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Tauwetter über den Gipfeln der Welt

Teil 2: Die Dürre nach der Flut

Von Monika Seynsche

Blick auf den Exit-Gletscher im Kenai Fjords National Park, Alaska
Blick auf den Exit-Gletscher im Kenai Fjords National Park, Alaska (AP Archiv)

In den Alpen, den Bergen Nepals, der Cordillera Blanca und unzähligen anderen Regionen bedecken kleine und große Eisfelder die Hänge. 540.000 Quadratkilometer werden von den Gletschern der Welt eingenommen. Aber das Ewige Eis der Berge zieht sich seit über einem Jahrhundert zurück, immer schneller und immer weiter die Hänge hinauf. Die zusammengefallenen Getscherzungen sind zum Symbol des Klimawandels geworden.




"Temperatur ist gut so, he? Nicht zu kalt...Optimal."

Auf dem Findelgletscher in den Schweizer Alpen steht eine kleine Gruppe Menschen. Drumherum eine unberührte weiße Schneedecke, strahlend blauer Himmel und Temperaturen, einige Grad unterhalb des Gefrierpunkts.

Fast die Hälfte allen Trinkwassers der Erde stammt aus Flüssen.

"Also, Raymond, Petra und Big Chief…"

Fabian Mooser ist Bergführer. Er holt aus seinem Rucksack ein lila-gelb gestreiftes Seil und befestigt es an den Klettergurten der drei Forscher.

Viele dieser Flüsse speisen sich aus schnee- und gletscherbedeckten Gebirgen.


"Gut, dann gehen wir mal, he?"

"Also, man kann sagen, dass die Alpengletscher seit 1850 bis etwa in die 1970er Jahre rund ein halbes Prozent pro Jahr verloren haben, also insgesamt ungefähr die Hälfte ihres Volumens, seit 1970 bis 2000 ungefähr noch einmal 25 Prozent in 25 Jahren, und seit dem Jahr 2000 sind es, das sind jetzt nur 5 Jahre die gemessen waren, 15 Prozent. Also wir sind ungefähr bei 3 Prozent pro Jahr angelangt. Das heißt mit anderen Worten es geht sehr, sehr schnell und der Sommer von 2003 allein hat nach den besten Schätzungen etwa 8 Prozent des Volumens der Gletscher eliminiert, mit anderen Worten ein paar solche Sommer und von den Gletschern in den Alpen ist tatsächlich nicht mehr viel da."

Der Geograph Wilfried Haeberli von der Universität Zürich untersucht seit Jahrzehnten den Einfluss des Klimas auf die Gletscher der Alpen. Keine andere Gebirgsregion der Welt ist so gut erforscht und für keine andere gibt es so genaue Zahlen zum Schwund des Eises. Aber der Trend ist überall zwischen Patagonien, Alaska und dem Himalaja der gleiche: die Gletscher schwinden.

"Mein Name ist Daniel Viviroli und ich bin Postdoc an der Universität Bern in der Gruppe für Hydrologie und ich habe eigentlich in den letzten Jahren vor allem versucht abzuschätzen, wie viel Wasser aus den Gebirgen kommt und wie es den Tiefländern als Wasserressourcen zur Verfügung steht und wie die Tiefländer davon profitieren können."

Das Ergebnis: mehr als die Hälfte der Gebirge der Welt stellen eine wichtige oder sogar die einzige Wasserquelle für die Menschen im Umland dar.

Auf 3350 Meter ist das Ziel der Seilschaft erreicht. Noch einige hundert Meter weiter den Gletscher hinauf und man wäre in Italien. Hinter den Forschern, auf der anderen Talseite ragt das Matterhorn empor. Fabian Mooser:

"Und wie groß ist Euer Aktionsradius? Geht Ihr da."

Horst Machguth:

"Vorläufig ist der so fünf mal fünf Meter."

