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Teil IV: Triest

Von Henning Klüver

Blick auf Triest
Blick auf Triest (Stock.XCHNG / Edoardo Michelon)

Kann ein Schlager politisch sein? Dieser schon: 1952 gewann die Sängerin Nilla Ricci mit dem Titel "Vola Colomba bianca" das Schlagerfestival von San Remo. In dem Song geht es um die Stadt Triest, die auf die Rückkehr ihres Geliebten wartet - und das war kein anderer als Italien selbst. In jenen Jahren stand Triest als Freistaat noch unter internationaler Verwaltung.

Triest, einst Habsburgs Tor zur Welt, und sein istrisches Hinterland galten seit Jahrhunderten als ein Gebiet der wandernden Grenzen, wo mehrere Volks- und Sprachgruppen miteinander lebten: hauptsächlich Italiener, Slowenen und Kroaten. Hier gab es kein klares Diesseits und Jenseits, dieses Grenzland war eher eine Art Membrane, durch die man langsam von der einen in die andere Kultur wechselte. Der deutsche Schriftsteller Veit Heinichen, der sich hier an der oberen Adria niedergelassen hat, beschäftigt sich in seinem Kriminalroman "Die Toten vom Karst" mit dieser Problematik. Der Autor selbst liest eine Passage über die Jahre zwischen den Weltkriegen, als das Italien Mussolinis die Region beherrschte:

"Slowenisch und Kroatisch zu sprechen, wurde von den Faschisten verboten, die slawischen Schulen, Banken und Unternehmen aufgelöst. Mit unerbittlicher Härte wurden alle slawischen Namen italienisiert und der Gottesdienst in Slowenisch verboten, nachdem der Vatikan zuvor die slawischen Bischöfe durch Italiener ersetzt hatte."

Die Rache der so Unterdrückten ließ nicht lange auf sich warten. Nach der Niederlage der Achsenmächte fiel am Ende des Zweiten Weltkrieges der Eiserne Vorhang zwischen West und Ost. Doch so einfach konnte man die Triestiner Region und ihre Völker nicht trennen. Das Jugoslawien unter Marschall Tito stellte Anspruch auf die Stadt Triest, seine Truppen rückten ein, wurden aber ein paar Wochen später von den Alliierten zurückgedrängt. Im Pariser Friedensvertrag vom Februar 1947 wurde das Gebiet in zwei Zonen eingeteilt: Triest, die so genannte Zone A, wurde zum Freistaat unter internationale Verwaltung gestellt. Das Hinterland längs eines kleinen Küstenstreifen Istriens, die Zone B, kam vorläufig unter jugoslawische Verwaltung. Italien musste außerdem den südlichen, weitaus größten Teil Istriens mit der Hafenstadt Pola ganz an Jugoslawien abtreten. Veit Heinichen beschreibt in seinem Buch, welches Klima während der ersten Wochen in den vom Faschismus "befreiten" Gebieten herrschte:

"Nach dem Zusammenbruch des Regimes fanden Erschießungen statt. Es traf nicht nur politische Repräsentanten. Auch private Rache, Neid und Missgunst spielte eine Rolle. Es wurde denunziert, gefoltert, vergewaltigt und gemordet. Niemand wusste etwas Genaues."

Und die italienische Sprachgruppe, die Mehrheit der Bevölkerung, begann abzuwandern. Wochenschaubilder berichteten von Leid und Verzweiflung.


