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StartseiteBüchermarktTelevisionen23.03.1999

Televisionen

Fernsehen macht dumm, lautet die kürzeste Formel der Warner. Die virtuelle Sintflut führe zum Zerfall der realen sozialen Bindungen. Wie gefährlich, überflüssig oder aber nützlich ist das Fernsehen heute? Die Beiträger des Readers "Televisionen", wie Derrick de Kerckhove, betonen die "gemeinschaftsstabilisierende" Funktion des Mediums, das, wie er schreibt, kollektive Gefühle sowohl "generiert" als auch "koordiniert". Und Mitherausgeber Stefan Münker vertritt die Ansicht, das Fernsehen leiste einerseits einen Beitrag zur "sozialen Integration der Zuschauer", andererseits ermögliche es ihm die "soziale Differenzierung".

Bernd Mattheus

Allein die Flut an Sekundärliteratur zum jungen Medium Fernsehen scheint diese These zu bestätigen. Der Sammelband Televisionen möchte aus "unterschiedlichen Perspektiven den gegenwärtigen Stand des Fernsehens reflektieren", wie die Herausgeber ihre Absicht umreißen. Die 15 Autoren, die sie zu Wort kommen lassen - es handelt sich um Geisteswissenschaftler, Filmemacher, Publizisten, Fernsehredakteure, auffällig viele Zunftgenossen also ziehen, mit einer Ausnahme, folgendes Resümee: Wenn man ab den 60er Jahren das Fernsehen als ein "Leitmedium" der Gesellschaft betrachten konnte, so stellt die elektronische Revolution in den 80er Jahren eine Zäsur dar, die das oft beschworene Schreckgespenst einer Telekratie zu entkräften scheint. Die Autoren verknüpfen mit Zäsur weniger die Etablierung des Privatfernsehens, hierzulande am Datum 1984 festzumachen, denn den Einzug des PC in den Haushalt des Normalverbrauchers, dem in den 90er Jahren die Vernetzung qua Internet folgte. Unstrittig bleibt, daß die Vielzahl der privaten Sender, die plötzlich verfügbar waren, so etwas wie Pluralismus nur vorspiegelten. Mit erheblicher Verzögerung, etwa im Vergleich zu den USA, plazierten die privaten Anbieter nun massiv Werbung, sind es doch die Budgets der PR-Agenturen, die allein garantieren, daß diese Sender fortbestehen können. Letztendlich entscheidet der Zuschauer über das, was die Privaten senden, denn die berüchtigte Ouote ist der einzige Index für die Höhe der zu erwartenden Einnahmen seitens der Werbebranche. Ein solches Fernsehen, das auf Gewinnmaximierung abzielt, wäre nichts anderes als ein Anhängsel, ein Erfüllungsgehilfe der Konsümgüterindustrie. Trotz allem dirigiert die Abhängigkeit der Privaten vom Geld der Werber nicht den Geschmack der Fernsehenden. Es sind die namenlosen Vielheiten, die per Fernbedienung über Programminhalte entscheiden. Man möchte fast meinen, daß es direktere Demokratie nirgendwo sonst gibt: eine Mehrheit bestimmt, mit welchen Inhalten die Werbeblöcke garniert werden.

Wie sich umgekehrt die Werbung an den täglichen Soaps orientiert, untersuchen Udo Göttlich und Jörg-Uwe Nieland. Sie gelangen zu dem Befund, daß Soaps mitverantwortlich sind "für die Schaffung und Vermarktung von Symbolen, Marken und Ikonen der 'Global Culture'." Fernsehen auf diesem Niveau hätte die Funktion einer Art "Reader's Digest der Individualisierung", es bestimme Mode, Stile, Trends, Verhaltensmuster, kurz: den Lifestyle der Erlebnisgesellschaft.

Barbara Sichtermann, für ihre streitbaren TV-Kolummnen bekannt, entkräftet mit ihren Betrachtungen zum Fernsehverhalten die Manipulationsthese der Soziologen. "Die Glotze läuft - und es guckt kein Schwein", heißt es bündig. Nach ihrer Beobachtung ist das Fernsehen mit dem Aufkommen der Privatkanäle zu einem "Tagesbegleitmedium" geworden, das kaum noch einen davon abhält, gleichzeitig anderes zu tun, zum Beispiel zu telefonieren oder sich zu unterhalten. Obwohl sie die Abhängigkeit mancher Zeitgenossen vom flimmernden Bildschirm erkennt, ja sogar von dessen "Nabelschnurfunktion" spricht, gewährt sie kulturkritischem Pessimismus dem Medium gegenüber keinen Kredit. Die Autorin unterstellt den Warnern unlautere, nicht etwa aufklärererische Absichten. In der Nachfolge der Priester seien diese Intellektuellen nur darauf bedacht, ihr meinungsbildendes Monopol zu verteidigen und zu bewahren.

