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StartseiteSonntagsspaziergangTautes Heim25.08.2013

Tautes Heim

Ferien im Berliner Weltkulturerbe Hufeisensiedlung

Licht, Luft und Sonne – mit diesem Dreisatz war der Architekt Bruno Taut in den 20er-Jahren angetreten, um das Wohnen zu revolutionieren. Als Prototyp dieses "Neuen Bauens" gilt die Berliner Hufeisensiedlung, gebaut zwischen 1925 und 1930. Auch Fremde können hier auf Zeit wohnen: Eine Einheit wurde als Ferienwohnung originalgetreu renoviert.

Von Stefanie Müller-Frank

Blick auf die Hufeisensiedlung Britz im Bezirk Neukölln, Berlin. (AP)
Blick auf die Hufeisensiedlung Britz im Bezirk Neukölln, Berlin. (AP)

Wer vor Architektur aus früheren Zeiten steht, der stellt sich wohl automatisch vor, wie die Menschen damals in diesen Häusern gelebt, gegessen, geschlafen haben müssen. Wie sie eingerichtet waren. Oder welche Bilder sie an den Wänden hatten.

Nur selten lässt sich eine solche Zeitreise aber auch ganz real fortsetzen. Vielleicht mal in einem Museum – aber da zerstören spätestens Glasvitrinen und Absperrkordeln jede Fantasie. Nicht so in der Berliner Hufeisensiedlung. Hier steht ein original hergerichtetes Haus aus den 20ern, in dem man nicht nur alles berühren, sondern in dem man sogar auf Zeit wohnen darf. Katrin Lesser und Ben Buschfeld haben sich in das weiße Eckhaus mit den blauen Fenstern verliebt, es gekauft und als Ferienwohnung eingerichtet. Denkmalgerecht.

"Durch Zufall hatten wir die Gelegenheit, das Haus hier von innen zu sehen. Das war unbewohnt und sollte verkauft werden. Und dann waren wir sehr begeistert von der Originalsubstanz hier in dem Haus. Es waren noch zwei der drei Öfen hier drin, sämtliche Türen und Fenster, alle Griffe, dann in der Küche die Schränke. Das hat uns so begeistert, dass wir gesagt haben: Das muss man retten."

Die Gartenarchitektin Katrin Lesser und der Grafikdesigner Ben Buschfeld wohnen seit 16 Jahren selbst mit ihrer Tochter in der Hufeisensiedlung. Nicht erst seitdem die Bauten zum Weltkulturerbe ernannt wurden, erleben sie immer wieder, wie Architekturliebhaber durch die Siedlung streifen – in der Hoffnung, auch mal einen Blick ins Innere der Häuser zu erhaschen. Denn in keiner der sechs Berliner Siedlungen der Moderne steht eine Wohnung oder ein Haus Besuchern offen.

"Wir haben dann ein paar Nächte gegrübelt, haben leider keine öffentlichen Fördergelder bekommen und haben dann gesagt: Vielleicht lässt sich das über die Vermietung als Ferienhaus refinanzieren. Und eigentlich gibt es doch viele Architektur- und Designliebhaber, die deshalb nach Berlin kommen, weil hier so tolle Sachen stehen."

Über Jahre hinweg sind die beiden Bauhausliebhaber über Flohmärkte gezogen und haben Stühle, Leuchten, Schütten – ja sogar ein Radio und einen Kachelofen aus den Zwanzigern aufgetrieben. Bis ins Detail der Fensteroliven oder Kippschalter stimmt jetzt alles. Dazu: Wände in leuchtendem Grün, Blau, Gelb.

"Das ist in der Tat sehr wichtig. Weil Bruno Taut ist ja auch bekannt als Meister des farbigen Bauens. An den Fassaden kann man das leicht ablesen, aber im Innern der Häuser ist davon nichts mehr erhalten. Wir haben gesagt: Also, wenn wir das machen, dann machen wir es richtig und stellen überall die originale Erstfassung wieder her. Das Verfahren, wie man das macht, ist relativ simpel: Man kratzt einfach. Also man legt Schicht für Schicht frei – und die unterste Schicht, bevor man zum Material stößt, ist dann entweder die Grundierung oder der Erstanstrich."

