Montag, 11.12.2017
StartseiteDeutschland heute"Tausenden ist der Appetit vergangen"07.05.2014

"Team Wallraff" bei Burger King"Tausenden ist der Appetit vergangen"

Nach den Enthüllungen von Günter Wallraff und seinem Team über die Zustände bei Burger King haben viele Kunden die Fast-Food-Kette boykottiert. Nach der Sendung habe er zahlreiche Zuschriften erhalten, dass Menschen sogar im Krankenhaus behandelt werden mussten, sagte Günter Wallraff im DLF. Jetzt sammele man Fakten für eine Fortsetzung.

Günter Wallraff im Gespräch mit Sabine Demmer

Der Journalist Günter Wallraff unterstützt den iranischen Musiker Shahin Najafi (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Journalist Günter Wallraff schaut hinter die Kulissen - auch von Burger King. (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Weiterführende Information

Über den Tellerrand geschaut | Amerika will abnehmen (Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 16.01.2014)

Sabine Demmer: Tomate, Zwiebel, Gurke und dazu ein saftiges gegrilltes Rinderhacksteak im Brötchen – mir persönlich läuft da schon das Wasser im Mund zusammen. Sie merken: Vegan lebe ich nicht. Doch die Freude auf so einen Burger hat mir eine Fernsehsendung jetzt ziemlich versaut. Die Sendung lief vergangene Woche bei RTL, heißt "Team Wallraff – Reporter Undercover". Wie der Name schon sagt, arbeiten die Reporter verdeckt. Sie haben sich dieses Mal in der Fast-Food-Kette Burger King beworben, dort gearbeitet, und was am Ende bei dieser verdeckten Recherche herausgekommen ist, ist nur schwer verdaulich. Darüber möchte ich jetzt mit Günter Wallraff sprechen. Herr Wallraff, was hat Ihnen und Ihrem Team in der Fast-Food-Kette nicht geschmeckt?

Missstände in den Filialen von Ergün Yildiz

Günter Wallraff: Es geht nicht um die gesamte Burger-King-Kette, sondern um 90 Restaurants, die einem Franchise-Nehmer Yildiz gehören, der da rumgewütet hat, um möglichst schnell möglichst viel Gewinn da rauszupressen. Die Arbeitsbedingungen wurden katastrophal, qualifizierte Mitarbeiter wurden rausgemobbt, gekündigt, an deren Stelle wurden dann Ungelernte eingestellt, die aber dann dreimal so lange arbeiten sollten. Hygienische Grundsätze wurden überhaupt nicht mehr berücksichtigt. Jeder, der sich beschwerte, wurde mit Klagen überzogen, gerichtlich wenig Erfolg, aber zum Teil mürbe gemacht. Dadurch sind nun Produkte entstanden, die einfach nicht mehr im Entferntesten den Bestimmungen, den Gesetzen der Hygiene entsprachen, und ich habe inzwischen auch hier Zuschriften von Kunden, denen es nicht nur schlecht wurde, sondern die sogar in Krankenhausbehandlung danach waren.

Demmer: Man konnte irgendwie sehen: Mit einem Lappen, mit dem die Toilette geputzt wurde, damit wurde dann nachher die Ablage geputzt. Altes Fleisch, was eigentlich abgelaufen ist, wurde wiederverwertet oder noch mal warm gemacht. Das war schon ziemlich eklig, was man da sehen konnte.

Wallraff: Das war nun leider nicht irgendwie ein extremer Ausnahmefall, der mal hier und da überall passieren kann, sondern es war eigentlich die Regel der dortigen Gastronomie, und das hat wohl inzwischen auch Burger King selbst erkannt, weil nach unseren Veröffentlichungen hat es, ja, man kann sagen, einen Boykott gegeben, dass nun zig Tausenden der Appetit dadurch vergangen ist, dass sie insgesamt einen Bogen um diese Filialen der Burger-King-Kette gemacht haben, und dann hat es hier und da wohl auch die Falschen getroffen, die sich sehr wohl noch an Hygienestandards gehalten haben.

Demmer: Genau. Burger King hat nach der Ausstrahlung Ihres Films reagiert. Man hat dort selbst Teams für Lebenssicherheit losgeschickt, um das, was Sie herausgefunden haben, zu überprüfen. Haben Sie schon mit diesen Kontrolleuren sprechen können, ob die ähnliche Zustände vorgefunden haben?