Raymond Le Bris, Petra Breitenmoser und Horst Machguth packen Schaufeln und Eispickel aus, während der Bergführer mit einem langen Stab im Schnee stochert – auf der Suche nach Gletscherspalten, die sich unter der trügerisch glatten Oberfläche verbergen. Mooser:

"Bleibt also so wie gesagt die fünf zehn Meter in der Nähe, nicht irgendwo zurücklaufen in der Spur oder hier vor allem nicht über das runter , über die Kante, da hat’s Spalten."

"Also jetzt graben wir hier ein Loch."

Horst Machguth ist einer von Wilfried Haeberlis Doktoranden an der Universität Zürich.

"Wir stehen jetzt hier auf der aktuellen Schneeoberfläche, also so, wie sie sich jetzt präsentiert im Herbst von dem Jahr."

Seit vier Jahren untersucht er, wie viel Masse der Findelgletscher durch Schnee hinzugewinnt und wie viel er durch Schmelze verliert. Jedes Jahr kommt dabei eine Massenbilanz heraus. Machguth:

"Und die Idee ist jetzt, runterzugraben so tief, bis wir die Schneeoberfläche vor einem Jahr finden, also durch den Schnee durchgraben, der hier oben das ganze Jahr über überlebt hat."

Hier oben, im Nährgebiet des Gletschers, fällt jedes Jahr mehr Schnee als schmilzt. Anders sieht das weiter unten im Zehrgebiet des Gletschers aus. Die Daten vom Findelgletscher fließen ein in das Archiv des mehr als 100 Jahre alten Internationalen Gletscherbeobachtungsdienstes, den Wilfried Haeberli leitet. Er und seine Kollegen sammeln Daten von allen Erdteilen. Von den meisten der grob geschätzt 200.000 Gletscher wissen die Forscher noch gar nichts, weil sie in viel zu abgelegenen Regionen liegen. Von vielen anderen gibt es nur sehr ungenaue Satellitenauswertungen. Aber etwa 230 Gletscher werden zum Teil seit Jahrzehnten genauer unter die Lupe genommen, wie eben der Findelgletscher bei Zermatt. Sie alle ziehen sich zurück und schicken immer größere Schmelzwassermengen in die Täler. Besonders deutlich habe man das im Hitzesommer 2003 gesehen, sagt Wilfried Haeberli.

"Die Flüsse, die aus den Alpen kamen, die hatten zum Teil enorme Wassermengen. In gewisse Alpenclub-Hütten konnte man nicht mehr gehen, weil die Flüsse und Bäche unüberschreitbar geworden waren, weil die Gletscherschmelze so enorm intensiv war. Ich habe auch die Aare gesehen bei Thun, das ist ein stark gletscherernährter Fluss und der hat geschäumt im Sommer wie ich das selten gesehen habe."

Solange die Gletscher schmelzen, kommt Wasser in Massen. Aber irgendwann werden sie weg sein – oder ihre Fläche so klein, dass das Schmelzwasser kaum noch von Bedeutung ist. Wenn die Temperaturen weiter steigen und die Niederschläge im Gegenzug nicht wesentlich stärker werden - dann könnte es selbst im regenreichen Europa eng werden. Im Sommer 2003 schäumten zwar die Flüsse, die sich aus Gletschern speisten. Doch die fernab der Gletscher fielen trocken. Wilfried Haeberli:

"Wenn man sich jetzt diesen Sommer vorstellt und man nimmt das Gletscherschmelzwasser weg, dann heißt das, dass selbst unsere ganz großen Ströme Rhone und Rhein zwischen den Monaten sagen wir mal Juli bis Oktober während Wochen in solchen trockenen Sommern, die ja häufiger werden dürften, extremstes Niedrigwasser haben. Also noch wesentlich extremer als 2003, weil dann eben das Gletscherwasser fehlt und wenn’s ganz ungut kommt gegen Ende des Jahrhunderts sogar streckenweise trocken fallen könnten."