Fast zwei Jahre waren die Lessers mit dem Renovieren der 65 Quadratmeter beschäftigt. Vieles haben sie selbst in die Hand genommen. Ohne zu wissen, was da am Ende unter den vielen Tapeten zum Vorschein kommen würde.

"Das war ganz spannend. Wir haben hier jeden Tag gefiebert und geguckt. Und das waren ganz spannende zwei Jahre. Wir haben viel selbst gemacht und tagelang irgendwelches Staniolpapier von den Wänden gekratzt und Schimmel beseitigt und Böden repariert und das war sehr spannend."

Nicht bei allen Nachbarn stießen die Renovierungsarbeiten jedoch auf Gegenliebe, erzählt Katrin Lesser.

"Die waren am Anfang sehr skeptisch, die Nachbarn. Ja. Weil, was machen die da? Man wusste am Anfang nicht so recht mit Denkmalschutz. Und wir haben aber die Nachbarn immer eingeladen zu kommen und mitzuverfolgen, was wir hier machen. Die sind immer sehr erstaunt, wie das wirkt hier. – Viele haben auch einen Déjàvue-Effekt. Viele sind in der Siedlung aufgewachsen und kommen dann hier herein und sagen: Das ist ja wie bei Oma."

Wenn es eine Ära gab, in der Berlin vibrierte, dann waren es die 20er. Nach Weltkrieg und Revolution herrschte hier eine Aufbruchsstimmung, die mit Händen zu greifen war. Der Stummfilm feierte seine Geburtsstunde als Massenmedium, die Maler feierten die Explosion der Farben und die Befreiung von der Gegenständlichkeit, die Damen die Befreiung vom Korsett. Und die Berliner feierten sich selbst – in Varietés, in Weindielen und beim Swing. Auch in der Architektur fand eine Entrümpelung erster Güte statt, die unter dem Schlagwort "Neues Bauen" in die Lexika eingehen sollte: Weg mit all den Stilmoden des 19. Jahrhunderts, mit überflüssigem Zierrat und Dekor. Aber dass sich namhafte Architekten dem Massenwohnungsbau zuwandten, das war etwas sensationell Neues. So gelten die Reformsiedlungen von Bruno Taut noch heute als Blaupause für öffentlichen Wohnungsbau.

Katrin Lesser drückt auf den Klingelknopf. Keine fünf Minuten zu Fuß sind es von ihrem Haus durch die Siedlung bis ins Herz des Hufeisens. Hier lebt Helga Schönfeldt in einer Zweieinhalbzimmer-Wohnung – seit 1928. Aus dieser Zeit hat die Rentnerin noch ein paar Fotos und Zeitungsausschnitte gefunden, die sie für Katrin Lesser rausgelegt hat. Denn Lesser ist Gartenarchitektin und hat den Auftrag zu rekonstruieren, wie die Hufeisensiedlung ursprünglich einmal bepflanzt war: Wo welcher Baum stand, wo Sträucher, Hecken oder Beete angelegt wurden, wo Rasen gepflanzt war. All das wurde einmal genau festgelegt – aber ein alter Plan aus den 20ern existiert nicht mehr. Also lässt sich Katrin Lesser erzählen, wie es damals hier aussah.

Helga Schönfeldt bittet in die Wohnstube und holt ein Album aus der schweren, dunklen Schrankwand, während ihre zwei Wellensittiche munter weiterplappern. Der erste Zeitungsausschnitt ist von 1926 und zeigt ein Schwarzweiß-Foto der Hufeisensiedlung aus der Vogelperspektive. Allerdings nur den innersten Gebäudering des Hufeisens mit der Grünanlage in seiner Mitte – sämtliche der Querstraßen mit den Einfamilienhäusern fehlen noch.

"Und zu der Zeit ungefähr sind Sie auch hier eingezogen, oder? – Na, viel eher. Als meine Eltern einzogen, war der Hufeisenbau, das Rund, im Bau – von den Seitenstraßen keine Spur. Also es war Baustelle, und die ersten drei Häuser – die Hausnummern drei, fünf, sieben, neun, sollen bezugsfertig gewesen sein. Und meine Eltern sind in diese Nummer 7 am 1. November 26 eingezogen."