Auf zwei Anhängern wird am 05.05.2014 in Kaufbeuren (Bayern) Werbung für die Fastfood-Ketten McDonald's und Burger King gemacht. (dpa / Karl-Josef Hildenbrand/)Wo ist es wirklich besser: McDonald's oder Burger King (dpa / Karl-Josef Hildenbrand/)

Burger King hat mittlerweile reagiert

Wallraff: Sie haben das überall fast vorgefunden. Nur Yildiz hat nicht darauf reagiert. Dann sind zwar Filialen hier und da geschlossen worden, aber der hat sie sofort wieder aufgemacht und hat vor versammelter Mannschaft diese beanstandeten Kontrollberichte zerrissen. Das hat aber dann inzwischen dazu geführt, dass wohl Burger King ihn erst mal von seinen Aufgaben entbunden hat und jetzt wohl eine andere Geschäftsführerin eingesetzt hat. Es tut sich jetzt, nachdem er da nicht mehr das Sagen hat, einiges zum Besseren. Aber wie lange das anhält, wieweit es nur dazu dient, die Öffentlichkeit zu beruhigen, das wird sich dann herausstellen.

Demmer: Sie haben die personellen Konsequenzen angesprochen. Es wurden aber auch schon einige Fast-Food-Ketten wegen dieser Missstände vorübergehend geschlossen. In Jülich beispielsweise steht auf einem Schild, das an der Eingangstür hängt, "Aus technischen Gründen vorübergehend geschlossen". Herr Wallraff, glauben Sie an diesen technischen Grund?

Wallraff: Das hört sich putzig an. Vielleicht ist die Technik dann auch inzwischen so marode, denn das hat man auch erlebt. Wir haben ja auch gesehen, es fehlt ja allem. Es war keine Spülmaschine da, das Wasser war nur lauwarm ...

Demmer: Kein Dosenöffner!

Wallraff: Nicht mal ein Dosenöffner. Von daher mag es ja wirklich sein, dass es an der Technik hinten und vorne haperte. – Nein, man sollte das nicht satirisch nehmen.

Hier sind Menschen, die da arbeiten, das ist fast das noch Schlimmere, die hier drangsaliert werden, die ihrem Geld nachlaufen, die an Krankheitstagen nicht bezahlt wurden, Urlaubsansprüche nicht berücksichtigt wurden. Das alles ist, glaube ich, das Hauptproblem, nicht dass wir nachher die hygienischen Zustände verbessern und die Arbeitssituation der Betroffenen beim Alten bleiben. Ich glaube, das muss jetzt weiter verfolgt werden, und auch, ob solche Anwälte, die selbst in internen Briefwechseln, E-Mails – ich habe sie hier vorliegen – davon sprechen, wörtlich, man müsse diese Betriebsräte erschießen, dann muss auch solchen Anwälten das Handwerk gelegt werden.

Deutlich mehr Beschwerden gegenüber Burger King

Demmer: In den einschlägigen Foren wie beispielsweise Facebook wird das Thema gerade heftigst diskutiert. Da hat zum Beispiel jemand geschrieben, „Ich boykottiere jetzt Burger King, gehe nur noch zu McDonald's". Eine andere Person hat darauf geantwortet und geschrieben, „Warte mal ab, bis Wallraff und Co. die Machenschaften bei McDonald's aufdecken". Herr Wallraff, wird das auch noch zu sehen sein?

Wallraff: McDonald's hatte ich ja vor Jahrzehnten mir vorgenommen und habe erreicht, dass sich da die hygienischen Zustände änderten, und inzwischen auch, dass die Betriebsräte zulassen und das nicht mehr erkämpft werden muss und Filialen geschlossen werden. Ich kriege jetzt im Verhältnis Burger King/McDonald's, sagen wir mal, eins zu zehn die Mängel und die Probleme, neun Zehntel Burger King, ein Zehntel auch McDonald's, und ich werde McDonald's auch damit konfrontieren. In der Vergangenheit habe ich immer wieder erlebt, dass die dann auch dem nachgingen und da, wo es berechtigt war, auch einlenken. Das hoffe ich hier auch, sonst muss auch McDonald's noch mal auf den Prüfstand. Aber sicher! Sobald uns hier gravierende Sachen auf den Tisch kommen, das sind Themen! Da gibt es auch Fortsetzungen in diesem "Team Wallraff" und da wird zurzeit gesammelt.

Demmer: Haben Sie jetzt eigentlich Hausverbot bei Burger King, oder hat man sich mit einem Wopper-Menü bei Ihnen und Ihrem Team entschuldigt?

Wallraff: Weder Burger King, noch McDonald's. Ich ernähre mich sehr gesund. Ich esse viel Gemüse und ohne Bananen wäre ich längst verhungert.

Demmer: Sie bleiben also beim Gemüse. – Günter Wallraff war das, Enthüllungsjournalist, über die unzumutbaren Hygiene- und Arbeitsbedingungen bei der Fast-Food-Kette Burger King. Herzlichen Dank für diese Informationen.

Wallraff: Danke.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk