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StartseiteTag für TagFels des Anstoßes06.01.2016

Tempelberg in Jerusalem Fels des Anstoßes

Einst thronte dort der jüdische Tempel. Heute stehen auf dem Tempelberg in Jerusalem die Al-Aqsa-Moschee und der muslimische Felsendom. Juden beten an der Klagemauer – einer früheren Befestigungsmauer des Tempels. Das Areal bedeutet beiden Religionen viel. Immer wieder kommt es zu Konflikten.

Von Florian Elsemüller

Blick auf den Jerusalemer Tempelberg mit Felsendom und Klagemauer (picture alliance / dpa/ Marius Becker)
Jerusalemer Tempelberg mit Felsendom und Klagemauer (picture alliance / dpa/ Marius Becker)

Auf einem der Dächer in der Jerusalemer Altstadt steht Ami Meitav. Von hier oben hat er einen guten Blick auf den Tempelberg. Dieses Bergplateau erstreckt sich am südöstlichen Ende der Altstadt. Er zeigt auf die golden glitzernde Kuppel des muslimischen Felsendoms.

"Wow. Sehen Sie, wie hoch der Felsendom heute ist. Und nun stellen Sie sich vor, dass statt des Felsendoms der Tempel dort stünde. Weiße Wände, noch mal 24 Meter höher als der höchste Punkt der Kuppel."

Meitav ist Jude. Früher hat er für den israelischen Geheimdienst gearbeitet. Jetzt hat er ein Buch über den Tempelberg geschrieben, und arbeitet als Tour Guide hier in der Altstadt. Beim Anblick des Tempelbergs kommt er ins Schwärmen.

"Es muss der Wahnsinn gewesen sein. Es war das wunderschönste Bauwerk der ganzen Welt."

Vor ihm liegt der heiligste Ort der Juden. Ein Ort, der durch zahlreiche Geschichten mit dem jüdischen Glauben verbunden ist: Schon Adam, den ersten Menschen, habe Gott aus der roten Erde dieses Berges Adam geformt – so steht es im Talmud, der jüdischen spätantiken Schriftensammlung zur Auslegung der Thora. Manche glauben, hier oben befände sich der "Schöpfungsstein", der Nabel der Welt. Der Tempelberg soll auch der Berg Moriah sein, auf dem Gott der Bibel zufolge Abrahams Treue auf die Probe stellte und ihm erst befahl, seinen Sohn Isaak zu opfern, dann jedoch Isaak leben ließ.

König David legte auf dem Berg den Grundstein und König Salomon ließ im Jahre 957 vor der Zeitrechnung den ersten Tempel errichten, so berichtet es die Bibel. 1. Könige 6:

"Und Salomo baute das Haus und vollendete es. Und er baute die Wände des Hauses innerhalb mit Zedernbrettern; vom Fußboden des Hauses bis an die Wände der Decke überzog er sie innerhalb mit Holz; und er überzog den Fußboden des Hauses mit Zypressenbrettern."

Anfang des 6. Jahrhundert vor Beginn der Zeitrechnung eroberten die Babylonier Jerusalem und zerstörten das Bauwerk. Doch bereits 50 Jahre danach begannen die Juden ihren zweiten Tempel zu bauen – der bis zur Zerstörung durch die Römer im Jahre 70 nach der Zeitrechnung auf dem Berg stand.

Manche orthodoxe Rabbiner glauben, dass die Bundeslade und die Tafeln der Zehn Gebote auf dem Gelände des Tempelberges begraben liegen. Und sie sagen, auf dem Berg ruhe bis heute die "Schechina", die göttliche Anwesenheit. Der Tempelberg und dessen westliche Befestigungsmauer, die Klagemauer, waren seit der Vertreibung durch die Römer ein Ort der Sehnsucht für alle Juden, die in der Diaspora verstreut waren, sagt Ami Meitav.

"Deshalb ist klar, dass das der Ort ist, an den Juden die letzten 2000 Jahre ihre Gebete adressierten. Der Tempelberg ist der wertvollste Schatz, den die Juden haben.

