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StartseiteBüchermarktTeil eines inidischen Slums auf Zeit19.02.2013

Teil eines inidischen Slums auf Zeit

Katherine Boo: "Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben", Droemer Knaur Verlag

Knapp vier Jahre lang hat Katherine Boo die Bewohner der 3000-Menschen-Siedlung Annawadi, einem indischen Slum vor den Toren Mumbai, beobachtet, befragt und mit ihnen gelebt. Daraus entstanden ist ein packender Roman, indem sie das Schicksal zweier Familien aufzeigt.

Von Gregor Dotzauer

Armut und Trostlosigkeit in indischem Slum (picture alliance/dpa/Divyakant Sola)
Armut und Trostlosigkeit in indischem Slum (picture alliance/dpa/Divyakant Sola)

Armut und Elend schillern nicht nur in abstoßenden Farben. Gerade die unwürdigsten Lebensbedingungen ziehen die Neugier manchmal unfreiwillig an. Mit der Erleichterung, selber vom Schlimmsten verschont worden zu sein. Mit dem Versprechen auf eine elementarere Art des Daseins. Oder in Gestalt eines Mitleids, das doch vor allem der moralischen Selbstbefriedigung dient. Hinsehen und Wegsehen laufen dabei mitunter auf das Gleiche hinaus, erst recht, wenn man es wie Katherine Boo in Gestalt von Annawadi, einem indischen Slum vor den Toren von Mumbai, mit einer doppelt fremden Welt zu tun hat. Was versteht eine weiße amerikanische Reporterin, die sich höchstens zugutehalten darf, einen indischen Mann geheiratet zu haben, schon von den Spannungen zwischen Hindus und Muslimen? Und was könnte ihr das Recht geben, inmitten der allgemeinen Trostlosigkeit sogar Glücksmomente zu entdecken?

Knapp vier Jahre lang, zwischen November 2007 und März 2011, hat Katherine Boo die Bewohner der 3000-Menschen-Siedlung beobachtet, befragt und mit ihnen gelebt. Ihr Buch "Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben" ist das, was man in den USA "immersion journalism" nennt: eine Form des Journalismus, die davon lebt, dass der Berichterstatter eine Zeitlang Teil der Welt wird, über die er schreibt. Doch Journalismus ist ein mehr als unzureichender Begriff für das, was die Autorin leistet – und selbst die Genrebezeichnung literarische Reportage deutet nur an, woran sie sich versucht. Durchgängig im Imperfekt geschrieben, folgt "Annawadi" äußerlich den Konventionen eines Romans und entwickelt durch seine ineinandergeschobenen Erzählstränge eine komplexe Struktur.

Katherine Boo folgt im Wesentlichen dem Schicksal zweier Familien mit erstaunlich durchsetzungsfähigen Frauen. Asha, eine Anhängerin der nationalistischen Hindu-Partei Shiv Sena, steigt dabei zum ersten weiblichen Slumlord auf. Und ihre Tochter Manju ist dabei, Annawadis erste Collegeabsolventin zu werden. Ein Sieg über die Verhältnisse, den die Mutter mit gespaltenen Gefühlen sieht. Denn wer wird eine so kluge Frau noch heiraten wollen?

Zehrunisa wiederum gehört zu den Muslimen. Ihr ältester Sohn Abdul steht als Müllsortierer schon eine Stufe über den reinen Sammlern, die rund um Annawadi, in direkter Nachbarschaft zum Flughafen und im Schatten von Luxushotels ergiebige Jagdgründe finden. Und dann lebt in Annawadi auch noch die einbeinige Fatima, die Bestätigung in allseits bekannten Sexaffären sucht, aber auch deshalb einen schlechten Leumund hat, weil sie einst aus lauter Angst vor Ansteckung ihre zweijährige, an Tuberkulose erkrankte Tochter in einem Eimer ertränkt haben soll. Fatima zündet sich schließlich selber an, und Abdul wird verdächtigt, sie dazu angestiftet zu haben: ein Vorwurf, der ihn zeitweise in den Jugendknast von Mumbai bringt - und in juristische Mühlen, die bis heute ergebnislos mahlen.

Um diesen Figurenkern gruppieren sich weitere Bewohner der 1991 von Tamilen im Sumpfland errichteten Siedlung rund um einen Maidan, auf dem man sich trifft, einen hoffnungslos infektiösen Klärteich und ein Bretterhüttenmeer, in dem auch ein Einzimmerpuff mit Ziegen beheimatet ist. So unentrinnbar dieser Ort für die meisten ist - nur sechs Annawadier gehen einer festen Arbeit nach -, so fein abgestuft ist intern sein soziales Gefälle. Neid und Missgunst gedeihen, ohne dass sie sich gegen die Reichen außerhalb wenden würden. Man definiert sich innerhalb seiner unmittelbaren Umgebung.

