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StartseiteCampus & KarriereTeure Warteschleifen vermeiden07.12.2006

Teure Warteschleifen vermeiden

Studierende fordern Seminarplätze ein

Dass in Seminaren Plätze gelost werden und Studierende Veranstaltungen nicht belegen können, die sie für Zwischen- und Abschlussprüfungen brauchen, gehört zum Studienalltag an den Massenuniversitäten. Seit einem Jahr findet sich der AStA der Justus-Liebig-Universität Gießen nicht mehr damit ab, dass übervolle Seminare zum individuellen Problem erklärt werden. Er begründete eine Kampagne "Seminarrauswurf" samt Homepage "seminarrauswurf.de", die inzwischen an 50 Unis bundesweit Nachahmung gefunden hat.

Von Anke Petermann

Studierende wehren sich gegen überfüllte Seminare. (AP)
Studierende wehren sich gegen überfüllte Seminare. (AP)

Dass in Seminaren Plätze gelost werden und Studierende Veranstaltungen nicht belegen können, die sie für Zwischen- und Abschlussprüfungen brauchen, gehört zum Studienalltag an den Massenuniversitäten. Seit einem Jahr findet sich der AStA der Justus-Liebig-Universität Gießen nicht mehr damit ab, dass übervolle Seminare zum individuellen Problem erklärt werden. Er begründete eine Kampagne "Seminarrauswurf" samt Homepage "seminarrauswurf.de", die inzwischen an 50 Unis bundesweit Nachahmung gefunden hat. 1280 Meldungen über Seminarrauswürfe meldeten Studierende in diesem Semester bundesweit an ihre Vertreter, allein für Gießen gingen 480 Meldungen ein. Das Modell soll weiter entwickelt werden - auch als Waffe gegen Studiengebühren.

" Ich bin Sportstudent und als Erst-, Zweitsemester kommt man dann an, alle Listen sind voll, man kriegt gesagt, man könne vielleicht über ein Nachrückverfahren mitmachen, aber das hat bei mir in den ersten beiden Semestern nicht geklappt. Die Regelstudienzeit, die fürs Sportstudium vorgesehen ist, sind sechs Semester, aber ich glaube, im Schnitt sind es zwölf, die man mindestens braucht. Ich bin jetzt im neunten Semester und brauche noch drei Sportkurse. "

Seit einem Jahr können Rausgeworfene wie Sebastian Fichtner ihre Fälle online auf der Homepage "seminarrauswurf.de" melden. Alexander Vasil vom AStA der Uni Gießen erläutert das Verfahren.

" Diese Meldung beinhaltet alle Daten, die relevant sind, die Person und das Seminar zu identifizieren und diese Daten gehen dann unter strengsten Datenschutzvorkehrungen an die gewählten Studierendenvertretungen. Die haben dann nicht nur das Gerücht gehört, dass da jemand rausgeflogen ist - denn bisher wurde immer abgewiegelt, das sei das Problem der Studierenden; das sei ein Problem der mangelnden Stundenplankoordination. Nein, die Studierendenvertretungen haben etwas in der Hand, mit dem sie operieren können. Damit können sie an die Fachschaften herantreten, können sagen, hier gibt's ein Problem in eurem Bereich, die können an die Studiendekane gehen und sagen, wir brauchen mehr Kapazität, weil zu wenig da ist. Und wenn das Geld nicht da ist, können die sich an ihre Präsidien wenden und sagen: in der Planung ist hier was schief gegangen. "

Als Erfolg der Kampagne "Seminarrauswurf" verbucht der Asta der Uni Gießen, dass in Alter Geschichte zwei zusätzliche Lehrdeputate vergeben wurden. Als Tiefschlag wertet Umut Sönmez, Referent für Hochschulpolitik, die Reaktion des Senats auf die Aktion. Der lehnte den AStA-Vorschlag ab, die erhobenen Daten zu nutzen, um Seminare so zu planen, dass Studierende ihre Pflicht-Veranstaltungen auch besuchen können. "Seminarrauswurf" liefere keine statistisch verwertbaren Daten, so die Kritik des Senats. Tatsächlich hat die Kampagne nicht den Anspruch, empirisch exakt zu arbeiten. "Aber wir haben vorgeschlagen, die Erhebung in einer Arbeitskommission zu systematisieren", so Umut Sönmez. Dass auch das kein Gehör fand, erklärt er sich damit, dass "Seminarrauswurf" nicht nur die ganze Wahrheit über die Verwaltung des mangels an den Tag bringt, sondern auch Organisations- und Leistungsschwächen offenbart.

" Ich glaube, das ist etwas, wovor man Angst hat, wovor die Professoren-Mehrheit im Senat Angst hat und auch die Uni-Leitung selbst, weil es ein schlechtes Bild wirft auf die "Elite-Universität", als die sie sich ja jetzt bezeichnet seit den Erfolgen bei der Exzellenz-Initiative. Leistungsschwächen insofern, als man Veranstaltungen strecken könnte von Montags bis freitags. Es gibt ja die berühmt-berüchtigten Di-Mi-Do-Professoren, die um ein verlängertes Wochenende haben zu können, nur dienstags, mittwochs und donnerstags ein Seminar anbieten, und das wäre eine konkrete Ursache dafür, warum manche Seminare überfüllt sein könnten. "

Vom Wintersemester 2007/2008 an kommt Studierende in Hessen eine erzwungene Warteschleife teuer zu stehen: 500 Euro Studiengebühren pro Semester. Doch im Gesetz ist auch eine Geld-zurück-Garantie verankert für den Fall, dass nicht der Studierende, sondern die Hochschule für Verzögerungen verantwortlich ist. Ein zusätzliches Angebot im Rahmen der Kampagne Seminarrauswurf soll Betroffenen helfen, Ansprüche geltend zu machen. Vom kommenden Semester an können sich an der Uni Gießen alle Anwärter auf überfüllte Seminare vorab so genannte "Rauswurf-Scheine" ausdrucken, so Alexander Vasil vom Asta.

" In Anlehnung an den Leistungsschein, den man an der Uni bekommt, ist das ein "Ablehnungsschein". Man wollte Leistung bringen, kann aber keine Leistung bringen. Auf diesem Schein stehen alle Daten des Seminars, des Studenten und des Dozenten drauf, die für die Sache relevant sind, und mit diesem Schein kann man dann im Seminar sitzen, und wenn man rausfliegt, dann kann man halt zum Dozenten gehen mit dem Schein und sagen: "Ich gehe dann mal, ich will ja keinen Stress mit Ihnen, aber hier - unterschreiben Sie mir bitte diesen Vorgang." "

Ob ein solches Verfahren reicht, um die gesetzliche "Geld-zurück-Garantie" in Anspruch zu nehmen, berät der AStA zur Zeit mit Verwaltungsrechtlern. Feinheiten könnten sich noch ändern, aber nicht die Grundphilosophie:

" Je mehr Leute mitmachen und je weniger von Einzelfällen gesprochen werden kann, desto mehr wird das Ganze ein Politikum und desto komplizierter wird das ganze im Einzelfallbereich abzuhandeln, deshalb nähert sich dann auf jeden Fall eine Lösung die für alle Studenten, die die bessere ist. "

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