Montag, 11.12.2017
StartseiteInterview"Wir müssen uns gegen die Angst wappnen"01.11.2017

Terrorakt in New York"Wir müssen uns gegen die Angst wappnen"

In Zeiten von Trump müsse man sich davor in Acht nehmen, dass Feindbilder nach einem Anschlag wie in New York missbraucht werden könnten, sagte Andrew Denison, Direktor von Transatlantic Networks, im Dlf. Punktuelle Terrorangriffe könne man nicht bekämpfen, indem man die Grenze dicht mache.

Andrew Denison im Gespräch mit Dirk Müller

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Terrorakt in Manhattan, New York: Polizisten bewachen am 31.10.2017 in New York (USA) den Tatort in der Nähe des One World Trade Centers, wo ein Mann mit einem Wagen über einen Fußgänger- und Fahrradweg gerast war und acht Menschen getötet hat.  (dpa)
Nach Terrorakt in New York: Polizisten bewachen den Tatort in der Nähe des One World Trade Centers (dpa)
Mehr zum Thema

Terroranschlag in New York "Ein sehr schmerzhafter Tag für unsere Stadt"

New York Acht Tote bei Anschlag

Dirk Müller: Acht Tote in Manhattan. New York reagiert gelassen, das haben wir gerade von Georg Schwarte gehört. Zehntausende feiern nach dem Anschlag Halloween. Am Telefon ist nun der Politikwissenschaftler Andrew Denison von Transatlantic Networks. Guten Tag!

Andrew Denison: Herr Müller, guten Tag!

Müller: Herr Denison, kann Terror die Amerikaner nicht mehr schocken?

Denison: Kann Terror die Amerikaner nicht mehr schocken? Es ist ein Schock. Natürlich dominiert es die Schlagzeilen. Wir haben auch alle Mitleid, auch, weil wir uns selbst vorstellen können, dort in New York mal Ferien zu machen oder so was. Und dann dieses Attentat, das ist schon ein Schlag. Auf der anderen Seite, an der Reaktion sieht man, dass Amerikaner wohl wissen, dass die Terroristen ja nur Amerika in eine Paranoia und Panik versetzen möchten. Stattdessen, wie ein guter New Yorker Bürger gesagt hat, wir leben weiter. Das ist der Ansatz aus nach diesem Terroranschlag.

Schießgewehr oder Lastwagen

Müller: Ist das fast dann auch schon eine Art Trotzreaktion?

Denison: Ja. Trotz ist ein gutes Wort dafür. Wenn die uns angreifen wollen, dann zeigen wir trotzdem, wie wir weiter marschieren. Es ist wichtig, dass man die Perspektive nicht verliert, die Dimension. So ein Attentat ist natürlich tragisch, aber es kommt ein angeblich, würde ich behaupten, ein geistig gestörter Mensch, der auch sonst zur Waffe greifen kann, ob Schießgewehr oder Lastwagen, ein geistig gestörter Mensch wird in eine Waffe umgewandelt, weil er entweder im Internet schon die Propagandavideos guckt oder vielleicht auch Beziehungen hat durch Familie oder Freunde und soziale Netzwerke, wie auch immer. Damit müssen wir umgehen. Wir müssen sehen, dass diese Menschen letztendlich auch manchmal Hilfe brauchen, einfach, weil sie geistig gestört sind. Da würde ich anfangen, und nicht an den Grenzen unbedingt.

Müller: Gut, wobei das ja immer umstritten ist, geistig gestört – es gibt diese Einzeltäter, die nachher so charakterisiert werden, es gibt aber auch die politischen Täter, die islamistischen Täter, über die wir in den vergangenen Jahren ja so häufig geredet haben, und spätestens ja seit dem 11. September 2001, muss man ja auch noch mal sehen, seit diesem Datum ja ganz oben auf dieser Terroragenda stehen. Sie haben eben gesagt, da möchte ich noch mal nachfragen, Andrew Denison, dass Sie gesagt haben, klar, die Dimension ist jetzt nicht vergleichbar mit dem, was am 11. September passiert ist, wie haben jetzt acht Tote, wir hatten damals weit über 3.000 Tote. Aber dennoch sagen Sie, gut, also, es kann jeden Urlauber, jeden Reisenden, auch jeden New Yorker, jeden Einheimischen vor Ort auf der Straße jetzt ganz so einfach treffen, nur weil einer Probleme hat, um das so einmal formulieren zu dürfen, sein Auto nicht richtig gerade zu steuern, sondern bewusst dort jemand mit schaden muss? Ist das eine neue Dimension, eine neue Spielart, an die wir uns alle gewöhnen müssen?

Denison: Dass Autos so eingesetzt werden, ja. Das haben wir gesehen, man kann das schnell lernen, auch Leute, die geistig gestört sind. Und die Rekrutierenden, die diese Videos machen, um die Leute zu animieren, wie jetzt in New York dieser Usbeke, die sind ideologisch geprägt und rational. Aber die Leute, die letztendlich diesen Weg des Selbstmords wählen – ich denke, die sind weitgehend geistig gestört, und mit dem muss man versuchen zu arbeiten, indem man in die Gemeinschaften hineingeht und dort auch Therapien anbietet.