Erste Zahlen werden in diesen Filmen genannt: 25.000, 26.000, 27.000. Der größte Teil der Abwanderung aus Istrien verlief spontan und individuell, auf Eselskarren oder zu Fuß. Insgesamt 250.000 Menschen, rund 90 Prozent der italienischen Bevölkerung Istriens, zog auf und davon in Richtung Triest. Die der Stadt Pola wurde dagegen auf dem Wasserweg nach Venedig gebracht. Der Exodus verlief in zwei Wellen direkt nach Kriegsende und 1954, als auch die Zone B endgültig Jugoslawien zugesprochen wurde, die Zone A mit Triest aber an Italien fiel. Es gab zwar keine offizielle Ausweisung der Italiener, aber das Leben war ihnen in ihrer alten Heimat so zur Hölle gemacht worden, dass fast alle gingen. Unter ihnen war auch der Vater von Marino Vocci. Marino Vocci, Publizist und Kulturmanager, leitet heute den "Circolo Istria", eine kleine links stehende Organisation von Vertriebenen aus Istrien:

"Mein Vater zum Beispiel war Partisan gewesen, er war einem linken Regime wohlwollend gegenüber eingestellt. Aber wollte keine rein jugoslawische Lösung des Problems, er fühlte sich der italienischen Kultur und Nation zugehörig."

Als dann die italienischen Schulen in der Zone B geschlossen wurden, schickte der Vater die ältere Schwester von Marino, die bereits schulpflichtig war, zu Verwandten nach Triest, damit sie auf eine italienische Schule gehen konnte.

"Das wurde von der jugoslawischen Verwaltung als feindliche Geste verstanden und mein Vater wurde dafür bestraft. Er kam für eine gewisse Zeit in ein Arbeitslager und dann machte man ihm klar, je früher er ginge, desto besser sei es für die ganze Familie. Und so sind wir gegangen."

Führung durch eine Ausstellung in dem ehemaligen Auffanglager von Padriciano im karstigen Hügelland oberhalb von Triest.

Hier wird Flucht und Vertreibung dokumentiert. Die Zeit zuvor, als Italien die jugoslawische Minderheit mit fast den gleichen Mitteln unterdrückte, klammert die Ausstellung aus. Unser Führer ist der 33-jährige Massimiliano Lacota, der die "Unione degli Istriani" leitet, und bereits zur zweiten Generation der Vertriebenen gehört. Die Union der Istrianer ist die größte Flüchtlingsorganisation und vertritt nach eigenen Angaben 60.000 Mitglieder. Sie verteidigt traditionelle Werte wie Heimat, Familie und den katholischen Glauben, ist politisch eher rechtsgerichtet und pflegt enge Kontakte etwa mit den Vertriebenenverbänden der Sudetendeutschen oder der Schlesier. Massimiliano Lacota ist jedoch von den rechten italienischen Parteien enttäuscht:

"Die Politik hat nur auf unsere Kosten spekuliert. Jahrelang haben die Rechtsparteien den Irrglauben hochgehalten, wir könnten in unsere Heimat zurückkehren. Dabei wollen wir nur unsere illegal enteigneten Güter wieder haben, für Häuser und Grundstücke entschädigt werden. Doch selbst die Berlusconi-Regierung hat nichts für uns getan und kein Gesetz zur Entschädigung erlassen."

Während sich der junge Massimiliano Lacota für die Gründung eines europäischen Dachverbandes aller Vertriebenen einsetzt, und die rechtsgerichteten politischen Parteien Italiens weiterhin die Geschichte ausbeuten, um Material für Propagandaschlachten von heute zu gewinnen, versucht Marino Vocci Vergangenheit und Gegenwart zu versöhnen:

"Es ist doch normal, wenn es noch offene Wunden gibt. Mein Vater ist erst vor einem Jahr gestorben, meine Mutter hat diese Jahre auf tragische Art erlebt. Aber was ich nicht verstehen kann, das heute noch jemand diese Wunden instrumentalisiert, dass man die Menschen und die Gemeinschaften weiterhin trennen will, statt Prozesse der Integration zu fördern, in denen man nicht auf seine Schmerzen und seine Identität verzichten muss."

Ein gutes Zeichen ist es, dass in diesen Wochen in der slowenischen Hafenstadt Koper, dem früheren Capodistria, wieder eine Volksschule für Kinder italienischer Sprache eingerichtet wird.

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