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Texte von schlichter Schönheit

Georg Hoprich: "Bäuchlings legt sich der Himmel", Reinecke & Voß

Von Anja Kampmann

Kraft der Sprache und zunehmende Selbstzweifel, das ist die Welt des Georg Hoprich.
Kraft der Sprache und zunehmende Selbstzweifel, das ist die Welt des Georg Hoprich. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Er ist ein Dichter, von dem man fürchten könnte, dass er in Vergessenheit gerät, obwohl er zu den herausragenden Vertretern der rumäniendeutschen Lyrik im 20. Jahrhundert zählt: Georg Hoprich. Seine Gedichte aus den 1960er-Jahren zeigen die zunehmende politische Enge.

Es sind Texte von einer schlichten Schönheit, die auch melancholisch stimmen. Ich weine ungenau / um eine andere Welt heißt es in einem Gedicht Georg Hoprichs von 1960. Das ist ein Jahr vor seiner Verhaftung durch den rumänischen Geheimdienst. Hoprich ist zweiundzwanzig Jahre alt, Student der Germanistik an der Universität Bukarest. Er hat Gedichte in der Neuen Literatur, dem deutschsprachigen Organ des rumänischen Schriftstellerverbandes, veröffentlicht, sich aber dagegen entschieden, weiterhin zu publizieren; es sei "weniger gefährlich, vieles unter Verschluss zu halten" erklärt er seinem Hochschullehrer Heinz Stanescu im Mai 1960. Ohne zu wissen, dass dieser unter dem Pseudonym "Silviu" bereits begonnen hat, Informationen über Hoprich an die Staatssicherheit weiterzugeben. Auch von seinem Zimmerkollegen werden regelmäßig Gesprächsinhalte protokolliert. Hoprich ahnt noch nichts davon. Er kommt aus einfachen Verhältnissen, ist der älteste Sohn einer Bauernfamilie aus einem Dorf in Siebenbürgen. Sein frühes Gedicht "Nachts mit Dir" von 1957:

Gedicht: "Nachts mit Dir" (1957):

Nachts mit Dir

Es gleitet ruhig unser Kahn,
und kleiner wird die Welt.
Der See hat sich gewellt.

Aus tiefen ruft ein letzter Hahn.
Es webt der See sich ein die Sterne.
Die große Welt - nun ist sie ferne.


Größer als in den frühen Gedichten Hoprichs könnte der Kontrast zum politischen Klima und den offiziellen ästhetischen Vorgaben im Rumänien der 50er und beginnenden 60er-Jahre kaum sein. Hoprich orientiert sich an Rilke und Stefan George, ohne die, wie er seinem Stubenkollegen und Spitzel "Petrica" später unwissentlich erzählt, sein Werk nicht zu verstehen sei. Von expressionistischen Strömungen bleibt Hoprich weitgehend unbeeinflusst.

Der Leiter des Literaturhauses Berlin, Ernest Wichner, ist als Herausgeber der Oskar Pastior - Gesamtausgabe auch mit Hoprichs Werk und den frühen Briefen zwischen Pastior und Hoprich vertraut:

Ernest Wichner:

"Hoprich kommt vom Land, wo es eben keine wie auch immer kulturelle Tradition in der Familie gab. Da gab's keine Bücher, da gab's keinen Theaterbesuch, da gab's vielleicht ein Radio.
Hoprich kommt vom Land in eine Zeit der Umbrüche, der massiven politischen Propaganda, dieses politischen Drucks."

Als Hoprich 1956 das Studium aufnimmt, wird der Volksaufstand in Ungarn niedergeschlagen, zwei Jahre später, nach Abzug der sowjetischen Truppen, verschärft die kommunistische Partei in Rumänien ihren Machtanspruch massiv.

Ernest Wichner:

"Es gab also in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre noch einmal eine sehr viel stärkere ideologische Überwachung, Kontrolle, Verhaftung. Und da sind natürlich Hochschullehrer auch eingespannt worden für den Geheimdienst zu arbeiten, und das haben die auch getan und haben ihre Studenten bespitzelt, verraten, gleichzeitig versucht, sie ideologisch zu beeinflussen, ihnen zu raten, doch engagierte Poesie zu schreiben, das hieß Parteidichtung."

Auch in seine Texte nimmt Hoprich die zunehmende politische Enge auf. So fragt er in dem Gedicht "Ich heiße Georg" von 1959:

Gedicht "Ich heisse Georg" (1959):

Wenn die bleiernen Gewitter anrücken, / Kann ich mich schirmen mit träumenden Blicken?-

Am 5. Juni 1961 wird ein Strafprozess gegen Georg Hoprich in Gang gesetzt - zu diesem Zeitpunkt umfasst seine Akte bereits 399 Blatt - Aufzeichnungen, die innerhalb eines Jahres gesammelt wurden. Dr. Stefan Sienerth hat die Akten in der Zeitschrift "Spiegelungen" ausgewertet, darin finden sich die Protokolle der Informellen Mitarbeiter und auch der stundenlangen Verhöre, die auf Hoprichs Verhaftung folgen. In dem Gedicht "Der Strom" aus dem Frühjahr 1962 schreibt Hoprich:

"Der Strom" (1962)

Was wähnest du / Mitmensch mich deinen Feind / Dass immerzu / vor dir mein Leben weint?

Aus dem Protokoll seines Stubengenossen und Informanten "Petrica" geht auch etwas über Hoprichs Selbstverständnis als Dichter hervor, etwa die Bewunderung für Oskar Pastior, dem nach Hoprichs Einschätzung "keiner der jüngeren rumäniendeutschen Dichter das Wasser reichen" könne. Die Aktenstudien belegen das freundschaftliche Verhältnis der beiden Dichter. Pastior, so wird deutlich, hat in keiner Weise gegen Hoprich gearbeitet.

Hoprichs Gedicht, "Schweigen", das die Beamten ein halbes Jahr zuvor bereits in einem geöffneten Brief an seine Verlobte entdeckt hatten, wird ihm angelastet. "Wir haben immer stumm gesprochen" schreibt er darin. Und:

Gedicht "Schweigen" (Auszug, ohne Jahresangabe):
Das schlichte Dasein das wir führen / bleibt schwer wie Erde, dumpf wie Geld. / Wir sind ein blasses Volk, wir ernten / die Tränen von dem Bitterfeld.

Am 9. Oktober 1961 wird Hoprich in einem Schauprozess zu fünf Jahren Straflager verurteilt, nach drei Jahren kann er schließlich zurückkehren. Er nimmt sich 1969 das Leben. Ernest Wichner:

Ernest Wichner
"Er konnte sich ja selbst beim Im-Leben-Scheitern zusehen. Er ist verhaftet worden, quasi unschuldig und ins Gefängnis gesteckt worden. Dann ist er aus dem Gefängnis entlassen worden, er hat geheiratet, es ist ein Kind geboren worden, das war schwer krank, und die junge Familie hat versucht, dieses Kind zu retten und die ganzen Lebensanstrengungen darauf ausgerichtet. Der hat in der Zeit, also von der Verhaftung bis zu seinem Selbstmord, ständig mit privaten Katastrophen zu tun gehabt. Da tritt auch die Poesieproduktion in den Hintergrund oder man versagt sie sich, weil sie ist kein Mittel mehr, sich zur Welt zu verhalten."

Hoprich findet keinen Zugang mehr zur "blauen Blume" der Dichtung, die Auflösung des lyrischen Ich ist, wie in dem Gedicht "Du hast gefehlt" von 1966, existenziell zu begreifen.

"Du hast gefehlt" (1966)

Einmal gegangen, und du bist nicht mehr. / Nur die Stürme kommen und gehn. / Du bist zwischen Sonne und Meer / Das Licht im Verwehn.

