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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Televisionäres Mobbing14.01.2008

Televisionäres Mobbing

"Rufmord und Medienopfer": Wenn der recherchierende Journalismus versagt

Rufmord ist geächtet und gehört doch längst zum medialen Alltag: Er trifft Prominente, aber auch Nicht-Prominente. Das Buch "Rufmord und Medienopfer. Die Verletzung der persönlichen Ehre" zeigt anhand von Einzelfällen eine bedenkliche Entwicklung unserer Mediengesellschaft auf. Wer sich schützen will, muss sofort handeln und Rechtsbeistand suchen. Brigitte Baetz rezensiert.

Talkmaster Michel Friedman wurde die  perfekte Zielscheibe für öffentliche Empörung. (AP)
Talkmaster Michel Friedman wurde die perfekte Zielscheibe für öffentliche Empörung. (AP)

Stefan Raab ist nach Thomas Gottschalk und Günter Jauch Deutschlands erfolgreichster TV-Moderator. Vor allem jüngere Zuschauer lieben seine pubertären Witze, seine Gags auf Kosten Anderer. Die sächsische Hausfrau, deren Akzent Raab für sein Lied vom Maschendrahtzaun ausschlachtete zum Beispiel oder die türkische Verkäuferin, die als Drogendealerin bezeichnet wurde, als sie mit der Schultüte ihrer Tochter zu sehen war: man muss sie als Opfer bezeichnen. Ihr Ruf ist ruiniert, sie mussten sich auf der Straße anpöbeln lassen, sich gar in psychiatrische Behandlung begeben.

Man kann das Betriebsgeheimnis von Raabs Sendung so beschreiben. Indem er ständig neue Opfer ausfindig macht und sie an den TV-Pranger stellt, versucht er ein Gemeinschaftsgefühl unter den Fernsehzuschauern zu stiften. Alle Affekte sollen sich auf das "Opfer" richten und es schuldig sprechen, auf Teufel komm raus. In diesem Akt der emotionalen Entladung soll ein kollektives Wohlfühlklima entstehen - eine harmonische Gemeinschaft der Lachenden und Feixenden. So macht Raab Quote auf dem Rücken Unschuldiger.

... schreibt der Journalist Roland Kirbach. Und obwohl einzelne Medienkritiker dem Moderator immer wieder seinen Zynismus vorwerfen, die Betroffenen meist erfolgreich auf Schadensersatz klagen: die Gesellschaft hat sich längst an das televisionäre Mobbing gewöhnt. Und das Phänomen Rufmord betrifft ja nicht nur das private Fernsehen. Wie der bekannte Medienanwalt Christian Schertz ausführt, hat die Zahl der Fälle, in denen Boulevardmedien Persönlichkeitsrechte verletzen, rapide zugenommen. Immerhin aber beginnen immer mehr Opfer sich zu wehren. Gleichwohl ist, auch 30 Jahre nach den Enthüllungen eines Günter Wallraff, die Bild-Zeitung das Leitmedium des Rufmordes. Ohne die größte Tageszeitung Deutschlands ist eine Medienkampagne gegen eine Person, prominent oder nicht, kaum denkbar. Jedoch, so Andreas Förster von der Berliner Zeitung:

Längst wird die Skandalisierung auch zu Manipulation und Desinformation benutzt, etwa wenn es darum geht, Vorgänge zu verschleiern und ihren tatsächlichen Hintergrund zu verbergen. Die Masse der Gesellschaft nimmt das weitgehend klaglos hin, sehnt sie sich doch nach einfachen, überschaubaren Erklärungsmustern.

In einem der eindrücklichsten Beiträge des Buches "Rufmord und Medienopfer" behandelt Andreas Förster die Affäre um Michel Friedman. Der bekannte Moderator und Politiker geriet in die Schlagzeilen, weil er sich die Dienste von Zwangsprostituierten erkauft und Kokain genommen hatte. Er war allerdings nicht der einzige prominente Kunde des kriminellen Zuhälterringes.

Die Staatsanwaltschaft setzt alles daran, die Namen nicht bekannt werden zu lassen, obwohl sie schon längst unter Journalisten kursieren. Ohne einen schriftlichen Beleg aber können die Medien diesen Namen nicht veröffentlichen.
In dieser Situation kommt es zu der belastenden Kokain-Aussage gegen Friedman. Der Moderator ist damit plötzlich kein Zeuge mehr, sondern ein Beschuldigter, weil er den Prostituierten auch das Rauschgift angeboten haben soll. Die Berliner Staatsanwaltschaft legt nun eine bemerkenswerte Aktivität an den Tag. Schon kurz nach der - auch im Hinblick auf ihre Medienwirksamkeit - erfolgreichen Durchsuchung bei Friedman ist die Ermittlungsbehörde alles andere als zurückhaltend bei ihren Erklärungen zum Stand des Verfahrens. Gleichzeitig sickern immer mehr Details über die Ermittlungen an die Medien durch. Nur die Namen von anderen prominenten Freiern der ukrainischen Zwangsprostituierten bleiben weiter geheim.


Der selbstverliebte Moralist und unbequeme Moderator Friedman ist eine perfekte Zielscheibe für öffentliche Empörung. Und die Interessen der Staatsanwaltschaft und der Medien gehen Hand in Hand. Erst nach der öffentlichen Reue Friedmans glätten sich die Wogen wieder.

"Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Ich werde alle öffentlichen, gewählten Ämter, die ich bisher innehabe, jetzt zurückgeben."

Heute gilt Friedman als rehabilitiert. Seine Drogensucht blieb im Gedächtnis, nicht jedoch sein Lustgewinn auf Kosten verschleppter osteuropäischer Frauen. Die anderen prominenten Kunden kommen unbeschadet davon. In mehreren Artikeln des Buches zeigt sich, dass nicht nur die Medien eine wichtige Rolle im Falle von Kampagnen spielen, sondern auch die Justiz. Wo sie keine klaren Grenzen setzt, wo sie die Hintergründe nicht hartnäckig genug aufzudecken versucht, entsteht eine Grauzone, in der sich die Wahrheit kaum in der öffentlichen Wahrnehmung durchsetzen kann. Das betrifft den Polizisten, der monatelang fälschlicherweise verdächtigt wurde, ein Exhibitionist zu sein, das betrifft den Talkshowmoderator, gegen den ein Prozess wegen sexueller Nötigung nie hätte eröffnet werden dürfen. Die Opfer können sich, selbst wenn sie offiziell rehabilitiert sind, nie sicher sein, dass nichts "hängen geblieben" ist. Diese Unsicherheit werden sie ihr Lebtag nicht mehr loswerden - selbst, wenn sie Nobelpreisträger sind.

"Ich hatte mich ja kriegsfreiwillig zur Marine gemeldet und landete dann bei der Waffen-SS, was ich damals in der Dummheit meiner jungen Jahre einfach als Eliteeinheit gesehen habe und das Erschrecken dann hinterher, als ich am Kriegsende dann in der amerikanischen Gefangenschaft, welche Verbrechen aufs Konto insbesondere der Waffen-SS gingen, und das hat sicher dazu beigetragen, dass sich das bei mir lange verkapselt hat."

Die Meldung, Günter Grass sei bei der Waffen-SS gewesen, wurde von der Frankfurter Allgemeinen lanciert, besser gesagt: in Szene gesetzt anhand eines Interviews, das der Schriftsteller dem Blatt zu seinem neuen Buch gab.

Dem Interview schrieb sie titularisch eine einzige Zielsetzung vor: "Warum ich nach sechzig Jahren mein Schweigen breche." Den Aufmacher konzentrierte sie auf das eine Detail, das sie zudem auf Platz eins, noch vor der Meldung zum Libanon-Krieg rangieren ließ: "Günter Grass, ich war Mitglied bei der Waffen-SS". Der zugehörige Leitartikel "Das Geständnis" fällte das zu erwartende Urteil, das zwar rhetorisch verkleidet war, aber im Klartext wohl lauten sollte: Der Ruf des Bürgers Grass sei durch Doppelmoral ruiniert.

Obwohl die Meldung eigentlich keine war, wie der Germanist Martin Kölbel schreibt - denn Grass hatte nie verschwiegen, als junger Mann Sympathien für das NS-Regime gehegt zu haben - entfaltete sich im Sommer 2006 ein wahrer Sturm, der seriöse und weniger seriöse Medien erfasste.

So ernst es dem Einzelnen mit seiner Meinung auch gewesen sein mag - in der allgemeinen Erregung geriet jeder in denselben inquisitorischen Strudel. Spätestens die Schlagzeile belehrte über das Gebot der Stunde: ein Normenverletzer müsse gerichtet werden.

Die Verletzung der persönlichen Ehre bringt Geld, macht Auflag und Quote, so das Fazit der Autoren des Sammelbandes "Rufmord und Medienopfer". Der recherchierende Journalismus versagt als Kontrollinstanz, die Öffentlichkeit nimmt den Kollateralschaden an die in die Mühlen der Medien geratenen Opfer mehr oder weniger Schulter zuckend zur Kenntnis. Auch der Presserat, das Selbstkontrollorgan der Zeitungen, erweist sich als zahnloser Tiger. Für eine neue Medienkultur, die die Privatsphäre wieder respektiert, plädieren deshalb die Herausgeber Christian Schertz und Thomas Schuler und: der Journalismus müsse sich endlich wieder auf die Tugend der gründlichen Recherche besinnen. Wahre Worte, auf die aber nur Taten folgen werden, wenn die Missstände immer und immer wieder angeprangert werden. Umso wichtiger sind Bücher wie das vorliegende, die genau recherchierend hinter die Kulissen blicken, denn, wie der Sprachkritiker Karl Kraus vor gut hundert Jahren über den "Sieg der Information über die Kultur" schrieb: "Um in solchen Schlachten zu bestehen, muss die Menschheit lernen, sich über den Journalismus zu informieren".

Brigitte Baetz über das von Christian Schertz und Thomas Schuler im Christoph Links Verlag Berlin herausgegebene Buch: "Rufmord und Medienopfer. Die Verletzung der persönlichen Ehre." Umfang: 272 Seiten, Preis: 19 Euro und 90 Cent.

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