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StartseiteEuropa heuteTaverne Mama02.04.2009

Taverne Mama

Griechische Nesthocker wider Willen

Die Arbeitslosenzahlen in Griechenland sind weiter gestiegen, die Löhne reichen zum Leben nicht mehr aus. Besonders hart trifft das die junge Generation, denn bei Einstiegslöhnen von rund 750 Euro können sie weder selbstständig leben, noch finanzielle Rücklagen bilden. Und so wohnen inzwischen rund drei Viertel der jungen Griechen unter 30 Jahren bei den Eltern.

Von Alkyone Karamanolis

Drei Viertel aller Griechinnen und Griechen unter 30 Jahren leben bei ihren Eltern, obwohl sie berufstätig und noch dazu meist hochqualifiziert sind.  (AP)
Drei Viertel aller Griechinnen und Griechen unter 30 Jahren leben bei ihren Eltern, obwohl sie berufstätig und noch dazu meist hochqualifiziert sind. (AP)

Ruhig ist es bei Nikos nicht, dafür gemütlich. Die Mutter lässt sich gerade von einer Bekannten frisieren, irgendwo läuft ein Fernseher, und vom Sofa aus grüßt der Vater, ein freundlicher älterer Herr. Nikos lädt in sein Zimmer - auch nicht gerade das, was man sich unter der Bleibe eines Software-Ingenieurs vorstellt: Rund zehn Quadratmeter, vollgestellt mit Jugendmöbeln - ein schmales Bett, ein kleiner Schreibtisch, von der Decke hängen Modellflugzeuge. Hier hat Nikos als Kind gelebt, hierher ist der 30-Jährige nach seinem Master-Studium und dem Berufseinstieg in London wieder zurückgekehrt:

"Sicher gibt es Vorteile, wenn man zu Hause wohnt, aber leider auch eine Menge Nachteile. Ich habe zehn Jahre lang alleine gelebt, da ist es nicht gerade einfach, sich wieder umzugewöhnen. In England hat mir eben gerade das gefallen: Ich konnte mir von meinem Gehalt eine eigene Wohnung leisten, ich habe ein selbständiges Leben geführt, wie es für jemanden in meinem Alter normal ist. Hier ist das nicht möglich - also lebe ich bei meinen Eltern."

Nikos Mutter kommt mit selbstgemachtem Kompott ins Zimmer, Nikos ist das sichtlich unangenehm. Doch es bleibt ihm nichts anderes übrig als sich mit dieser Art von Wohngemeinschaft zu arrangieren. 800 Euro netto verdient er im Monat, das ist weniger als ein Student in Athen zum Leben braucht - und dennoch ein typisches Einsteigergehalt:

"Es heißt immer, London sei so teuer - aber Athen kommt mir viel teurer vor. In England waren die Mieten teuer, die öffentlichen Verkehrsmittel und das Benzin. Alles andere war billiger zu haben als hier. Nach Abzug aller Ausgaben hatte ich noch genügend Geld übrig um zu reisen, um mir Kleidung zu kaufen, um auszugehen, um halt ein normales Leben zu führen."

Aus privaten Gründen ist Nikos dann doch nach Griechenland zurückgekehrt. Inzwischen aber denkt er ernsthaft darüber nach, nach England auszuwandern, denn in Griechenland ist seine Lebenssituation fast die Norm. Rund drei Viertel aller Griechinnen und Griechen unter 30 Jahren leben bei ihren Eltern, und das, obwohl sie berufstätig und noch dazu meist hochqualifiziert sind. Ihrer niedrigen Löhne wegen werden sie die 700-Euro-Generation genannt. Seit zwei Jahren erörtern sie ihre Nöte auf einem vielbesuchten Blogspot, mit dem Ziel, gemeinsam bessere Arbeits- und Lebensbedingungen durchzusetzen. Dabei sei vor allem die Politik gefragt, sagt Thanasis Gouglas, Gründungsmitglied des Blogspots. Stichwort: Generationengerechtigkeit.

"Wir haben eine Jugendarbeitslosigkeit von über 20 Prozent und gleichzeitig niedrige Einstiegslöhne. Ein Problem, das noch keine Regierung angegangen hat, also in dem Sinn, dass man sagen würde: Wir schichten Chancen und Gelder zugunsten der Jungen um. Damit sie selbständig leben können. Das könnten zum Beispiel Steuererleichterungen für Berufseinsteiger sein oder Subventionen."

Auch Orest, 29 Jahre, Grundschullehrer, wohnt noch bei seinen Eltern. Gerade hat er Besuch von einer Freundin, die auf Jobsuche ist. Gemeinsam mit seiner Mutter sitzen sie zu dritt am Esstisch und tauschen Tipps und Informationen aus. Zum Glück verstehe er sich gut mit seinen Eltern, meint Orest. Denn auch für ihn kommt eine eigene Wohnung nicht in Frage:

"Ich hab es mir ausgerechnet, aber es geht sich nicht aus - die Miete: mindestens 400 Euro, dazu 200 bis 300 Euro für die nötigsten täglichen Ausgaben und dann noch die Festkosten: Strom, Telefon, Handy und so fort. Damit wäre mein Einkommen bei weitem aufgebraucht. Ich kenne ein paar Leute, die ausgezogen sind, aber sie kommen nur gerade so über die Runden - und die letzten zehn Tage des Monats ist es richtig schwer."

In den vergangenen Jahren ist die Zahl derer, die schon berufstätig sind, aber immer noch bei den Eltern wohnen, gestiegen. Auch in Orests Bekanntenkreis gibt es kaum jemanden, der alleine wohnen würde. Doch das Daheim-wohnen-bleiben, findet Orest, prägt eine ganze Generation:

"So lange man bei seinen Eltern wohnt, ist man ihr Kind. Natürlich gibt es Unterschiede von Familie zu Familie. Aber viele hindert das Daheimwohnen daran, sich weiter zu entwickeln. Und das schlägt sich auch in den Beziehungen nieder. Dass so viele Leute keine feste Beziehung haben, hat, glaube ich, damit zu tun. Sie sind 30 oder 35 - und fühlen sich wie 22. Wo man im Sommer eine Beziehung hat und sich nach dem Urlaub wieder trennt. Sie haben einfach nicht das Gefühl, dass sie einen eigenen Haushalt gründen und Verantwortung für ihr Leben übernehmen müssen."

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