Wenn das Wasser knapp wird, werden die Behörden entscheiden müssen, wer es bekommt – ob man Felder bewässert, Atomkraftwerke kühlt oder Trinkwasserspeicher auffüllt. Haeberli:

"Damit beschäftigt sich auch die EU zurzeit eigentlich sehr intensiv, denn es ist ein Prozess der langfristig absehbar ist, und der die Wirtschaft wirklich ziemlich zentral betreffen könnte, denken wir nur daran, dass zum Beispiel die Rheinschifffahrt ganz stark vom Pegel des Rheins abhängt und dass bereits im Sommer 2003 zum Beispiel der Treibstofftransport zum Flughafen Frankfurt eingeschränkt werden musste, weil die Schiffe nicht mehr voll beladen werden konnten. Mit anderen Worten: schon 2003 ist es zu einer kritischen Situation für Frankfurt Flughafen gekommen. Ohne die Gletscher wäre es vielleicht zu einer Schließung des Flughafens gekommen."

Anderthalb Tage haben Horst Machguth und seine Kollegen gegraben. In dieser Höhe wird das Schaufeln innerhalb kürzester Zeit anstrengend – es fehlt der Sauerstoff. Am Nachmittag des zweiten Tages schimmert die gräuliche Schneeoberfläche aus dem Sommer 2007 am Grund. Das Loch ist zwei Meter tief. Horst Machguth schiebt seine bunte Wollmütze aus der Stirn und kratzt sich am Kopf:

"Was es heißt? Schwierig zu sagen, es heißt einfach das ist weniger als das letzte Jahr. Ich glaube letztes Jahr haben wir gegen die 2,80 wenn nicht 3 Meter gegraben, das ging auch viel besser und das heißt eigentlich dass er dieses Jahr weniger Zuwachs erhalten hat, weniger sogenannte Akkumulation als im letzten Jahr."

"OK, dann gehen wir wieder."

Von der Südspitze Chiles bis hinauf nach Venezuela zieht sich ein Gebirgsmassiv gewaltigen Ausmaßes an der Westküste Südamerikas entlang. Vom windumtosten Kap Horn bis in tropische Breiten. Und gerade dort ragen die höchsten Gipfel der Anden bis in über 6000 Meter Höhe empor. Hier gibt es weder Sommer noch Winter. Stattdessen eine Feuchtzeit, in der die Wolken vom Pazifik Regen und Schnee in großen Mengen bringen und eine ebenso lange Trockenzeit, in der kaum ein Tropfen fällt. Der Glaziologie Georg Kaser von der Universität Innsbruck verbringt viele Wochen im Jahr auf den Gletschern der tropischen Anden.

"Es gibt keine Grundwasservorkommen, keine großen, weil die Berge zu steil, zu jung sind und es gibt diese Winterschneedecke nicht und damit sind über Monate hin die Gletscher die einzigen Wasserspender für große Teile, vor allen Dingen an der Westküste, wo die großen Städte liegen. In Peru Lima mit seinen 10, 12 Millionen Einwohnern hängt praktisch ausschließlich von der Gletscherschmelze ab über fast sechs Monate pro Jahr."

Das Problem ist: im Moment schmelzen die Gletscher sehr schnell. Es kommt mehr Wasser im Tal an als früher. Die Menschen gewöhnen sich an den Überfluss und der Wasserkonsum steigt. Solange, bis die Gletscher verschwunden sind. Und spätestens dann sind soziale Konflikte vorprogrammiert. Kaser:

"Jetzt hat es vor einigen Jahren eine Situation gegeben, wo eine kleine Stadt mit 12.000 Einwohnern irgendwie drauf gekommen ist, dass das Wasser, das sie haben, erstens nicht ausreicht – auch so eine Veramerikanisierung des Lebensstils und damit der Wasserkonsum ist sehr stark nach oben gegangen, also das Wasser hat nicht mehr gereicht und es war vor allem nicht mehr sauber genug."

