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StartseiteKultur heuteBürokrieg als Spiegel des Rassismus in den USA11.03.2015

Theater Bürokrieg als Spiegel des Rassismus in den USA

Der amerikanische Autor Joel Drake Johnson legt mit seinem neuen Stück "Rasheeda Speaking", das am Signature Theater in New York Premiere hatte, den Finger in eine immer wieder frische Wunde: den Rassismus in den USA. Die Aufführung hat aber auch Stars zu bieten und das Regiedebüt von "Sex and the City"-Star Cynthia Nixon.

Von Andreas Robertz

"Mein Sohn sagt, dass die Schwarzen so wütend wegen der Sklaverei sind", sagt Rose und verständnisvoll nickt die Büroangestellte Ilene der älteren Patientin zu, nachdem Rose von ihrer schwarzer Kollegin Jaclyn etwas grob zurechtgewiesen wurde.

Jaclyn und Ilene arbeiten in der Arztpraxis eines Chirurgen in Chicago. Doch der Doktor möchte Jaclyn loswerden. Sie ist ihm zu laut, zu launisch, Patienten hätten sich über ihre forsche Art beschwert, kurz: Sie ist ihm zu "schwarz". Als Jaclyn für eine Woche krank ist, befördert er Ilene kurzerhand zur Büromanagerin und beauftragt sie als Gegenleistung, Jaclyn für ihn auszuspionieren.

"It’s hard to get rid of people today. With all that resentment she has built up in herself? Wow!  Gonna be a lot of tricks pulled from that particular hat."
"You mean the race-card?"
"You are not to say that."
"Oh ... Okay."

Zwischen den früheren Freundinnen Ilene und Jaclyn bricht ein psychologischer Krieg aus, und Jaclyn kämpft mit harten Bandagen: Sie vertauscht heimlich die Schubladeninhalte von Ilenes Schreibtisch und schwört ihre Unschuld auf eine in ein Tuch eingeschlagene Bibel, die in Wahrheit eine Tafel Schokolade ist. Sie fängt an, mit dem Doktor zu flirten und entschuldigt sich bei Ilene mit Geschenken, die sie plötzlich wieder zurücknimmt, wenn sie das Gefühl hat, Ilene lüge sie an. Ilenes Harmoniesucht hat Jaclyns durch jahrhundertelange Tradition im Überlebenskampf geschulte Fähigkeit der Manipulation und Assimilation nicht wirklich etwas entgegenzusetzen.

"I would do anything and everything to hold onto this job because I want this job. This is a job that has some dignity."
"But I think it’s very important that we get along."
"Now, working in Xerox that’s slave work."
"But I think we need to get along!"

Am Ende räumt Ilene zitternd vor Paranoia ihren Platz, mit einem Revolver in der Tasche und einem seltsam gefährlichen Glitzern in den Augen.

Alles an diesem so intelligenten Abend liegt in den Details. Das gilt für die Bühne von Allen Moyer, eine haargenau nachgebaute amerikanische Arztpraxis, und für die Regie von "Sex and the City"-Star Cynthia Nixon. In ihrem Regiedebut lässt Cynthia Nixon ihren Protagonistinnen viel Raum und treibt gekonnt den Bürokrieg zwischen Sitcom-Humor und spannungsgeladener Stille auf die Spitze. Tonya Pinkin spielt Jaclyn gewitzt, bissig und mit entwaffnendem Charme. Mal ist sie selber voller Vorurteile gegenüber ihren mexikanischen Nachbarn, dann wieder berührend in ihrem täglichen Kampf um Würde. Zum Beispiel wenn sie von ihrer Busfahrt jeden Morgen zur Arbeit erzählt, wenn weiße Banker statt Nigger Rasheeda zu den schwarzen Frauen sagen.

Dianne Wiest, die zweifache Oscar-Gewinnerin für ihre Rollen in Woody Allens "Hannah und ihre Schwestern" und "Bullets Over Broadway", spielt Ilene mit zaghafter Stimme und leicht gebeugtem Rücken. Ihre Augen stets scheu nach unten gerichtet, zeigt sie eine perfekte Mischung aus unschuldigem Opfer und selbstgerechten Gutmenschen. Zu ihrer Arbeit an der Figur sagt sie: "Dieser latente Rassismus, kannst du ihn sehen? Bist du dir überhaupt darüber bewusst?"

Zahlreiche neue Theaterstücke in New York thematisieren Rassismus und Ungerechtigkeit in Amerika. Doch nur wenigen Stücken gelingt es, den ganz alltäglichen "kleinen" Rassismus unter die Lupe zu nehmen. Autor Joel Drake Johnson tut dies auf hochamüsante und schockierende Weise.

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