Das Argument träfe zu, wenn, sich, wie in grauer Vorzeit, die Welt des Klerus und der Gelehrten ausschließlich des Lateins bediente, um auf diese Weise den Anspruch auf den Alleinbesitz der Wahrheit zu manifestieren und sich abzugrenzen von den Ungebildeten. Zwar läßt sich BiIderstürmerei zurückverfolgen bis zum Alten Testament und den Rationalisten des 18. Jahrhunderts, aber verteufelt und indiziert wurde zu allen Zeiten schlichtweg jede künstlerische Ausdrucksform. Und zwar nicht im Namen eines Herrschaftswissens, sondern regelmäßig im Namen der Sittlichkeit. Um den Medienkritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, bemüht Alexander Roesler gar die Naturphilosophie des Aristoteles, in dessen Verständnis Licht, Luft, Wasser, Fleisch - der menschliche Körper also - Medien waren. Wenn die erste Voraussetzung für unsere Wahrnehmung Medien sind, seien es nun natürliche oder technische, dann greifen diese zwangsläufig in unser Wirklichkeitsverständnis ein, schlußfolgert der Autor. In einer immer schon vermittelten Wirklichkeit gibt es keine Position, von der aus diese in Frage gestellt werden könnte. Wirklichkeit pur wäre selbst eine Fiktion.

Daß sich televisionäres Verstehen wesentlich vom Begreifen eines Textes unterscheidet, versucht der kanadische Medientheoretiker Derrick de Kerckhove darzustellen. Er beruft sich dabei auf medizinische Messungen, die an Zuschauern vorgenommen wurden. Aus diesen ging hervor, daß die Betrachter einer Handlung, die sie im Fernsehen, auf der Kinoleinwand oder der Bühne verfolgten, zum Verständnis des Geschehens gelangen, indem sie dies mittels "neuromuskularer Aktivitäten" gewissermaßen nachahmen. Im Gegensatz zur Lektüre vollziehe sich ein solches verstehendes Sehen mit dem ganzen Körper.

Was das eigentliche Visionäre, Zukunftsweisende im Titel der Anthologie betrifft, so verfechten fast einhellig die Autoren die These, daß das Internet das Fernsehen erobert. Der McLuhan-Schüler de Kerckhove schwärmt bereits von temporären Interessengemeinschaften, die sich durch das Internet erschließen. Mit einer "globalen virtuellen Gesellschaft" bringt John Wyver seine Zukunftsvisionen auf den Punkt. Der englische Filmemacher und Produzent prophezeit das Ende des hierarchischen, von oben operierenden Mediums Rundfunk/Fernsehen. Das lineare, monologische TV würde zu einem dialogischen, interaktiven Medium, sobald der passive Zuschauer zum User werde, der sich online an der jeweiligen Sendung beteiligen kann. Wyver berichtet von diesen Formen der Zuschauerpartizipation, die in London als Forschungsprojekt realisiert wurden.

Den Technikbegeisterten unter den Beiträgern sind inhaltliche Kriterien bedenklich gleichgültig. RTL-Chef Helmut Thoma wiederum erklärt technologische Erweiterungen des Mediums für belanglos. Im Chor der Stimmen votiert er offen gegen Interaktivität. "Der Wissensdurst der Leute ist einfach begrenzt", behauptet er. Die Vision dieses Fernsehmachers erschöpft sich im eines Tages erschwinglichen Flachbildschirm, und statt auf den sprichwörtlichen 'röhrenden Hirsch' "schauen die Menschen dann auf ihre heimische Leinwand, die ihnen die ganze Welt in die eigenen vier Wände bringt". Ungewollt lenkt das polemische Statement Thomas den Blick zurück auf das, was das Fernsehen überwiegend noch immer ist: Literatur, Erzählen, wenn auch häufig auf dem Level von Heftchenromanen. Es ist das größte Massenmedium insofern, als Soaps, Krimis und Telenovelas noch den letzten Analphabeten in den Favelas erreichen.

Fernsehen sei ein "Nullmedium", befand einst Hans Magnus Enzensberger. "Televisonen" bestätigt und widerlegt seine These zugleich. An der sozialen Funtkion des Mediums läßt Stefan Münker gleichwohl nicht deuteln. "Wem das nicht reicht", rät er allen Skeptikern, "der schalte ab."

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