Daraufhin bauten die Stadtbewohner eine Wasserleitung, die das Gletscherwasser hoch oben aus den Bergen hinunter ins Tal bringen sollte. Ohne darüber nachzudenken, dass ein Bauerndorf dort oben auf genau dieses Wasser angewiesen war, um während extremer Trockenzeiten die Felder zu bewässern. Georg Kaser und seine Kollegen installierten zur selben Zeit Messgeräte auf dem Gletscher. Kaum waren sie abgereist, wurden sie von den wutentbrannten Dorfbewohnern aufgefordert, sofort zurückzukommen und ihre Geräte wieder abzubauen. Den Feldern rund ums Dorf fehlte das Wasser. Der Einfachheit halber machten die Dorfchefs dafür nicht die für sie lukrative Rohrleitung in die Stadt verantwortlich, sondern die österreichischen Gletscherforscher. Sie hätten mit ihren Messgeräten die Geister der Berge erzürnt. Kaser:

"Wir haben heute noch drei Regenmessgeräte im örtlichen Dorfgefängnis, die sind eingesperrt dort. Das ist eine lustige Geschichte, so vom Ende her. Aber es zeigt, dass das Konfliktpotential sehr groß ist. Wie unsere Leute dort, die peruanischen Partner dort ,hingegangen sind zu verhandeln, da waren einige tausend Leute dort in einer sehr bedrohlichen Situation sind die dann wieder abgezogen, unverrichteter Dinge, die Leute waren aggressiv und zornig."

Um herauszufinden, wie groß das Konfliktpotential in Zukunft werden könnte, haben die Forscher modelliert, was mit den Gletschern der Anden in 50 oder 100 Jahren passieren könnte. Kaser:

"Und wir kommen da schon zu sehr großen Veränderungen im Abfluss und zwar kann das je nach Ausmaß der heutigen Vergletscherung kann das während der Feuchtzeit bis zu 60 Prozent Zunahme des Abflusses führen, also durchaus dramatisch im Hinblick auf Murabgänge und Überschwemmungen, solchen kurzzeitigen Sachen und in der Trockenzeit kann es ähnlich dramatisch absinken und geht da nahe Null Abfluss, der zur Verfügung steht."

Es ist später Nachmittag auf dem Findelgletscher. Nach zweieinhalb Stunden Abstieg hat die Gruppe die Seitenmoräne erreicht, auf der sie ihr Lager aufschlagen will. Horst Machguth dreht sich um und blickt zurück auf den Gletscher. Dort ragt mitten ins Eis eine etwa 500 Meter lange hellgraue Felszunge. Machguth:

"Hätten wir jetzt das Interview vor sagen wir mal fünf Jahren gemacht, dann wäre der Fels wahrscheinlich noch gar nicht sichtbar gewesen, dann hätte man einfach nur diese Eisabbrüche gesehen. Aber dieser Fels kam raus - zuerst war das noch ein sogenannter Nunatak, also Nunatak ist eine Felsinsel die ringsum von Eis umgeben ist, aber das ist in der Zwischenzeit auch nicht mehr, weil dieser kleine Seitenarm der ist jetzt auch weggeschmolzen und so ist das eigentlich jetzt: Der Fels ist verbunden mit dem Fels auf dem wir jetzt draufstehen also wir könnten jetzt darüber laufen mitten in den Gletscher, ohne überhaupt je übers Eis zu laufen, was alleine schon vor drei Jahren noch überhaupt gar nicht möglich gewesen wäre."

