehr als 23.000 Betriebe, und die Exporte dieser Branche, na ja, wir wissen es, sie festigen den Ruf, dass Made in Germany eben immer noch etwas ganz Besonderes ist. Und der neue Chef dieser Arbeitgeber heißt Rainer Dulger, ich habe es gerade gesagt. Er ist 48 Jahre alt, leitet mit seinem Bruder ein Unternehmen für Dosiertechnik in Heidelberg und er folgt auf Martin Kannegiesser, und das ist nun ein häufiger Gast hier bei uns im Deutschlandfunk gewesen. Jetzt ist Rainer Dulger am Telefon, zunächst mal sagen wir guten Morgen und auch alles Gute!

Rainer Dulger: Guten Morgen, Herr Zurheide!

Zurheide: Herr Dulger, man bekommt ja dann, wenn man gewählt wird, vermutlich den einen oder anderen Ratschlag. Wollen Sie uns verraten, welcher Ratschlag bei Ihnen bisher, ja, Eindruck hinterlassen hat?

Dulger: An einem Tag wie gestern, wenn Sie zum neuen Metall-Präsidenten gewählt werden, gibt es viele Glückwünsche und auch viele gute Ratschläge. Wichtig ist, dass ich als neu gewählter Präsident mich auf die wesentlichen Dinge in meiner Aufgabe konzentriere, und das heißt, die Arbeitsbedingungen in unserer Metall- und Elektroindustrie in Deutschland zukunftsfähig zu machen, weiterzugestalten, weiterzuführen. Wir leben in einer globalisierten Welt und da gilt es auch, unsere Tarifverträge immer wieder anzupassen.

Zurheide: Sie übernehmen ja in Zeiten, wo der Wind etwas rauer wird: Die Euro-Krise ist da, die Exporte auch möglicherweise in das ein oder andere Land, die gestalten sich etwas schwieriger. Welche Konjunkturaussichten erwarten Sie eigentlich in den nächsten Monaten?

Dulger: Wir spüren derzeit eine leichte Abkühlung der Konjunktur in unserer Branche, jedoch rechne ich nicht mit einem eiskalten Winter .Wir hatten in den letzten Jahren starke Konjunkturschwankungen, unsere Industrie hat sich entsprechend vorbereitet, wir haben Flexibilisierungsinstrumente geschaffen, mit denen wir auf Konjunkturschwankungen reagieren können; ich sehe dieser Konjunkturabkühlung gelassen entgegen.

Zurheide: Brauchen wir eine neue Kurzarbeiterregelung?

Dulger: Ich glaube nicht, dass wir hier alles neu gießen müssen. Die Befreiung von den Sozialbeiträgen wäre vonseiten der Bundesregierung das richtige Signal, wenn die Krise sich doch stärker auswirken sollte als geglaubt. Wir werden hier im engen Kontakt bleiben und wir wissen aus der Vergangenheit, dass die Bundesregierung sehr wohl sehr zügig und sehr zielgenau handeln kann.

Zurheide: Kommen wir noch mal zur Tariflandschaft, Sie haben es ja vorhin angesprochen, die verändert sich. Und die Tarifflucht zum Beispiel, die viele Unternehmen als eine der Lösungen aus der Krise ansehen, das kann Sie natürlich als Arbeitgeberpräsident nicht besonders freuen. Wie wollen Sie die Tarifflucht verhindern oder vielleicht das eine oder andere Unternehmen auch zurückholen?

Dulger: Es gibt in unserer Verbandslandschaft eine zweigeteilte Welt, das sind zum einen die Unternehmen, die ohne Tarifbindung bei uns im Verband Mitglied sind, und solche, die es mit Tarifbindung sind. Ich stehe als Gesamtmetall-Präsident beiden Verbänden vor. Ob ein Unternehmen sich nun an den Metalltarifvertrag anlehnt oder ob es ihn direkt im Unternehmen anwendet, das hängt ganz von der Situation des jeweiligen Unternehmens ab. Wir haben seit Jahren einen stabilen Mitgliederstand, was die tarifgebundenen Unternehmen angeht, die Unternehmen ohne Tarifbindung erfreuen sich auch noch regen Zulaufs. Wir sind mit der Situation derzeit zufrieden.

Zurheide: Es ist immer die Grundfrage, Tarifverträge auf der einen Seite bringen Verbindlichkeit, es darf aber auch dann nicht so starr werden. Und genau so zwischen diesen beiden Polen muss man lavieren. Wie lautet Ihre Antwort für die nähere Zukunft?

Dulger: Ein moderner Tarifvertrag und auch der Tarifvertrag für die vor uns liegende Zukunft muss tarifliche und auch regionale Öffnungsklauseln beinhalten. Das heißt, wir müssen auf die unterschiedlichen Situationen in den Unternehmen und auf die unterschiedlichen Situationen in den Regionen unseres Landes eingehen können, wir müssen dem Rechnung tragen können. Deswegen heißt das wichtigste Wort für die Zukunft Flexibilisierung, Individualisierung der Tarifverträge.

