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StartseiteInterview"Ignorieren ist keine Option"02.01.2016

Terrorgefahr"Ignorieren ist keine Option"

Ein Terroralarm wie in München kann bei einigen ein Gefühl von Unsicherheit auslösen. Es brauche Diskussionen über diese Ängste, damit sich Menschen an solche Umstände gewöhnen können, sagte der Psychologe Jens Hoffmann im DLF. Politiker müssten Gefahren offen und ehrlich kommunizieren, eigene Ängste solle man nicht beiseiteschieben.

Jens Hoffmann im Gespräch mit Doris Simon

Bewaffnete Polizisten stehen am 31.12.2015 am gesperrten Hauptbahnhof in München, nachdem es eine Warnung vor einem Terroranschlag gegeben hatte. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
Bewaffnete Polizisten stehen am 31.12.2015 am gesperrten Hauptbahnhof in München, nachdem es eine Warnung vor einem Terroranschlag gegeben hatte. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
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Doris Simon: In München zeigt die Polizei auch heute wieder massiv Präsenz. Das gibt zwar keine endgültige Sicherheit, aber vermittelt wenigstens ein Gefühl davon. Denn noch vieles ist offen. Nach der Sperrung des Münchener Hauptbahnhofs und des Bahnhofs Pasing an Silvester wegen einer Terrorwarnung haben die Behörden noch keine heiße Spur.

Sie suchen weiterhin nach fünf bis sieben Verdächtigen aus dem Irak, die angeblich im Namen der Terrormiliz Islamischer Staat an den Bahnhöfen Selbstmordattentate verüben sollten. So hatten es offenbar Hinweisgeber aus dem Irak übermittelt. Allerdings steht bislang auch nicht fest, ob es die mutmaßlichen Attentäter in München tatsächlich gibt. Vieles also noch sehr unklar bei diesem Terrorverdacht, aber für Bundesinnenminister Thomas de Maizière steht eines schon fest: Da die Lage ernst bleibe, müsse man in Zukunft enger mit den Sicherheitsbehörden anderer Staaten zusammenarbeiten.

Der Psychologe Doktor Jens Hoffmann beschäftigt sich in seinem Institut seit vielen Jahren mit Sicherheit und Bedrohungsmanagement. Er ist jetzt am Telefon. Guten Tag!

Jens Hoffmann: Guten Tag!

Doris Simon: Herr Hoffmann, in München gab es einen Terrorverdacht, der hat sich erfreulicherweise nicht bewahrheitet. Können sich Sicherheitsbehörden anders verhalten als jetzt in München? Die haben ja schließlich die Verantwortung, wenn doch was passiert und sie vorher nicht entsprechend reagiert haben.

"Kommunikation in München sehr gut"

Hoffmann: Den Medienberichten zu entnehmen, gab es dort ja auch wirklich substanzielle Hinweise von anderen Quellen, von anderen Geheimdiensten aus anderen Ländern, und ich denke, dem muss man natürlich auch nachgehen. Und ich muss sagen, ich fand den Umgang und die Kommunikation der Polizei in München, in Bayern sehr angemessen, sehr gut. Da wurde konkret die Gefahr beschrieben, es wurden konkrete Verhaltensempfehlungen gegeben, also die Bahnhöfe vermeiden, Menschenmengen vermeiden. Aber es wurde dann auch eine Entwarnung gegeben. Und das scheint mir doch ein vernünftiger Umgang mit solchen bedrohlichen Situationen zu sein, die die richtige, praktisch richtig den Spagat halten zwischen Aufklärung, auf Gefahren hinzuweisen, aber keine Panik zu schüren.

Doris Simon: Und wenn wir jetzt weiter schauen, diese Doppelbotschaft, die im Augenblick gesendet wird - wir sind gut aufgestellt, zugleich Polizei sichtbar im Straßenbild, aber es gibt keine hundertprozentige Sicherheit -, ist das genau das Richtige für die deutsche Psyche in diesen Tagen?

Hoffmann: Ja, ich finde, da ist Ehrlichkeit wichtig, aber auch zu sagen, wo sind Unschärfen. Und natürlich kann man nicht alles verhindern. Ich glaube, was eben wichtig ist, dass Polizei, Politik auch diese Thematik anspricht, auch diese Unsicherheiten anspricht und damit dann auch eine Diskussion, einmal politisch, aber auch privat geführt wird, wie gehe ich jetzt damit um, wenn eine solche Alarmierung ausgelöst wird. Aber ich denke, das haben wir ja damals sehen können in England, die ja wirklich sehr lange dem IRA-Terror der nordirischen Terrororganisation ausgesetzt waren, die haben dann einen normalen Umgang damit entwickelt. Ich war selbst mal in London, dort gab es eine Tasche, und dann wurde selbstverständlich das Pub geräumt. Man stand dann draußen, hat gewartet und ging wieder rein, aber das war etwas Normales, Selbstverständliches.

