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StartseiteKultur heuteFegefeuer der Sehnsüchte25.12.2017

"The Band's Visit"Fegefeuer der Sehnsüchte

Eine ägyptische Polizeikapelle landet unfreiwillig in einem israelischen Wüstendorf und bringt eine absurd schöne Geschichte über die Unvollkommenheit des Lebens ins Rollen. Ein preisverdächtiges Musical begeistert am Broadway.

Von Andreas Robertz

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Broadway bei Nacht. (STEPHANE DE SAKUTIN / AFP)
Am Broadway begeistert "The Band´s Visit" das Publikum. Komponist David Yazbek und Autor Itamar Moses mischen klassische arabische Musik mit einem Hauch Gershwin. (STEPHANE DE SAKUTIN / AFP)
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Wenn man Diva, der Cafébesitzerin des Wüstenstädtchens Bet Hatikva, Glauben schenken darf, dann ist es das Überraschende, das Ungewöhnliche, in das wir uns verlieben; etwas, das einfach anders ist, als das, was wir tagtäglich erleben. Das Ungewöhnliche für die Bewohner von Bet Hatikva taucht in Form einer siebenköpfigen Polizeimusikkapelle aus dem ägyptischen Alexandria auf. In ihren himmelblauen Paradeuniformen stehen sie plötzlich auf der staubigen Straße vor Divas Café und fragen nach dem nagelneuen arabischen Kulturzentrum, zu dessen Einweihung sie ein Konzert geben sollen. Doch das liegt in Petach Tikva, einer israelischen Großstadt mit P und nicht in Bet Hatikva mit B. Eine absurd schöne Geschichte nimmt ihren Lauf.

B wie in "boring", "bullshit", "beige"

B wie in "barren", "boring", "bullshit", "beige" oder "blah blah blah" singen die gelangweilt herumhängenden Dorfbewohner, und Bühnenbildner Scott Pask hat Regisseur David Cromer genau dies bauen lassen - einen langweiligen Platz mit leeren sandbeigen Fassaden mit winzigen Fenstern.

Über Diva’s Café, dem einzigen Farbfleck, ist auf Hebräisch verblasste Werbung zu lesen, ein einzelner öffentlicher Münzsprecher scheint der einzige Kontakt zur Außenwelt zu sein. Eine Drehbühne hilft bei den einfachen Umbauten: in ein einfaches Wohnzimmer, eine karge Küche oder die von Neonlicht verzauberte Cafeteria. Und sie bewegt auch die Menschen, von denen ein Bewohner lakonischerweise bemerkt, er habe das Gefühl, alles drehe sich hier im Kreis. Der letzte Bus ist nämlich auch schon lange weg.

"You know what, General? You can stay here, with us, tonight, if you want." "No, no, you have done too much already." "Ok."

Gestrandete in einem apathischen Dorf

Die Musiker bleiben also für eine Nacht zu Gast, und in dieser Nacht verwandelt sich das apathische Dorf in einen Ort der unerfüllten Sehnsüchte, mit Menschen, die hier alle gestrandet und irgendwie nicht mehr wegzukommen scheinen. Kapellmeister Tewfiq erinnert die kaltschnäuzige Diva an ihre Kindheit und Filme mit Omar Sharif. Zwischen ihr und dem stoischen Tewfiq, den der Schmerz über den toten Sohn und seine zerbrochene Ehe nicht loslässt, entfaltet sich eine zarte Romanze, ein Hauch von "es könnte auch alles ganz anders sein".

Der Klarinettist der Truppe kann seit Jahren eine Sonate nicht fertigkomponieren, tut es dann aber, als er ein weinendes Kind in den Schlaf spielt, während die ständig streitenden Eltern sich plötzlich ganz fest in den Armen halten. Der coole Trompeter, der Chet Baker liebt, bringt einem Dorfjugendlichen erfolgreich bei, wie man flirtet und weiß doch selbst nicht, wie er bei einer Frau landen soll. Und da ist da noch der einsame Mann vor dem Telefon, der die ganze Nacht einfach dasteht und auf einen Anruf wartet, der nicht kommt, als Symbol für die Sehnsucht nach Verbindung. Und immer wieder erklingt dazu die wunderbare Musik der wartenden Musiker.

Wunderbar leicht, mit viel Humor

Regisseur David Cromer hat diese Geschichte, in der eigentlich nichts wirklich passiert, wunderbar leicht, mit viel Humor und unaufwendig in Szene gesetzt und den Figuren mit ihrem gebrochenen Englisch und ihrer Unbeholfenheit viel Raum gegeben, sich zu entfalten. Da kann es schon mal sein, dass sie einfach nur so da sitzen. Doch genau das macht den Abend so ungeheuer sympathisch. Das Publikum muss sich auf den Rhythmus und das Flair der Geschichte einlassen und es bedankt sich dafür mit begeistertem Applaus. Am Ende - es ist der nächste Tag - reisen die Musiker weiter und Diva öffnet wieder ihr Café mit den lakonischen Worten:

"Once, not long ago, a group of musicians came to Israel, from Egypt. You probably didn’t hear about it. It wasn’t very important."

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