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StartseiteForschung aktuellTeufel und Beelzebub25.04.2008

Teufel und Beelzebub

Künstliche Strahlenschilde in der Atmosphäre beeinträchtigen Ozonschicht

Umwelt. - Der Klimawandel wird wohl das größte Problem der kommenden Jahrhunderte. Schon denken Wissenschaftler daran, ihn durch großtechnische Maßnahmen zu mindern, etwa die Errichtung von Strahlenschilden in der mittleren Atmosphäre. Doch diese Injektion von Schwefelpartikeln hätte Auswirkungen auf die Ozonschicht – das ergaben Simulationen einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe, die jetzt in "Science" publiziert wurden.

Von Volker Mrasek

Der Vulkan Pinatubo auf der Philippineninsel Luzon bei seinem Ausbruch im Juni 1991. (AP Archiv)
Der Vulkan Pinatubo auf der Philippineninsel Luzon bei seinem Ausbruch im Juni 1991. (AP Archiv)

Über dem Nordpol gab es zwar bisher kein Ozonloch wie in der Antarktis. Lediglich gewisse Ozonverluste. Doch es könnte sein, dass in Zukunft in manchen arktischen Wintern auch kein Ozon mehr gemessen wird. Und zwar dann, wenn ein großtechnisches Konzept zur Kühlung des Klimas umgesetzt würde. Es gibt die Idee, schwefelhaltige Partikel in die Stratosphäre einzubringen – die gleiche Sorte, wie sie Vulkane ausspucken. Die so genannten Sulfat-Aerosole reflektieren einfallendes Sonnenlicht und kühlen auf diese Weise die untere Atmosphäre. Das haben sie auch nach dem Ausbruch des Pinatubo vor 17 Jahren getan:

"Es sind Millionen Tonnen Schwefel, die man eintragen müsste. Die Mengen, die ein großer Vulkan einträgt, müsste man ständig nachliefern. Und entsprechend sind die Verhältnisse in dieser Pinatubo-Periode ein natürliches Laboratorium, um zu verstehen, was wir möglicherweise anrichten, wenn wir das künstlich machen."

Rolf Müller gehört zu einer Forschergruppe, die genau das getan hat: Sie schaute sich Beobachtungsdaten aus den Monaten nach dem Pinatubo-Ausbruch noch einmal genau an. Als Blaupause für die künstliche Injektion von Aerosolen. Dabei sei man zu neuen Erkenntnissen gekommen, sagt Müller. Der Physiker arbeitet im Forschungszentrum Jülich. Müller:

"Die neueren Erkenntnisse zeigen, dass die Bedeutung der Sulfat-Aerosole unterschätzt wurde bei der Entstehung der chemischen Verhältnisse, die zum Ozonloch führen."

Es ist nicht so, dass die Schwebteilchen selbst Ozon zerstören. Aber an ihrer Oberfläche laufen chemische Reaktionen ab, die die wahren Ozon-Killer aktivieren. Das sind Chlor und Brom aus den inzwischen verbotenen FCKW und anderen Industriechemikalien. Müller:

"Dadurch bekommt man stärkere Aktivierung. Heißt mehr ozonzerstörende Substanzen über einen längeren Zeitraum. Bedeutet stärkeren Ozonverlust."

Was auf den Pinatubo zutrifft, lässt sich auf die großtechnische Injektion von Aerosolen übertragen. In manchen Wintern würde sie auch in der Arktis zu einem Ozonloch führen. Das folgern Müller und seine Kollegen aus ihrer neuen Studie. Am Südpol dagegen kann sich kaum noch etwas zuspitzen. Müller:

"Es ist richtig, dass in der Antarktis heutzutage in einer Schicht von 15 bis 20 Kilometern das Ozon vollständig verschwunden ist. Das heißt, dort kann es nicht mehr schlimmer werden."

Doch das ist nur der augenblickliche Zustand. Wenn bald immer weniger Chlor in der Atmosphäre ist, sollte sich das Ozonloch allmählich wieder schließen. Dann hätte der massenhafte Eintrag von Sulfat-Aerosolen sehr wohl einen Effekt. Müller:

"Diese Erholung wird sich verzögern. Es wird sich also um 30 bis 70 Jahre –das sind unsere Abschätzungen - in die Zukunft hinausschieben, die Erholung."

Ist damit nun das Renomée von Paul Crutzen angekratzt? Es war der niederländische Chemie-Nobelpreisträger, der vorschlug, sich näher mit der Schwefelung der Atmosphäre zu befassen. Rolf Müller sieht das nicht so:

"Im Moment geht es uns nicht darum, zu argumentieren, ob wir das einführen wollen, sondern wir wollen im Moment die wissenschaftlichen Grundlagen dafür schaffen, damit eine belastbare Entscheidung möglich ist, ob man so was überhaupt erwägen sollte."

Wohl eher nicht, würde man nach der neuen Studie sagen. Es sei denn, der Klimawandel nähme verheerende Ausmaße an. Dann könnten Ozonverluste unter Umständen als kleineres Übel angesehen werden. Aber diese Entscheidung wäre Sache der Politik.

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