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StartseiteForschung aktuellMit Computerprogrammen den Tätern auf der Spur15.03.2017

Technik gegen TerrorMit Computerprogrammen den Tätern auf der Spur

Ein Terroranschlag geschieht, die Täter flüchten. Für die Ermittler beginnt eine zeitraubende Arbeit: Sie müssen Unmengen an Video- und Bildmaterial sichten. Softwaresysteme wie die Gesichtserkennung helfen bei dieser Sisyphusarbeit, damit den Fahndern kein Hinweis entgeht. Kritiker finden solche Systeme problematisch.

Von Ralf Krauter

Ein Mann sitzt vor einem Computerbildschirm und arbeitet mit einem automatischen Gesichtserkennungssystem. (Adrien Deneu / Safran)
Automatische Gesichtserkennungs-Programme sollen bei der Aufklärung von Straftaten helfen. Wie in fast jeder Sicherheitstechnik seien die Missbrauchsgefahren aber problematisch, sagen Kritiker. (Adrien Deneu / Safran)
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Wer rausfinden will, was Videoüberwachungssysteme heute leisten, findet bei der Firma L-1 Identity Solutions Antworten. Das Unternehmen neben dem Campus der Ruhr-Universität Bochum gehört zum französischen Konzern Safran. 2006 war es am viel beachteten "Fotofahndungsexperiment" beteiligt, bei dem das Bundeskriminalamt am Mainzer Hauptbahnhof Gesichtserkennungssysteme testete - und für noch nicht praxisreif befand. Von 2010 bis 2015 koordinierte die Firma dann drei Projekte zur intelligenten Videoüberwachung, die das Bundesforschungsministerium mit insgesamt acht Millionen Euro förderte. Wenn jemand weiß, was geht, dann die Fachleute hier. Dr. Michael Dose sagt, man habe in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht.

"Die Kameratechnologie hat große Sprünge vorwärts gemacht. Die Rechenleistung ist massiv verbessert worden, auf algorithmischer Seite hat sich sehr viel getan. Sodass man die heutige Technologie mit der damaligen vor 10 Jahren kaum noch vergleichen kann."

Softwaresysteme helfen bei der Sisyphusarbeit

Motor der Entwicklung ist der Kampf gegen die Bilderflut. Bei der Fülle an Video- und Bildmaterial, auf das Ermittler heute nach jedem Terroranschlag zugreifen können, ist es zeitraubend, alles auszuwerten. Softwaresysteme helfen bei dieser Sisyphusarbeit, damit den Fahndern - etwa bei der Jagd nach flüchtigen Attentätern - kein Hinweis durch die Lappen geht. L-1 Identity Solutions hat dafür ein Computerprogramm entwickelt, den ‚Morpho Video Investigator‘, erklärt Geschäftsführer Dr. Martin Werner.

"Das ist in Frankreich im Einsatz. Die französische Polizei hat das angeschafft im Nachgang von den Terroranschlägen. Also die heiße Phase war da schon vorbei. Aber die Polizei muss am Ende des Tages letztlich alle Videodaten sichten, um eben zu schauen: Habe ich nichts übersehen? Es geht natürlich einerseits darum, den Täter zu ermitteln, aber auch darum, den Hintergrund zu ermitteln."

War der Täter alleine oder hatte er Helfer? Mit Gesichtserkennungs-Algorithmen lassen sich alle Personen, die auf einem Video in seiner Nähe zu sehen waren, automatisch in anderem Bildmaterial wiederfinden.

"Und dann kann der Investigator sagen: ‘Ok, um 5 Uhr 15 war der Verdächtige hier, um 5 Uhr 25 habe ich ihn hier gesehen. Vielleicht war jemand dabei, um 5:15h und um 5:25h, den ich vorher nicht gesehen habe‘. Und so kann ich mich dann letztendlich durch den Fall hangeln und versuchen, Beziehungen herzustellen."

Analyse von Videomassendaten im Kontext eines terroristischen Anschlags

Erklärtes Ziel der computergestützten Videoanalyse: Höhere Effizienz.