Fast drei Milliarden Menschen leben rund um das größte Gebirgsmassiv der Welt – den Himalaja und den ihn umgebenden Gebirgen Asiens, wie dem Pamir, dem Tien Shan und dem Karakorum. Alle Gletscher dieser Region zusammengerechnet bedecken mehr als 112.000 Quadratkilometer – eine Fläche, fast so groß wie England. Die neun größten Flüsse Asiens entspringen hier, wie der Jangtse, der Indus oder der Ganges. Allein in den Bergen leben etwa 170 Millionen Menschen, stromabwärts in den Flusstälern: 40 Prozent der Erdbevölkerung. Diese Zahlen beunruhigen den Hydrologen Gwyn Rees vom Zentrum für Ökologie und Hydrologie im britischen Wallingford. Deshalb haben er und seine Kollegen anhand von Modellen berechnet, welchen Einfluss die Gletscherschmelze auf die Wasserressourcen des Himalaja haben könnte.

"Hydrologisch gesehen sind die Gletscher im Osten nicht so wichtig wie die im Westen. Im Westen des Himalaja trägt das Schmelzwasser 70 Prozent zum Abfluss der Flüsse bei. Im Osten macht es nur zehn Prozent aus. Wenn die Gletscher verschwinden, würde das dem Westen also viel, dem Osten relativ wenig ausmachen."

Der Osten der Region bekommt reichlich Niederschlag durch den Monsun, der Feuchtigkeit aus dem Golf von Bengalen mitbringt. Angesichts dieser Wassermassen verliert das Schmelzwasser aus den Bergen an Bedeutung für die Tiefländer im Osten. Ganz anders sieht das im Westen aus. Dort herrschen wie in den Anden lange Trockenzeiten vor, in denen das Schmelzwasser der Gletscher die wichtigste Wasserquelle darstellt. Rees:

"Wenn sich die Gletscher zurückziehen, dann sind es genau diese Regionen, die als erste die Folgen zu spüren bekommen."

Daniel Viviroli:

"Das wäre zum Beispiel eben der Indus der praktisch ein Wüstengebiet bewässert. Das ist das größte zusammenhängende Bewässerungssystem der Welt, das da vom Himalaja gespiesen wird."

Zu etwa 90 Prozent stammt das Wasser des Indus aus den eis- und schneebedeckten Bergen, sagt der Gebirgshydrologe Daniel Viviroli von der Universität Bern. Der Indus versorgt die beiden bevölkerungsreichsten pakistanischen Provinzen Punjab und Sindh. Ein Gebiet, in dem weit über 100 Millionen Menschen leben. Gwyn Rees’ Modellrechnungen zufolge spielen die Gletscher für die Wasserversorgung der Gebiete östlich des Himalaja kaum eine Rolle. Das gelte allerdings nur solange, betont er, wie sich der Monsun nicht verändere. Aber auch der wird vom Klima beeinflusst. Rees:

"Wenn sich im Zuge des Klimawandels auch der Monsun verschiebt, also stärker oder schwächer wird, oder zu anderen Zeiten kommt, dann hat das einen massiven Einfluss auf die Wasserversorgung der Region, aber auch auf die Gletscher und ihre Schmelzraten. Im Sommer bringt der Monsun zurzeit Schnee auf die östlichen Berge und schützt damit die Gletscher vor der Sonnenwärme. Wenn sich der Monsun aber abschwächt oder später im Jahr kommt, werden die Gletscher schneller schmelzen, weil ihnen die Schutzschicht aus Schnee fehlt."

In einer flachen Mulde auf der Seitenmoräne, gleich oberhalb eines kleinen Sees, haben die Forscher drei Iglu Zelte aufgeschlagen. Kaum ist die Sonne untergegangen, wird es hier, auf 2900 Meter Höhe, bitter kalt. Auf einem Benzinkocher köchelt Nudelwasser vor sich hin, auf einem anderen Carbonara-Sauce. Machguth:

"Morgen laufen wir noch die Gletscherzunge runter zum nachher die Stangen ablesen, also da sind eben Stangen reingebohrt ins Eis bis zu zehn Meter lang und der Trick ist einfach der: man bohrt eine Stange ins Eis, man bohrt sie so tief, dass sie vollständig im Eis ist und wenn man nach einem Jahr wiederkommt, dann sieht man, wie viel Eis geschmolzen ist in der Vertikalen auch daran, wie weit die Stange dann rausschaut."

