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StartseiteBüchermarktTewje, der Milchmann09.05.2003

Tewje, der Milchmann

Aus dem Jiddischen übersetzt und mit einem Nachwort von Armin Eidherr

Das Musical "Fiddler on the roof" machte den Milchmann Tewje weltberühmt. War der amerikanische Titel von einem Chagall-Motiv, dem Geiger auf dem Dach, inspiriert, hieß die deutsche Fassung schlicht "Anatewka", nach dem Namen eines Schtetls. Möglicherweise ist dieses Broadway-"Anatewka" – Premiere 1968 – der Beginn der bis heute anhaltenden Schtetl-Nostalgie gewesen.

Brigitte van Kann

Die verklärten Bilder, von Klezmermusik untermalt, stehen in herbem Kontrast zur Wirklichkeit: die Juden des Zarenreichs und Kronpolens waren Bürger zweiter Klasse: diskriminiert, arm und von Pogromen bedroht. Ihre rückständige, in äußeren und inneren Zwängen gefangene Welt ist es, die der große jiddische Schriftsteller Scholom Alejchem in seinem Roman "Tewje, der milchiger"/"Tewje, der Milchmann"/ illusionslos und doch mit Anteilnahme schilderte.

Nun hat "Tewje" in der Manesse Bibliothek der Weltliteratur seinen gebührenden Platz bekommen, neu übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Armin Eidherr. Es ist die erste vollständige deutsche Übersetzung des wohl bekanntesten Romans der jiddischen Literatur. Ein Werk, das häufig unterschätzt wird – wie sein Schöpfer auch:

Scholom Alejchem, der 1916 als Einwanderer in New York starb, ist nicht der harmlose, heiter-folkoristische Autor, für den ihn viele halten. Schuld an dem Missverständis ist vielleicht sein unverwüstlicher, oft schwarzer Humor: Die bittersten Dinge erzählt er mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Aber eigentlich erzählt Scholom Alejchem gar nicht – er lässt erzählen. Und "Tewje" ist auch kein richtiger Roman, sondern eine über fast 20 Jahre verteilte Folge von Erzählungen, in denen Tewje selbst dem " sehr geschätzten, geliebten, teuren Freund Reb Scholom Alejchem" von seinen vielen Schicksalsschlägen berichtet und der sie wiedergibt, ohne ein Wort des Kommentars.

Diese "Herausgeberfiktion" bestimmt viele Werke des jiddischen Klassikers: "Menachem Mendel", zum Beispiel, ist ein Briefroman. Menachem, das Urbild eines "Luftmenschen", schreibt seiner Frau aus der Stadt, wo er in immer neuen Projekten vergebens das große Geld zu machen hofft, und bekommt entsprechend gepfefferte Antworten. In "Motl Pejsje, der Sohn des Kantors" erzählt der Waisenknabe Motl vom heimatlichen Schtetl, vom Aufbruch und – vom Neubeginn in Amerika.

Aus dem unmittelbaren, gesprochenen Wort speist sich Scholom Alejchems Erzählkunst. Der eigentliche Held seiner Geschichten ist das Jiddische, jener mittelhochdeutsche Dialekt, der mit hebräischen und slawischen Wörtern und Wendungen angereichert, zur Alltagssprache der osteuropäischen Juden wurde. Seine vielen verschiedenen Quellen machten das Jiddische zur wortschatzreichsten, üppigsten Sprache der Welt. Sie war oft der einzige Besitz ihrer Sprecher und lud geradezu ein, verschwenderisch mit ihr umzugehen. Ein Luxus, den auch "Tewje, der Milchmann, arm an Geld, reich an Kindern" sich leisten kann: Alles sagt er doppelt und dreifach und doch langweilt er seine Publikum nie. Weil er sich als gebildeter Mann versteht, der die biblischen Schriften gelesen hat, spickt er seine Rede mit falschen, halsbrecherisch übersetzten Zitaten.

Reden heißt überzeugen, Unheil abwenden, beschwören. Und mehr noch: Die Gabe der Rede unterscheidet den Menschen von der stummen Kreatur: "Bloß dass der Mensch einen Mund hat und sich wenigstens beklagen kann, sein Herz ausschütten..."

Auch Tewje klagt dem Autor sein Leid und hadert, wenn auch nur pro forma, mit Gott: "Was findest du nur, lieber Gott, am alten Hiob, daß du keine Minute lang abläßt, ihn heimzusuchen? Gibt es denn sonst keine Juden mehr auf der Welt?" Doch wie sehr die Schicksalsschläge auch auf ihn niederprasseln, seinem Gott bleibt Tewje treu: "Je mehr Zores, desto mehr Gottvertrauen, je mehr Habenichts, desto mehr Hoffnung."

Zores, Sorgen, machen ihm seine Töchter. Als Kinder einer neuen, sich schnell verändernden Zeit – der Roman spiegelt die Jahre seiner Entstehung von 1899 bis 1916 – wenden sie sich ab vom Glauben, vom traditionellen Leben ihrer Vorfahren. Nur die Älteste bleibt der Welt ihrer Eltern verhaftet. Hodel, die zweite, verliebt sich in einen Revolutionär und folgt ihm in die Verbannung nach Sibirien. Sprinze begeht Selbstmord aus Liebe zu einem reichen Taugenichts, Bejlke, die jüngste, wird mit einem brutalen Emporkömmling unglücklich. Die dritte, Chava, verbindet sich mit einem Christen. Ein unvorstellbarer Verstoß gegen die Tradition. Tewje stellt seine Tochter zur Rede:

Tewje beharrt darauf, dass es Unterschiede zwischen den Menschen gebe und jeder seinesgleichen suchen müsse, weil Gott die Welt so erschaffen habe. Er droht, seine Tochter zu verstoßen: Bei uns gibt es einen Brauch, sagt er, daß man ein Huhn, wenn es anfängt zu krähen wie ein Hahn, zum Schächter tragen soll.

Auszüge aus einer dramatisierten Fassung des Romans, die 1938 am Staatlichen Jüdischen Theater in Moskau Premiere hatte. In der Rolle des Tewje: der charismatische Schauspieler und Leiter des Theaters – Solomon Michoels. Diese Bühne, das erste jüdische Staatstheater der Welt und eine echte Errungenschaft der Revolution, hatte 1920 mit drei Einaktern nach Scholom Alejchem eröffnet und war, nach wenig erfolgreichen Ausflügen in die jiddische Sowjetdramatik und einem grandiosen jiddischen "König Lear", mit "Tewje" zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt.

Scholom-Alejchems Roman schildert nicht nur den Zerfall der traditionellen jüdischen Lebenswelt und die Zerrüttung einer Familie. Er zeigt auch die russische Geschichte jener 17 Jahre seiner Entstehungszeit – und ihre bitteren Folgen für die jüdische Bevölkerung: Die von Pogromen begleitete erste russische Revolution von 1905, die antisemitischen Ausschreitungen während des letzten Ritualmordprozesses auf russischem Boden, 1911-1913. In dieser Zeit endet der Roman mit Tewjes Vertreibung aus seinem angestammten Schtetl. Er wird heimatlos und begegnet seinem Autor ein letztes Mal in der Eisenbahn:

"Morgen könnte es uns nach Jehupez verschlagen", sagt Tewje, " und nächstes Jahr könnten wir nach Odessa, nach Warschau oder gar nach Amerika geschleudert werden – es sei denn, der Höchste würde sich einmal umsehen und sagen: ‚Wißt ihr was, Kinderchen? Jetzt werde ich euch endlich einmal den Messias hinunterschicken."

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