Zurheide: Aber das heißt dann, am Ende haben wir nichts Einheitliches mehr. Und wie ist es dann mit den gemeinsamen Konkurrenzbedingungen?

Dulger: Ein Tarifvertrag schützt nicht vor Konkurrenz- oder Wettbewerbsbedingungen. Wir stehen heute in einem globalen Wettbewerb, wir haben es hier mit Wettbewerbern zu tun, denen unser deutscher Metalltarif völlig fremd ist. Deswegen schützt ein Tarifvertrag vor Wettbewerbsungleichheiten nicht mehr.

Zurheide: Es gibt in Deutschland – und wir haben gerade in dieser Woche wieder solche Zahlen gehört – zunehmend prekäre Beschäftigung. Fast 25 Prozent der Menschen arbeiten am Ende völlig außerhalb von Tarifverträgen. Das ist nicht in Ihrem Bereich so, aber wenn Sie solche Entwicklungen sehen, was bewegt Sie da? Sagen Sie, das ist eben so, oder sagen Sie, das schmerzt auch einen … in einer Industrie, wo eigentlich noch besser geht?

Dulger: Die Metall- und Elektroindustrie in Deutschland ist eine Spitzenindustrie. Das Durchschnittseinkommen in unserer Industrie liegt bei circa 48.000 Euro. Sie merken, hier schlägt das Herz der deutschen Wirtschaft. Kommen Sie in die Metall- und Elektroindustrie, ich glaube, dass wir angemessen bezahlen.

Zurheide: Das ist richtig, nur, was heißt das für Sie, wenn es woanders gar nicht ist? Würden Sie sich wünschen, in Deutschland eine Tariflandschaft wird eine Landschaft, wo das eigentlich überwunden werden könnte?

Dulger: Wir haben in Deutschland eine Tarifautonomie, das heißt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer vereinbaren Grundentgelte ohne Einfluss der Politik. Und das hat sich bewährt, das ist ein Erfolgsmodell. Und ich bin der Meinung, dass hier auch einfach besser und nachhaltiger verhandelt werden muss, dass diese Situation sich bessert.

Zurheide: Mindestlöhne, staatlich verordnete, wie sieht das der neue Metall-Arbeitgeberpräsident? Auch wenn es ihn und seine Branche nicht betreffen wird?

Dulger: Mindestlöhne brauchen wir nicht. Die Tarifautonomie ist ein Erfolgsmodell, wir sollten daran festhalten.

Zurheide: Was wünschen Sie sich in der nahen Zukunft? Was ist das Wichtigste, was Sie als Erstes angehen werden?

Dulger: Ich wünsche mir in der nahen Zukunft, dass wir mit diesem Erfolgsmodell unserer Metall- und Elektroindustrie – wir sind derzeit der Musterknabe in Europa, das gilt für die gesamte deutsche Industrie – weitermachen können. Es ist ein Beweis für das Funktionieren unseres Tarifsystems, für das Funktionieren unserer Tarifautonomie, und ich werde diese weiterführen im Dialog mit unserem Sozialpartner, der IG Metall.

Zurheide: Dass es in anderen Bereichen immer mehr Spartengewerkschaften gibt, schmerzt Sie so was oder sehen Sie da Gefahren am Tarifhorizont?

Dulger: Die Tarifeinheit war und ist ein Erfolgsmodell. Wir brauchen in Zukunft wieder Regelungen, die die Tarifeinheit in Betrieben regeln. Wir sind hierzu schon seit Längerem im Kontakt mit dem Gesetzgeber, dass hier etwas geschehen muss. Die Tarifeinheit hat sich bewährt, ich glaube, wir sollten die auch in Zukunft fortführen.

Zurheide: Was erwarten Sie vom Gesetzgeber?

Dulger: Der Gesetzgeber ist derzeit der Einzige, der das heilen kann, da in unserem Land der Gewaltenteilung die Judikative die bisherige Rechtspraxis, was die Tarifeinheiten in den Betrieben angeht, geändert hat. Wir sind hier im Dialog. Es gibt immer wieder Bedenkenträger, mit denen wir auch weiterhin im Dialog stehen und hier noch Überzeugungsarbeit leisten müssen. Ich wünsche mir, dass die Tarifeinheit so schnell wie möglich wieder zurückkehrt und wir in den Betrieben in den Friedensphasen eines Tarifvertrages wieder Ruhe haben.

Zurheide: Ich bedanke mich für das Gespräch! Das war Martin Dulger, der neue Präsident der Metall- und Elektroindustrie, hier im Deutschlandfunk. Danke schön, auf Wiederhören!

Dulger: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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