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Testversion in Sicht

Europäisches Satellitennavigation geht den nächsten Schritt

Dirk Lorenzen im Gespräch mit Jochen Steiner

Einige Galileo-Satelliten auf ihrer Umlaufbahn (Zeichnung)
Einige Galileo-Satelliten auf ihrer Umlaufbahn (Zeichnung) (ESA)

Raumfahrt. - Mit großem Aufwand war das europäische Satellitennavigationssystem Galileo angekündigt worden, dann ereilten das Projekt die Mühen der Realisierungsebene. Auf der Internationalen Luftfahrtausstellung ILA in Berlin verkündeten die Betreiber aber wieder einen Fortschritt: Ab Oktober sollen vier Satelliten im All fliegen und so eine Art Testbetrieb des Systems ermöglichen. Der Wissenschaftsjournalist Dirk Lorenzen gibt im Gespräch mit Jochen Steiner einen Ausblick auf die weiteren Schritte.

Steiner: Herr Lorenzen, wie ist denn der aktuelle Stand bei Galileo?

Lorenzen: Herr Steiner, erstaunlicherweise, es gibt gute Nachricht von Galileo, was ja sonst immer so ein Sorgenthema in der Raumfahrt ist. Zwei Satelliten sind ja bereits seit fast einem Jahr im All und am 10. Oktober starten da die nächsten beiden, die werden mit einer Sojus-Rakete von Französisch-Guyana ins All starten. Dann sind also Nummer 3 und 4 oben. Und mit vier Satelliten kann man eben im Prinzip schon eine Position am Boden bestimmen. Natürlich immer nur, wenn diese vier gleichzeitig von einem Standort aus zu sehen sind. Aber das Galileo-Team hat jetzt…, nach diesen vielen Jahren der Warterei dürsten die wirklich auf diesen Moment, um dann zumindest schon mal ein bisschen auszuprobieren im Kleinen, was Galileo tatsächlich kann. Also dieses Navigationssystem, was lange Zeit eine Art Phantom war, das wird jetzt endlich Realität.

Steiner: Sie haben es schon angedeutet: Vier Satelliten sind etwas zu wenig. Wie geht es denn dann jetzt weiter?

Lorenzen: Jetzt geht es wirklich Schlag auf Schlag. Ende 2014 sollen bereits 18 Satelliten im All sein, das reicht zumindest so für einen ersten Basisbetrieb und im Laufe des Jahres 2016 planen dann die Vertreter, wie es hieß auf der ILA, von Europäischer Union und Esa, dass es die volle Leistungsstärke dann doch schon gäbe. Bis dahin soll die bestellten 26 Satelliten am Himmel sein. Das ermögliche einen robusten Service, so hieß es wörtlich. Allerdings hatte man ursprünglich immer gesagt, man brauche 32 Satelliten.

Steiner: 26 statt 32 Satelliten. Da wird also gespart, oder?

Lorenzen: Es sieht bisher ein bisschen so aus, aber man versichert: mit der Vorlage des Haushalts im kommenden Jahr wolle man wirklich die fehlenden sechs Satelliten auch ausschreiben. Diese Satelliten von Galileo verteilen sich auf drei verschiedene Umlaufbahnen, die sich so wie riesige Perlenschnüre um die Erde legen, und an sich ist geplant, auf jeder dieser drei Bahnen sollen neun Satelliten im Einsatz sein. Zusätzlich gibt es einen Reservesatelliten, der eben, wenn ein anderer ausfällt, sofort einspringen kann. Und dann sollte es ohnehin noch zwei Satelliten am Boden geben. Also jetzt sagt man, mit mindestens acht Satelliten auf den Bahnen sei ein Betrieb möglich. Das stimmt prinzipiell. Rein physikalisch-technisch funktioniert das, ist aber ein bisschen auf Kante genäht, um es mal so zu sagen. Denn wenn es dann einzelne Ausfälle gibt, hätte man sofort große Probleme. Ohnehin sind insgesamt zehn Raketenstarts nötig, um die verbleibenden Satelliten hochzubringen. Wenn da irgendetwas schief geht, dann sähe es natürlich auch gleich ganz anders aus.

Steiner: Warum sind denn überhaupt so viele Satelliten nötig?

Lorenzen: Galileo Satelliten sind im Prinzip nichts anderes als fliegende Uhren, die ununterbrochen hochgenau ihre Uhrzeit zur Erde funken. Und hochgenau heißt wirklich bis auf Milliardstel Sekunden genau. Ein Empfangsgerät misst dann immer, wie lange die Funksignale von den Satelliten gebraucht haben, kann daraus die Position berechnen. Das setzt aber voraus, dass eben überall auf der Erde immer mindestens vier Satelliten im Blickfeld sind. Besser noch sieben oder acht. Deswegen braucht man da oben in diesen Bahnen in 23.000 Kilometer Höhe so viele Satelliten. Im Idealfall, wie gesagt, mindestens 27, wenn nicht eben mit diesen Ersatzsatelliten 32.

Steiner: Und warum braucht Europa denn ein eigenes Satellitennavigationssystem? Es gibt doch schon das GPS-System der US-Amerikaner.

Lorenzen: Da sagen Esa und die europäische Kommission eben, man brauche ein System, was wirklich sicher und zuverlässig zur Verfügung steht. Klar, im Navigationsgerät funktioniert das GPS der Amerikaner, es wird aber vom Militär betrieben, und das alleine entscheidet, das US-Militär, ob diese Daten verfügbar sind. Und gerade bei sicherheitskritischen Anwendungen, etwa im Flug oder Schienenverkehr, da will man sich darauf nicht verlassen, kann man auch nicht. Da braucht man wirklich dann das unabhängige, garantiert und hochgenau zur Verfügung stehende Galileo-Signal. Und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, das betreibt bereits ein paar Galileo-Test- und Entwicklungsumgebungen, wie das heißt. In Berchtesgaden, Rostock, Braunschweig und bei Aachen, da laufen schon jetzt mit so simulierten Galileo-Signalen die ersten Tests, wo man Anwendungen im Luft-, Schienen-, Schiffs- oder Kraftfahrzeugverkehr erprobt. Das Ziel, oder die Idee dahinter ist: Wenn dann wirklich tatsächlich Galileo im Betrieb geht in einigen Jahren, dann sollen die Geräte und Dienstleistungen gleich zur Verfügung stehen.

Steiner: Kurz zu den Kosten, die waren ja recht umstritten. Wie sieht das jetzt daraus?

Lorenzen: Insgesamt wird das System wohl gut fünf Milliarden Euro kosten, für Aufbau und Entwicklung. Man hatte ja die naive Idee, dass man das allein mit Nutzungsgebühren finanzieren wollte. Das wird nicht klappen, auch wenn etliche Galileo-Dienste dann auch kostenpflichtig sind. Man darf auch nicht vergessen, man muss immer wieder mal Satelliten erneuern, weil die auch mal ausfallen. All diese Sorgen sind im Moment aber bei den Beteiligten weit weg, sie freuen sich auf die Starts der nächsten beiden Satelliten am 10. Oktober und das es dann so eine Mini-Mini-Version von Galileo gibt.

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