"Das hängt natürlich davon ab, wie die Videos sind. Wir gehen aber schon von einer Effizienzsteigerung – das ist unser Ziel – so von mehr als Faktor 10 aus. Das ist das Mindeste, was wir erwarten. Und dann hängt es ein bisschen ab, vom Material, was man da so hat und was die Leute alles importieren und sich anschauen. Es kann auch ein Faktor 100 sein. In dem Bereich sollte es eigentlich sein."

Das Interesse an solchen Videoanalyse-Systemen sei groß, sagt Martin Werner. Kunden namentlich nennen will er aber nicht. In einem deutsch-österreichischen Forschungsvorhaben arbeiten die Bochumer jetzt daran, ihre Technik zu verfeinern. Michael Dose:

"Wir sind aktuell an einem bilateralen Verbundprojekt genannt FLORIDA beteiligt. Hier geht es eben auch genau um das Thema der Analyse von Videomassendaten im Kontext eines terroristischen Anschlags."

Biometrische Gesichtserkennung (imago/Science Photo Library)Software für eine biometrische Gesichtserkennung - Problematisch bleibt die Unschuldsvermutung. (imago/Science Photo Library)

Die technische Entwicklung und die wachsende Videoüberwachung im öffentlichen Raum machen neben retrospektiver Ermittlungsarbeit längst auch Echtzeitanalysen möglich. Im Prinzip ließen sich steckbrieflich Gesuchte wie der zeitweise flüchtige LKW-Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt mit automatischer Gesichtserkennung aufspüren. Zum Beispiel an Bahnhöfen oder Flughäfen, wie es Bundesinnenminister Thomas de Maizière vorschwebt. Ein halbwegs brauchbares Porträtfoto des Gesuchten genügt, sofern er nicht vermummt unterwegs ist, sagt Martin Werner.

"Man wird natürlich jetzt nicht jede einzelne Kamera des Flughafens dazu benutzen, aber man kann natürlich an bestimmten Punkten, Eingängen typischerweise, wo jemand durch kommen muss, sich vorstellen, dass man da nach Leuten fahndet. Ob das in Deutschland vorstellbar ist, ist eine andere Frage. Aber technologisch kann man sich das sehr gut vorstellen."

Die Kinderkrankheiten, die vor zehn Jahren am Mainzer Hauptbahnhof noch Probleme machten, seien behoben, sagt Martin Werner. Entsprechende Systeme seien im Ausland unter anderem bereits an Flughäfen im Einsatz. Das von L-1 Identity Solutions heißt ‚Argus‘.

"In heutigen Tagen kriegt man da akzeptable Fehlerraten hin, die eben dafür sorgen, dass man nicht von Fehlalarmen überschwemmt wird und trotzdem eine sehr, sehr hohe Erkennungsrate hat."

Sicherheitstechnik birgt Missbrauchsgefahren

Und zwar ohne die aufwendige 3D-Gesichtserfassung, die in einem anderen Forschungsprojekt erprobt wurde, sich aber letztlich als zu teuer erwies. Gefilmt und identifiziert? Machbar wäre das auch in Deutschland, aber ist es wünschenswert, die Technik im großen Stil einzusetzen? Professor Regina-Ammicht Quinn vom Zentrum für Ethik in den Wissenschaften an der Uni Tübingen, hat die Fallstricke der Fotofahndung 2010 so auf den Punkt gebracht.

"Problematisch bleibt zum einen die Unschuldsvermutung. Ein solches System prüft ja jeden Menschen verdachtsunabhängig auf seine Schuld oder Unschuld. Problematisch bleiben wie in fast jeder Sicherheitstechnik die Missbrauchsgefahren. Dann stellen sich Fragen wie zum Beispiel: Ab welchem kriminellen Grad werden denn solche Systeme eingesetzt – und wer bestimmt das? Es muss eben sicher sein, dass nicht dann nach Schulschwänzern gefahndet wird."

Auch die Biometrie-Experten von L-1 Identity Solutions betonen: Es brauche eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie und wo die intelligente Videoüberwachung sinnvoll und vertretbar erscheint. Die Erfahrungen in Großbritannien, wo intelligente Videoüberwachung seit Jahren flächendeckend erfolgt, zeigen: Die Kameras helfen, Straftaten aufzuklären, aber leider nicht, sie zu verhindern.

 

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