Die einzigen Lichtquellen an diesem Abend sind die Stirnlampen der Forscher und der Mond. Die Nacht ist sternenklar und kalt. Nach dem Essen füllen Horst Machguth und seine Kollegen kochendes Wasser in Plastikflaschen und nehmen sie als Wärmflaschen mit in die Schlafsäcke. Am nächsten Morgen ist trotzdem einer der Schlafsäcke an der Zeltplane festgefroren. Der Findelgletscher hat gegenüber den allermeisten Gletschern der Welt einen entscheidenden Vorteil – er ist gut erreichbar. Der Zug fährt direkt bis nach Zermatt und von dort ist es ein Aufstieg von einem halben Tag hinauf auf den Gletscher. Bedingungen, von denen Georg Kaser bei seinen Untersuchungen in den Anden weit entfernt ist.

"Nein, das geht dort nicht so, ist viel spannender und viel abenteuerlicher, also natürlich man fliegt nach Lima und dann mit Bus oder einem gemieteten Auto nach Huaraz, und von dort geht es dann mit Geländeautos schon manchmal noch sechs, sieben, acht Stunden, je nachdem wo wir sind auch zwölf Stunden weiter und von dort an sind es dann Tragtiere, Esel, die unser Gepäck tragen, das sind zu Beginn so einer Expedition vor allem Messgeräte, wir müssen ja auch Batterien, Autobatterien mittragen, Solarpaneele, um das ganze energetisch zu erhalten, und Zelte und so, das sind dann schon bis zu 30, 40 Esel und entsprechend fünf, sechs, sieben Eselführer dabei, und da geht man dann bis zu zwei, drei Tagen bis zu einem sogenannten Basislager und von dort aus wird es dann meistens technisch schwierig, in einem Fall haben wir dann über viele Tage Fixseile gelegt, um unsere Arbeiten sicher abwickeln zu können, haben dann langsam den Zugang zum Gletscher erarbeitet und erschlossen und unsere Messgeräte hingestellt, wo wir sie haben wollten, und dann ist das Arbeiten am Eis selber natürlich sehr aufwendig. Erstens, weil es halt hoch ist, zweitens, weil es alles sehr, sehr spaltige Gletscher sind, sehr steile, schnell fließende."

Auf die Frage, warum er nicht einfach auf Satellitendaten zurückgreift, schüttelt Georg Kaser nur den Kopf.

"Das eine ist, dass Satelliten irgendetwas erkennen. Ob das das ist, was wir wissen wollen, das müssen wir erst durch den sogenannten ground proof, also durch die Bestätigung von Messungen direkt an der Oberfläche verifizieren. Das heißt Satellitendaten allein sind nicht wahnsinnig hilfreich, wenn sie nicht eingehängt werden an wirkliche Vorgänge an der Erdoberfläche."

Außerdem würden die Anden, anders als zum Beispiel die Polargebiete, nur in relativ großen Abständen von Satelliten überflogen. Die Datenlage sei also mager. Ähnliche Probleme hat Gwyn Rees. Um seine Modellaussagen zu überprüfen, bräuchte er Messdaten. Aber genau die fehlen in weiten Teilen des Himalajas.

"Es gibt politische Spannungen zwischen den Staaten dieser Region. Viele der Gletscher liegen in abgesperrten Grenzregionen und seit einigen Jahren kommt es immer wieder zu terroristischen Aktivitäten in Pakistan und Nepal. All das erschwert die Feldforschung. Abgesehen davon sind die Gletscher schon aus praktischen Gründen schwer erreichbar, sie liegen in sehr stark zerfurchten, abgeschiedenen Gebirgsregionen. Dazu kommen noch die extreme Höhe und die zum Teil harschen Wetterbedingungen. Im Winter ist es sehr schwer in diesen Höhen überhaupt zu arbeiten."