In dem Gedichtband "Bäuchlings legt sich der Himmel" unternimmt der Herausgeber Bertram Reinecke den Versuch, biografische Details und die Gedichte möglichst aus ihrer Verklammerung zu lösen. Aus circa 150 Gedichten, die im Nachlass erhalten sind, hat Reinecke eine Auswahl getroffen. Die Gedichte sollen, so Bertram Reinecke, eben nicht einfach auf ein Dokument "poststalinistischer Zwangsverhältnisse" reduziert werden.

Bertram Reinecke:
"Es würde mich stören, wenn unter der politischen Debatte der Dichter Hoprich nur noch als Stichwortgeber, Anlassgeber für politische Auseinandersetzungen fungierte, ich wollte das Werk wieder in den Vordergrund rücken."

Ein großer Verdienst des Bandes ist es, auch Texte, die in der Ausgabe von 1983 aus politischen Gründen nicht erscheinen durften, nun für den Leser zugänglich zu machen. Für die Neuedition greift Reinecke auf Typoskripte zurück; Arbeitsvarianten einiger Texte sind mit Fußnoten markiert, auch zwei Übersetzungen aus dem Moselfränkischen leuchten den Hoprischen Sprachkosmos aus. Der Gedichtband ist in sechs Abschnitte untergliedert, die dem Leser einen Zugang zu den sprachlichen Bildern erleichtern sollen. Bertram Reinecke:

"Georg Hoprich ist von relativ konkreten Gedichten übergegangen zu einem sehr abstrakten Sprechen, ein Sprechen, das aber immer im Blick hat verallgemeinerbar sein zu wollen, und er ist dann zu dunklen Metaphern gekommen, zu Chiffren gekommen."

Dennoch ist der Band als schlichte Leseausgabe zu verstehen; viele Gedichte fehlen, und die "interpretierende Anordnung" nimmt dem Leser in dem schmalen Band auch den Raum, selbst Verbindungen herzustellen. Auch wirkt der Versuch, Hoprichs Gedichte in einem Essay gegen heutige, kritische Lesarten zu verteidigen und ihnen zugleich das biografische Hinterland weitgehend zu entziehen, ein wenig abrupt. Dem interessierten Leser bietet der neu aufgelegte Band dennoch einen ersten Zugang zu dem längst vergriffenen Werk von Georg Hoprich.

Die Öffnung des Archivs der Securitate Akten, die erhaltenen Briefwechsel und Überlieferungen von Mithäftlingen lassen jedoch auf eine weitere, gründliche Aufarbeitung des Werks von Georg Hoprich hoffen.

Deutlich wird die Kraft einer Sprachbewegung, in der der Dichter Georg Hoprich immer mehr auch von den eigenen Zweifeln eingeholt wird. Gerade die Texte von 1966 bis -68, vor seinem Suizid, bezeugen eine Ausweglosigkeit. Aber wie in dem Gedicht "Sei Still" von 1967 ist das Ringen des Dichters mit der Sprache nicht abgeschlossen.

"Sei Still" (1967)
Sei Still

In die Klippen, / In Moos und Dämmerung / Ist das Blei geheftet /
Lautlose Schreie verzweifelter Namen / hängen in dem blutlosen Himmel der Silbenlosigkeit / Kein Morgenrot überdacht die Striche der Nacht. / Kein Heim quilt aus der schwarzen Erde.

Angegriffen in dem Rest der Träume / Hältst du dein kahles Geheimnis noch. / Wozu? / Wozu beginnst du zu schreiben die Stunden / In das Buch des Vergessens?

Wozu knüpfst du die Zerrissenheit der Wege / Mit den goldenen Fäden der Demut? / Sei still vor den Rissen und Rädern der Welt, / Sei still vor den Flügeln der Nacht!


Georg Hoprich: Bäuchlings legt sich der Himmel - Gedichte
Verlag Reinecke & Voß, 100 Seiten, 10,00 Euro, Broschiert



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