Wer in der Hufeisensiedlung eine Wohnung bekam, durfte sich glücklich schätzen: Raus aus den grauen Mietskasernen und dunklen Hinterhöfen in eine Wohnung mit Heizung, eigenem Bad, großem Balkon, viel Licht, einem Blick ins Grüne – und im Parterre sogar mit eigenem Garten. Mehr als 1000 Wohnungen für die arbeitende Bevölkerung entstanden hier in Britz zwischen 1925 und 1930 unter der Regie von Bruno Taut und Martin Wagner. Zusammen mit den fünf weiteren Siedlungen der Berliner Moderne, die die UNESCO im Juli 2008 zum Welterbe ernannt hat, wurden sie zum Inbegriff eines neuen, sozialen Wohnungsbaus.

"Und wie war das damals? Haben Sie da als Kind auch viel auf der Straße gespielt? – Na, das war natürlich ein Paradies hier. Die Straßen alle asphaltiert, da kam eine Bekannte aus Köpenick extra hierher, damit wir Rollschuh gelaufen sind. Das war also die reinste Bahn hier. Uns störte kein Auto."

Ihr Vater, sagt Helga Schönfeldt und tippt mit dem Finger auf ein Foto, das eine penibel gezogene Pflanzreihe zeigt, war allerdings gar nicht begeistert, als das junge Ehepaar diese Parterrewohnung zugeteilt bekam. Denn ein Garten war damals ja nicht zum Kaffeetrinken oder Grillen gedacht – sondern ein Nutzgarten mit strengen Auflagen für die Mieter: Hecken schneiden, Beete anlegen, Obstbäume pflanzen. Selbst die Balkonbepflanzung war genau vorgegeben.

Da schwere, bodenlange Gardinen die freie Sicht in den Garten und ins Innere des Hufeisens versperren, lässt sich Helga Schönfeldt dann doch noch von ihrem Besuch erweichen, den langen Weg durch Treppenhaus und Keller in den Garten zurückzulegen. Und plötzlich steht man inmitten einer Idylle: Grün grenzt hier an Grün, und gemeinsam umschließen die Mietergärten eine ovale Rasenfläche, in deren Mitte wiederum ein kleiner, hufeisenförmiger Teich mit hohen Weiden liegt.

"Sie haben ja sehr vorbildlich hier Obstbäume stehen. – Ja, ich habe also noch an der korrekten Stelle den großen Apfelbaum. Was eben fehlt, sind unten die Kirschen. – Das wäre sehr schön, wenn die wieder nachgepflanzt werden würden. – Also ich würde mich zum Ernten in meinem Alter nicht mehr nach einem Kirschbaum sehnen." (lacht)"

Bruno Taut hatte sich nämlich nicht nur ein buntes Farbkonzept für die Fassaden und Wände erdacht, sondern auch eine abwechslungsreiche Bepflanzung für die Siedlung. So hatte jede Straße ihre eigene Baumart, und in jedem Garten stand ein Apfelbaum sowie zwei Kirschbäume, um die Familie mit

Als Gartenarchitektin hat Katrin Lesser natürlich auch das Grün vorm Haus wieder originalgetreu hergerichtet. So blüht nicht nur der Flieder in lila, rosa und weiß, sondern auch der Apfelbaum.

""Wir haben den hier ganz denkmalgerecht wiederhergestellt. Mit der Ligusterhecke nach vorne zum Fußweg mit der seitlichen Rosenhecke. Mit den beiden Zieräpfeln, die jetzt in voller Blüte sind. Und außerdem haben wir noch eine Sauerkirsche nachgepflanzt, die hier fehlte. Eine alte aus der Entstehungszeit ist ja hier noch vorhanden. Hier sehen Sie die Reihe: Angefangen mit diesem Zierapfel, dann die Sauerkirsche, dann wieder der Zierapfel – und so ging das eben die ganze Reihe durch."

Mittlerweile sieht man auch in einigen Nachbargärten frisch gepflanzte Sauerkirschen und Zieräpfel. Das "Taute Heim" der Lessers scheint also Früchte zu tragen in der Hufeisensiedlung. Und die Besucher schätzen es sowieso, hier auf der Terrasse, im Schatten der Bäume, mal die Füße hochlegen zu können – nach einem langen Tag in Berlin.

"Die Gäste, die wir hier im Haus haben, sind immer sehr begeistert, hier zu wohnen. Zum Beispiel eine Familie schrieb ins Gästebuch: Es ist so wunderschön tagsüber Berlin zu erkunden und abends nach Hause zu kommen."

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