Doris Simon: Der bayerische Innenminister hat ja, das geht ein bisschen in die Richtung, gesagt, man solle sich nicht verrückt machen lassen. Was wäre denn Ihr Tipp als Psychologe hier in Deutschland für die Behörden und die Bürger in dieser Situation jetzt?

Hoffmann: Ich denke, das Wichtige ist, wenn man Angst oder Sorge hat, was ja auch nachvollziehbar ist, gerade, wenn man gesehen hat, was in Paris passiert ist vor Kurzem mit einem Massenmord, dass man nicht versucht, die Angst wegzuschieben und sagt, ich stelle mich jetzt an oder ich übertreibe.

Doris Simon: Also Ignorieren ist keine Option?

"Ignorieren ist keine Option"

Hoffmann: Genau. Ignorieren ist keine Option, wie Sie sagen, weil das kommt ja durch die Hintertür ja psychologisch wieder rein. Die Angst ist ja dann nicht weg, die wirkt sozusagen dann so im Hintergrund und kann sich dann durch Angstattacken oder so etwas auch Ausdruck verleihen. Man unterscheidet ja zwischen einer Realangst und einer vielleicht übertriebenen Angst, und natürlich ist eine Realangst, weil eine solche Gefahr besteht. Aber es ist auch wichtig, dass man dann darüber spricht mit anderen, aber auch nicht übertreibt, also dass man dann auch sagt, ab einem gewissen Punkt ist es auch wichtig, dass ich am normalen sozialen Leben teilnehme, dass ich wieder in die Innenstadt gehe und dass ich vielleicht das Bauchgefühl der Sorge und der Angst dann auch überwinde, weil das Tragische wäre, wenn ich plötzlich Konzerte, Plätze, Restaurants meide aus Angst, und mein Sozialleben einschränke. Dann kann es eine Selbstverstärkung geben bis hin zu einer sozialen Isolation.

Doris Simon: Also Sie würden nicht pauschal sagen, es können jetzt alle wieder die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen oder es kann keiner die benutzen? Da muss man auch in sich selbst reinhören, habe ich das richtig verstanden?

Hoffmann: Genau, man muss in sich selbst reinhören. Aber ich würde auch empfehlen, mit Verwandten, mit Freunden und Bekannten darüber auch zu sprechen.

Doris Simon: Wo sind denn für Sie persönlich Grenzen? Reisen Sie zum Beispiel noch für einen Urlaub in den Nahen Osten?

Hoffmann: Nein, das würde ich nicht machen. Das wäre mir dann momentan auch zu unsicher.

Doris Simon: Was könnten Politiker - Sie sagten eingangs, die haben hier vieles schon richtig gemacht -, wenn es jetzt weitergeht, was können die da noch mehr beachten im Sinne von ernst nehmen, aber die Leute auch nicht einschüchtern?

Hoffmann: Ich denke, ehrlich Dinge zu bewerten. Natürlich kann niemals alles gesagt werden, weil viele Dinge im Hintergrund geschehen.

Doris Simon: Gerade bei Geheimdiensten.

"Wir als Zivilgesellschaft lassen uns das nicht gefallen"

Hoffmann: Genau. Man muss ja auch sagen, es wurde ja von der Sauerland-Zelle, die ja einen großen Anschlag geplant hatte, durch Geheimdienstarbeit eben auch diese Zelle vorher entdeckt und konnte dann praktisch gestoppt werden. Also dass man die Dinge eben offen und ehrlich als Politiker anspricht, aber auch, dass man so eine zivilgesellschaftliche, wehrhafte Demokratiehaltung vertritt, finde ich wichtig, dass wir sagen, das sind Radikale, die wollen unser Verständnis von einem friedlichen demokratischen Zusammenleben ohne Vorurteile angreifen, die wollen uns gerade in eine solche Panik bringen, die wollen gerade Hass zwischen den Religionsgemeinschaften stiften. Und wir als Zivilgesellschaft lassen uns das nicht gefallen, wir lassen uns nicht darauf ein, sondern wir stehen zu unseren Werten, zu unserer Gesellschaft, zu unserer Toleranz, aber auch zu unserer Wehrhaftigkeit, wer uns attackiert.

Doris Simon: Gehen Sie davon aus, dass die deutsche Gesellschaft sich in zwei Jahren an die Situation wie jetzt gewöhnt haben wird?

Hoffmann: Ich denke, ja. Ich finde, der Umgang damit ist eigentlich wenig von Panik, Hysterie oder überschießenden Dingen geprägt, sodass ich davon ausgehe, dass es doch einen vernünftigen Umgang auch mit einer gewissen Gewöhnung gibt. Am Anfang ist das immer ganz ungeheuerlich, aber als Menschen haben wir ja Gott sei Dank auch die Fähigkeit, uns an neue Umstände zu gewöhnen.

Doris Simon: Das war der Psychologe Jens Hoffmann. Wie umgehen mit der Bedrohung, die man nicht sieht und nicht kennt? Vielen Dank, Herr Hoffmann!

Hoffmann: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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