Bis heute beten Juden in die Richtung, wo einst der Tempel stand. Ausgerechnet hier, an dem Ort, an dem der Tempel der Juden stand, bauten die Muslime zwei ihrer wichtigsten Moscheen: den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee. Nicht als Provokation gegenüber den Juden, sondern aus praktischen Gründen. Als die Muslime 600 Jahre nach Zerstörung des jüdischen Tempels ihre Heiligtümer hier errichteten, war der Tempelberg noch immer mit Schutt bedeckt. Ein freier Platz zum Bauen innerhalb der Jerusalemer Altstadt.

Für dieses Bergplateau verwenden Muslime nicht den Namen Tempelberg – sondern sprechen vom "Edlen Heiligtum", Haram Al-Sharif. Die 17. Sure des Korans erzählt die zentrale Geschichte, die den Berg und den Islam miteinander verbindet. Es ist die "Nachtreise" des Propheten Mohammed.

"Preis sei dem, der seinen Diener bei Nacht von der heiligen Moschee zur fernsten Moschee, die wir ringsum gesegnet haben, reisen ließ, damit wir ihm etwas von unseren Zeichen zeigen."

Der Koran nennt wenig Details. Jerusalem wird nicht erwähnt, die Schrift spricht nur von der "fernsten Moschee". Die islamische Tradition hat sie aber schon früh in Jerusalem verortet, sagt Nadim Shiban, Direktor des Jerusalemer Islam Museums.

"Der Prophet Mohammed kam nach Jerusalem. Er kam von Mekka und flog über den Berg. Er ritt auf einem Pferd."

Dieses fliegende Zauberpferd namens Buraq stieß sich mit seinem Huf auf einem Felsen ab und stieg mit Mohammed in den Himmel auf. Dort traf sich Mohammed mit seinen Vorgängern: Abraham, Moses und Jesus. Sie werden im Islam als Propheten geschätzt.

Über dem Felsen, der bis heute den Fußabdruck des Zauberpferdes tragen soll, errichteten die Muslime erst ein Zelt. Ende des 7. Jahrhunderts dann eine Kuppel. Es ist der Felsendom. Das markante Wahrzeichen mit der goldenen Kuppel. Muslime auf der ganzen Welt hängen Darstellungen des Felsendoms in ihre Wohnungen. Dabei ist, laut Mohammed, das graue langgestreckte Gebäude nebenan, sogar noch heiliger: Die Al-Aqsa-Moschee, sagt er, sei die zweitälteste Moschee, und die drittwichtigste Moschee des Islam.

Für viele Muslime handelt es sich bei der Al-Aqsa-Moschee nicht nur um das graue Gebäude auf der Südseite des Tempelberges, stattdessen umfasse die Al-Aqsa-Moschee den gesamten Tempelberg. Sie weißen darauf hin, dass das Gebäude selbst keine Minarette habe und sehen die Minarette in den vier Ecken des Bergplateaus. So erheben manche Muslime einen absoluten Anspruch auf den Tempelberg. Der Mufti von Jerusalem geht so weit zu behaupten, dass ein jüdischer Tempel niemals auf diesem Gebiet stand.

Ami Meitav darf den Tempelberg nur am Vormittag betreten – zusammen mit Touristen, die in einer Schlange schon früh morgens darauf warten, dass sich das Mughrabi Tor für sie öffnet. Alle anderen Zugänge in den engen Altstadtgassen im Markt von Jerusalem sind tabu für Nichtmuslime wie Meitav. Nähert er sich einem dieser Tore, stellen sich israelische Grenzpolizisten ihm in den Weg.

"Sie haben hier die Checkpoints aufgebaut, um Juden oder Touristen, die sich verirrt haben, schon hier aufzuhalten, und nicht erst direkt am Tor."