Indikatoren für eine Therapie

Müller: Aber wo soll man da anfangen? Ich meine, wenn wir gerade jetzt auf Amerika blicken, weit über 300 Millionen. Gibt es da Indikatoren dafür, zu sagen, so, der müsste jetzt eine solche Therapie bekommen?

Denison: Ja, auf jeden Fall. Das ist sowohl im Bereich des Kriminellen und Kleinkriminellen, Einwanderer, aber auch Einheimische zugleich, da ist ein Problem, viel zu viele sind im Gefängnis. Wir sollten da eher mit Therapien arbeiten. Aber natürlich auch die, die bereit sind, aus ideologischen Gründen, wie auch immer – in Las Vegas können wir noch nicht genau klären, warum der Mann dort so geschossen hat. Oder dieser Attentäter, der ja "Allahu Akbar" und "Inch‘ Allah" geschrien hat – das ist seine Motivation. Aber oft sehen wir bei diesen Terroristen, die ideologische Überzeugung kommt relativ spät. Querbeet durch, ob man mit einem Lastwagen fährt – leider hat Amerika auch das Problem, mit sehr vielen Schusswaffen kämpfen zu müssen. Und da wird man die erst mal nicht verbieten können, aber lasst uns am Rand wenigstens arbeiten, Menschen fern davon zu halten, zu denken, ihr einziger Weg in den Himmel oder zur Erlösung ist, andere Leute umzubringen.

Irreführende Feindbilder

Müller: Also für Sie ist das auch ein großes psychologisches Problem oder psychologisches Phänomen, und Sie sagen, Andrew Denison, viel mehr prophylaktisch im Vorfeld schon tun?

Denison: Das auf der einen Seite. Natürlich auf der anderen Seite, wie wir gesehen haben, wir müssen uns gegen die Angst wappnen. Wir dürfen nicht denken, dass das eine riesige Verschwörung islamistischer Terroristen ist, wo wir jetzt die Grenzen zu machen müssen und hart dagegen reagieren. Wir müssen uns sowieso in unserer Zeit, mit Trump und allem, vor Feindbildern in Acht nehmen, die missbraucht werden, um abzulenken.

Müller: Aber ist das jetzt nicht bestätigt worden? Ein Usbeke, der Kontakte haben soll ja zur Terrororganisation Islamischer Staat, der seit ein paar Jahren in den USA lebt und jetzt diesen Anschlag verübt.

Denison: Ob er sich vor drei Jahren entschieden hat oder vorher, auf der einen Seite der prophylaktische Weg ist vor Ort in den Nachbarschaften diesen Mann zu identifizieren, ihn davon wegzubringen. Der andere Weg: Natürlich muss man weiter die Netzwerke verfolgen und in den sozialen Netzwerken vor allen Dingen immer denen hinterher, den rekrutierenden Leute, die motivieren, den Leuten, die die Videos herstellen. Und wir müssen gleichzeitig aber erkennen, dass es ein viel größeres Problem ist einer anderen Dimension im Nahen Osten, wo das ganze Territorien bedroht, ihr Staatsmonopol zu verlieren, und wo Terroristen sich dann vor Ort aufbauen können, bis sie es nach Amerika schaffen. Einen Spinner dazu zu überzeugen, acht Leute mit einem Lastwagen umzubringen, das ist ein weiter Weg von dem, was zum Beispiel in Mossul oder in Raqqa passiert. Oder auch die Angriffe, die tagtäglich in Kabul passieren. Das ist eine andere Dimension, und wir müssen diese Kämpfe regional anders betrachten als solche punktuellen Terrorangriffe in Amerika, wo ich weiterhin behaupte, dass das etwas ist, was man vor Ort in den Nachbarschaften bekämpfen muss, und nicht, indem man die Grenze dicht macht.

Die letzte Zuflucht eines Schurken

Müller: Demnach, wenn ich Sie richtig verstanden habe, auch Ihrer Sicht kann sich dann Donald Trump auch definitiv sparen, jetzt wieder an diese Einreisebestimmungen zu gehen, wieder zu versuchen, das Ganze noch restriktiver zu handhaben?

Denison: Ich sehe Donald Trump da natürlich so reagieren, aber wir haben auch die Abwehrkörper gegen diesen Mann ein bisschen weiterentwickelt. Er ist nicht so beliebt, wie er mal war. Und wenn er dazu greift, dann sagen wir, das ist die letzte Zuflucht eines Schurken, wenn er das jetzt versucht auszunutzen und zu instrumentalisieren, um sein Einreiseverbot durchzubringen. Auf der anderen Seite, wenn wir jetzt Einreiseverbote ansprechen wollen und Trumps große Mauer: Die Naturkatastrophen im Sommer, Feuer, Sturm, Flut, die haben die Nachfrage für Arbeiter aus den hispanischen Ländern sehr erhöht, und es gibt sowieso kein Geld für so eine Mauer übrigens, sondern Amerika bleibt ein gastfreundliches Land in Zeiten von Terror, in Zeiten von Rassismus, in Zeiten einer Präsidentschaft Trump. Und wir werden weder von so einem Angriff noch von so einem Donald Trump letztendlich kleingemacht.

Müller: Bei uns in den "Informationen am Mittag" heute live der amerikanische Politikwissenschaftler Andrew Denison. Danke, dass Sie wieder für uns Zeit gefunden haben!

Denison: Gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk