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StartseiteThemen der WocheBeistand für die Opfer gezielter Gehirnwäsche17.01.2015

Terrorismus-Prävention Beistand für die Opfer gezielter Gehirnwäsche

Die Anschläge in Frankreich haben drastisch gezeigt, dass in der Vergangenheit viel zu wenig getan wurde, um die Radikalisierung der Täter zu verhindern, kommentiert Yassin Musharbash von der Wochenzeitung "Die Zeit" im DLF. Prävention habe leider keine starke Lobby. Jetzt sei ein guter Moment, sich dafür einzusetzen.

Von Yassin Musharbash, "Die Zeit"

Murat K. sitzt am 20.01.2014 in Bonn (Nordrhein-Westfalen) vor dem Landgericht auf der Anklagebank. (dpa / Oliver Berg)
Die Radikalisierung von Islamisten ließe sich oftmals durch Prävention verhindern. (dpa / Oliver Berg)
Weiterführende Information

Terrorismus - "Der Zugriff war wahrscheinlich jetzt erforderlich"
(Deutschlandfunk, Interview, Rolf Tophoven im Gespräch mit Reinhard Bieck, 17.01.2015)

Terrorgefahr in Europa - "Am schlimmsten ist es in Belgien und Frankreich"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 16.01.2015)

Belgien - "Gegen diese Art von Terrorismus ist es nicht einfach, sich zu schützen"
(Deutschlandfunk, Interview, Karl-Heinz Lambertz im Gespräch mit Bettina Klein, 16.01.2015)

Anschläge von Paris und Sydney - Die neue Art des Terrorismus
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 13.01.2015)

Ab wann ist ein Terrorist ein Terrorist – und was ist er vorher? Zugegeben: Es fällt schwer, sich die drei Attentäter von Paris als unreife, sinnsuchende Bengel vorzustellen. Die martialischen Bilder, ihre Brutalität und das Entsetzen über den Anschlag überschatten alles. Aber genau das waren sie einmal: unreife, sinnsuchende Bengel. So wie viele andere, die wir in den letzten Jahren erst als Terroristen kennengelernt haben. Die Mitglieder der Sauerland-Zelle etwa, oder die Attentäter des Boston-Marathons.

Zeitfenster für Appelle

Niemand wird als Dschihadist geboren, er wird dazu gemacht. Das klingt wie eine Binsenweisheit. Tatsächlich liegt hier ein Lösungsansatz verborgen, der in der Terrorbekämpfung viel zu kurz kommt. In vielen Fällen gibt es während der Radikalisierung von Dschihadisten nämlich ein Zeitfenster, in dem diese noch erreichbar sind für Appelle und alternative Ideen. Eine intelligente Terrorbekämpfung nutzt dieses Fenster. Sie setzt nicht nur auf Repression. Sondern auch auf Prävention.

Leider hat Prävention keine starke Lobby. Innenpolitiker glauben, dass sie sich besser verkaufen, wenn sie den harten Hund markieren. Wer will nach einem Anschlag schon für mehr Sozialarbeiter plädieren? Dabei wäre das eine kluge Position. Und gerade jetzt ist ein guter Moment, sie zu vertreten.

Prävention bedeutet, ein Netzwerk knüpfen, das hilft, Radikalisierung frühzeitig zu erkennen. Um eingreifen zu können, bevor sich das Fenster schließt. Polizei und Geheimdienste sitzen nicht in unseren Wohnzimmern und Klassenräumen, und das ist gut so. Aber diejenigen, die dort sitzen, die Eltern und Geschwister, die Lehrer und Mitschüler, müssen Anlaufstellen haben, wenn sie bemerken, dass Ahmad oder Leyla oder der frisch konvertierte Dennis plötzlich vom Islamischen Staat schwärmen oder gegen Juden hetzen, weil ein radikaler Imam oder ein anonymer Scheich aus dem Internet oder Propagandavideos ihnen den Kopf zu füllen beginnen.

Vernetzung und Angebote

Ein Schlüssel ist Vernetzung. Schulen müssten Ansprechpartner bei der Moscheegemeinde kennen, die Moscheegemeinde bei der Polizei, beide beim Jugendamt, und alle Beteiligten bei spezialisierten Nichtregierungsorganisationen, in denen Experten und Expertinnen wissen, wie man zum Beispiel die betroffenen Familien im Umgang mit ihren Kindern berät. Das Ziel wäre es, gemeinsam zu verhindern, dass die dschihadistische Ideologie sich zu einem geschlossenen Weltbild verdichtet.

Angebote sind der zweite Schlüssel: Ein Islamgelehrter, der Glaubwürdigkeit und Gelehrsamkeit vereint, kann sehr hilfreich sein. Ebenso geschützte Räume, in denen die Sinnsucher auch radikale Ansichten diskutieren dürfen, ohne sofort abgekanzelt zu werden. Straßensozialarbeit ist wichtig. Und Eltern, die wissen: Jetzt kommt es darauf an, cool zu bleiben, und nicht zu strafen oder auszuschließen. In Dänemark helfen einige Kommunen den für Radikalisierung Anfälligen sogar bei der Jobsuche – und warum nicht? Wenn es hilft?

Observation ist teurer als Prävention

Das alles ist auch keine Belohnung fürs Radikalwerden, wie Kritiker polemisch einwenden. Es ist eher Beistand für die Opfer gezielter Gehirnwäsche. Ganz genau: Opfer. Wenn man sich das klarmacht, fällt es schon leichter, den Gedanken der Prävention zu akzeptieren. Natürlich ist ein solches Netzwerk teuer. Aber die Observation eines einzigen Terrorverdächtigen beansprucht bis zu 25 Personen. Jeden Tag. Das ist wirklich teuer.

Die Vernachlässigung von Prävention ist übrigens gerade in Frankreich drastisch kenntlich geworden. Ahmed Coulibaly, einer der drei Mörder von Paris, hat sich erst in einem französischen Gefängnis radikalisiert. Ebenso Mohammed Merah, der im März 2012 sieben Menschen ermordete. Ebenso Mehdi Nemmouche, der im Mai 2013 drei Menschen ermordete. Es ist keine Weinerlichkeit, wenn muslimische Gefangenenseelsorger in Frankreich seit Jahr und Tag beklagen, wie wenig sie den Radikalisierern entgegensetzen können: Weil sie zu wenig Zeit haben; weil es zu wenige von ihnen gibt; weil sie kaum Geld für ihre Arbeit bekommen. Sie sehen, wie Gefängnisse zu Brutstätten des Hasses werden.

Das sollte uns eine Lehre sein.

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