Israel hatte 1967, im Sechs-Tage-Krieg die Souveränität über ganz Jerusalem gewonnen – auch über den Tempelberg. Soldaten hissten die israelische Flagge auf dem Felsendom, doch dann befahl der damalige israelische Verteidigungsminister Moshe Dayan, dass seine Soldaten den Tempelberg wieder verlassen sollten. Die Verwaltung des Berges übertrug er der jordanischen Waqf-Stiftung. Dayan ordnete an, dass Juden den Berg zwar betreten – aber auf dem Gelände nicht beten dürfen. Er wollte verhindern, dass aus dem Nahost-Konflikt ein religiöser Konflikt wird. Im Kern gilt dieser Status quo bis heute. Doch schon damals war Dayans Entscheidung unter Juden umstritten.

"Wenn es eine Möglichkeit gäbe, auf dem Tempelberg zu beten, dann würden ein 2000 Jahre alter jüdischer Traum wahr werden."

Aber Meitav sagt auch, dass es eben keine Möglichkeit gebe. Denn nicht nur der säkulare Dayan verbot jüdisches Gebet auf dem Tempelberg.

"Es ist vor allem ein religiöses Problem. Die meisten Rabbiner aus allen Strömungen des Judentums verbieten es, den Tempelbergs überhaupt nur zu betreten – seiner Heiligkeit wegen. Solange es keinen neuen Tempel gibt, und solange der Messias nicht da ist, verbietet das jüdische Gesetz es, auf den Tempelberg zu gehen."

Da unbekannt ist, wo genau der Tempel stand, kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein jüdischer Besucher aus Versehen das Allerheiligste betritt, den einen Raum, der nur der Hohe Priester und nur an Yom Kippur betreten durfte, dem heiligsten Tag im Judentum. Im Mainstream-Judentum ist klar: Menschen können den Tempel nicht wieder erbauen, sondern Gott baut den Tempel auf, wenn der Messias kommt. Eine endzeitliche Hoffnung.  Aber in die Diskussion, was Juden tun können, damit der Tempel wieder errichtet wird, kommt nun Bewegung, sagt Dr. Amnon Ronen von der Fakultät für vergleichende Religionswissenschaften an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

"Die große Frage ist, was man nun tun soll? Muss der nächste Tempel vom Himmel fallen? Oder können die Juden etwas unternehmen, das das ganze beschleunigt?
Es gibt zwei verschiedene Lager in der jüdischen Welt: Die Ultra-Orthodoxen, die vertreten, dass wir nichts unternehmen dürfen. Sie sind kategorisch dagegen, den Tempelberg zu besuchen und dort zu beten. Eine ihrer wichtigsten Rabbiner, Rabbi Ovadia Yosef hat sogar Polizisten verboten, den Berg zu betreten.
Und auf der anderen Seite gibt es national-religiöse Juden, die glauben, dass wir es Juden erlauben und sie ermutigen sollten, auf dem Berg zu beten. Vielleicht sollten wir sogar eine kleine Synagoge dort bauen. Eine kleinere Gruppe unter ihnen will sogar mit den Vorbereitungen beginnen, den nächsten Tempel zu bauen."

Eine dieser radikalen Gruppen hat sich auf dem Tempelberg selbst gefilmt und das Video bei Youtube veröffentlicht. Sie laufen am äußeren Rand des Geländes. Hunderte Muslime stehen in einigen Metern Entfernung – zurückgehalten von israelischen Grenzpolizisten. Allahu akbar, Gott ist am Größten, rufen die Muslime.

"Sie schreien, weil sie wissen, dass wir bald den neuen Tempel hier bauen werden."

Sagt einer aus der Gruppe von Rabbi Chaim Richman.

"Alleine, dass wir schon hier sind, ist Teil der Bauarbeiten. Es geht schon los. Bevor du ein Gebäude baust, musst du dir das Gelände anschauen. Du musst drum herumlaufen. Wenn du um etwas herumläufst, sagst du, dass es dir gehört."

Parolen einer radikalen jüdischen Minderheit. Doch genau das ist es, was die Muslime befürchten. Viele glauben, dass Israel tatsächlich den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee zum Einstürzen bringen will – und einen jüdischen Tempel errichten wird. Das speist die Angst und den Zorn vieler muslimischer Palästinenser. Premierminister Netanjahu hingegen erklärt wiederholt, dass er den Status Quo auf dem Tempelberg nicht antasten will.

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