Die Hydrologen müssen das beste aus den spärlichen Daten machen. Aber je weniger Messdaten zur Verfügung stehen, desto unsicherer werden ihre Aussagen.

Am dritten Tag folgt der Abstieg vom Findelgletscher. Die Gruppe macht sich mit Seilen, Steigeisen und Eispickeln ausgerüstet auf den Weg die Gletscherzunge hinab. Das Eis schiebt sich unermüdlich Millimeter für Millimeter ins Tal. Deshalb sind die Stangen oft nicht mehr dort, wo sie ins Eis gebohrt wurden. Aber nach einer kurzen Suche ist die erste gefunden. Horst Machguth kratzt mit seinem Eispickel den Schnee von der Eisoberfläche.

"Ja, das ist das Eis schon, man sieht, auch das ist so dunkel im Vergleich zum Schnee."

Die Stange ragt etwa acht Meter aus dem Eis heraus. Machguth:

"Wenn wir jetzt vor eineinhalb Jahren gekommen wären dann wären wir ja, acht Meter höher oben gestanden, so in etwa, bisschen weniger, weil der Gletscher fließt noch."

Weiter hinten begrenzt eine Bergflanke die Ostseite des Gletschers. Etwa 200 Meter über Horst Machguths Kopf durchzieht wie eine Wasserstandsanzeige ein Strich den Hang. Darüber ist das Gestein rötlich braun und verwittert, darunter hellgrau. Noch 1850, zum Ende der kleinen Eiszeit, war der Gletscher so dick, dass sich das Eis bis dorthin türmte, erzählt der Zürcher Naturgefahrenforscher Christian Huggel. Um zu zeigen, was es damit auf sich hat, klettert Huggel auf einen Schutthügel auf der anderen Seite des Gletschers – eine Seitenmoräne - und blickt zurück auf den östlichen Berghang. Oberhalb der ehemaligen Gletscheroberfläche durchziehen graue Streifen den bräunlichen Hang. Eine ganze Flanke ist um mehrere Meter abgerutscht und hat das hellgraue, unverwitterte Gestein freigelegt. Huggel:

"Das ist eigentlich ein recht spektakulärer Fall einer Rutschung, Seitenrutschung beim Gletscher. Also wir sehen: Zuerst ist hier der Gletscher der sich hier zu Tale wälzt. Und auf der Seite die großen Moränen aus der kleinen Eiszeit ungefähr 1850 und eben direkt gegenüber von uns jetzt diese Rutschung, die sich entwickelt hat. Weil der Gletscher stark abgesunken ist in den letzten 100, 150 Jahren und dadurch eben jetzt die Stütze fehlt am unteren Teil dieses Hanges und das ist eigentlich recht typisch für eine solche Hangrutschung."

Im Kaukasus, am Kolka-Gletscher, löste vor sechs Jahren ein Felssturz an einem solch instabil gewordenen Hang eine gigantische Lawine aus. Mehr als 100 Millionen Kubikmeter Eis und Fels rasten ins Tal. Über 100 Menschen starben, erinnert sich Wilfried Haeberli von der Universität Zürich.

"Ein Sturz wie zum Beispiel im Kolka Karmadon, also 2002, der ist über gut 30 Kilometer gegangen und man muss sich mal vorstellen wie das in einem Alpental wäre, da ist also kein Grashalm stehen geblieben im Weg, geschweige denn irgendetwas sonst."