Unheimlich Katherine Boos Talent zur psychologischen Durchdringung. Wie, fragt man sich, kann sie nur so tief in die Seelen ihrer Figuren leuchten? Und wie kann sie, die jenseits des Nachworts kein einziges Mal das Wort Ich verliert, ihren eigenen Standpunkt als Beobachterin so konsequent aussparen? Auf all diese Fragen gibt "Annawadi" überzeugende Antworten. Die pralle, auf Details versessene erzählerische Lebendigkeit dieses Buches fällt zusammen mit einer den Stoff bis ins Letzte durchdringenden Reflektiertheit. Alles, was Boo mit Hilfe von Übersetzerinnen in Erfahrung gebracht und ihren sämtlich unter ihren wirklichen Namen auftretenden Protagonisten in den Mund oder ins Bewusstsein gelegt hat, ist auf Video, Tonband oder in Notizen festgehalten. "Annawadi" betreibt seine literarischen Verfahren mit einem journalistischen Ethos, das man angesichts all der furchtbar einfühlsamen Biografen, die genau zu wissen meinen, was ihre Helden in einem bestimmten Moment empfunden haben, nicht hoch genug rühmen kann.

Die eigentliche Stärke dieses Buchs aber ist seine Haltung. "Annawadi" verknüpft das Mitreißende eines dokumentarischen Romans mit dem Analytischen einer Feldstudie. "Manche Menschen halten es für ein moralisches Problem, dass Reichtum und Armut so dicht nebeneinander existieren", schreibt Katherine Boo im Nachwort. "Ich dagegen finde faszinierend, wie selten dieses Nebeneinander als praktisches Problem wahrgenommen wird." Bei allem Sinn für das persönliche Drama ihrer Figuren und dem Staunen über deren Lebensmut geht es ihr um das Schicksalhafte der Strukturen, in denen sie leben.

Es ist die eine bittere Erkenntnis des Buchs, dass Ehrgeiz, Talent und Fleiß den sozialen Aufstieg nicht im Mindesten garantieren. Noch bitterer ist aber die Erfahrung, dass jeder politische Impuls, die Schere zwischen Arm und Reich zu verringern, in Korruption endet. Am drastischsten zeigt sich dies im wohlmeinenden Versuch der Regierung, die Flughafenslums und mit ihnen Annawadi aufzulösen. Als Gegenleistung für den freiwilligen Wegzug verspricht man den Familien eine 25-Quadratmeter-Wohnung mit fließendem Wasser. Doch entweder haben viele nicht lange genug in Annawadi gelebt – oder Spekulanten aus Mumbai lassen sich gefälschte Urkunden ausstellen, die sie als Slumbewohner ausweisen.

Wer es ehrlich versucht, hat in dem Indien, über das Katherine Boo schreibt, keine Chance. Und obwohl die Ärmsten zugleich die Korrumpierbarsten sind und ihnen die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, legal und illegal, oft gar nicht einleuchten kann, geht es doch auch auf jeder höheren Stufe der Wohlstandsleiter um den unmittelbaren Eigennutz. Der Dieb ist nur ein anderer Geschäftemacher als der Securitybeamte am Flughafen, der ihm im Tausch gegen Reinigungsdienste Einlass gewährt.

Dieser systemische Ansatz macht "Annawadi" zu einem Klassiker unserer Zeit: beispielhaft für das Verständnis des gegenwärtigen Indien - und wegweisend für ein literarisches Genre zwischen Fiktivem und Faktischem. Die romanhafte Illusion, autonom handelnden Figuren zu begegnen, wird in Schach gehalten vom Wissen, dass sie alle nur auf einem stark beschränkten Feld von Möglichkeiten agieren. Eine Erkenntnis, die den Leser daran erinnern mag, dass auch er weitaus weniger Herr über sein Leben ist, als er sich einbilden mag. Nicht zuletzt deshalb kann und soll er "Annawadi" gar nicht lesen, ohne sich mit den Slumbewohnern zu vergleichen. In den USA, wo Katherine Boo für "Behind the Beautiful Forevers: Life, Death, and Hope in a Mumbai Undercity" mit einen Pulitzer-Preis und einem National Book Award in der Sparte Nonfiction ausgezeichnet wurde, hat dies schon einigen die Augen geöffnet. Hierzulande besteht jetzt die Gelegenheit dazu.

Katherine Boo: "Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben", aus dem Amerikanischen von Pieke Biermann, Droemer, München 2012, 335 Seiten, 19,99 Euro.

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