Noch unangenehmer kann es werden, wenn ein solcher Felssturz in einem See landet und dann eine Flutwelle auslöst, erzählt Christian Huggel. Am Findelgletscher ist er die Moräne weiter hinauf geklettert und zeigt auf einen kleinen grünlich-blauen See auf der anderen Seite des Schutthügels. In den See schiebt sich die Zunge eines steilen Hanggletschers. Huggel:

"Wir sehen hier ein typisches Beispiel von einem Gletschersee, also einem See direkt im Vorfeld eines sich zurückziehenden Gletschers, und der See wird sich auch künftig noch weiter vergrößern. Man sieht, der See ist noch direkt in Kontakt in den Gletscher. Es gibt hier eine sogenannte Kalbungsfront, und von Zeit zu Zeit stürzen da kleinere und größere Eisblöcke in den See. Und unter Umständen kann das kleine Wellen generieren und in einem Extremfall könnte das auch eine kleine Flutwelle auslösen. Zusätzlich haben wir noch einen sehr steilen Gletscher oben dran, was eigentlich auch so eine klassische Situation wäre um einen Seeausbruch auszulösen."

Die meisten Gletscherseen werden von einem Damm aus lockerem Gestein aufgestaut, der Endmoräne, die der Gletscher in seinem Vorfeld abgeladen hat. Diese lockeren Dämme sind tückisch, denn sie können jederzeit brechen. Wilfried Haeberli:

"Die Gletscherseen sind vor allem ein großes Gefahrenpotential in Nepal, Bhutan und Peru, würde ich mal sagen, sind die Hauptländer, die betroffen sind, und dort haben sich, in diesen schuttbedeckten Gletscherzungen bilden sich jetzt noch zum Teil sehr, sehr große Seen, die ausbrechen können oder in die eben eine große Fels- oder Eislawine hineinfallen können, weil der Permafrost geht auch dort eher weg, also da ist das Potential für wirklich ganz große Katastrophen vorhanden. Zum Beispiel ein Felssturz in einen See in Peru oder Bhutan oder Nepal könnte ohne weiteres Tausende von Leuten umbringen."

Je stärker sich die Gletscher zurückziehen, desto mehr Seen bilden sich. Von Zürich aus versucht man, diese Entwicklung zu modellieren. An bestehenden Seen können die Forscher mit Laser-Entfernungsmessern jede Bewegung der Felshänge beobachten und so drohende Felsstürze erkennen. In den Alpen funktioniert das ganz gut. In schwerer zugänglichen Regionen, wie den Anden und dem Himalaja fehlen die notwendigen Daten.

Horst Machguth und sein Team haben die Zunge des Gletschers erreicht, 2600 Meter über dem Meeresspiegel. Vor ihnen dehnt sich ein weites, U-förmiges Tal aus, durch das sich der Gletscherbach Richtung Zermatt schlängelt. Noch vor dreißig Jahren, erzählt Horst Machguth, lag die Spitze des Gletschers 700 Meter weiter vorne in diesem Tal.

"Seit letztem Jahr ist dann hier an dieser Stelle also auf der Zunge des Gletschers, 20, 30 Meter weg von dem eigentlichen Ende des Gletschers sind 7,5 Meter Eis geschmolzen an dieser Stelle hier an dieser Stange."

An der Spitze des Gletschers lösen sich glitzernde Tropfen vom Eis und bilden ein endloses Rinnsal im grauen Boden. Wilfried Haeberli:

"Beim Klima ist vielleicht das entscheidende Problem, dass wir uns mit zunehmender Geschwindigkeit von gleichgewichtsartigen Zuständen entfernen, und wir haben eigentlich keine Ahnung, wie dieses System reagieren wird, wenn wir es dermaßen auslegen. Es ist, wie wenn man ein Atomkraftwerk mit irgendwelchen Spielchen hochjagt und dann einmal schaut, wie es dann reagiert."

Die Sonne scheint und die Wärme nagt am Eis. Mit jedem Tropfen versickert ein Stück Jahrhunderte altes Eis im Boden. Unwiederbringlich.

Hinweis: Den ersten Teil des Doppelfeatures "Tauwetter über den Gipfeln der Welt" können Sie hier nachlesen.

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