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Theater und Wahrheit

Dario Fo: Meine ersten sieben Jahre und ein paar dazu

Mit seinen mittlerweile 78 Jahren kann Dario Fo auf ein spannendes und erfolgreiches Leben zurückblicken. Jedoch interessiert den Theaterautor nur ein ganz bestimmter Zeitraum seines Lebens. Denn Fo ist davon überzeugt, dass die ersten sieben Lebensjahre eines Menschen für die charakterliche und intellektuelle Entwicklung besonders ausschlaggebend sind. Aus dieser Überzeugung heraus konzentriert sich die Autobiographie des italienischen Dramatikers auf besagte erste sieben Lebensjahre. Und Fo wäre nicht Fo, wenn er seinem Publikum nicht auch noch eine Zugabe liefern würde. So hält er es mit der Zahl Sieben nicht allzu streng und jongliert im Vorwort kokett mit seinen Lebensjahren

Von Claudia Cosmo

Der italienische Dramatiker und Literaturnobelpreisträger Dario Fo, 1997. (AP)
Der italienische Dramatiker und Literaturnobelpreisträger Dario Fo, 1997. (AP)

Ich übertreibe und biete euch zehn, und dazu noch ein paar Ausflüge in Richtung Reife. Glaubt mir, das ist schon zu viel! Alles hängt davon ab, wo du geboren wurdest, sagte ein weiser Mann. Was mich betrifft, so hat dieser Weise den Nagel auf den Kopf getroffen. Zunächst muss ich mich bei meiner Mutter bedanken, dass sie mich in San Giano direkt am Lago Maggiore zur Welt brachte. Aber natürlich wurde mein Geburtsort nicht von meiner Mutter ausgesucht, sondern von der staatlichen Eisenbahn, die den Entschluss fasste, meinen Vater an jenen Bahnhof zu versetzen. Mein Vater war Bahnhofsvorsteher. Ich kam zwischen einem Schienenbus und einem Güterzug zur Welt. Morgens um sieben entschloss ich mich, zwischen den Beinen meiner Mutter Ausschau zu halten.

Dario Fos Lebensgeschichte beginnt wie eine heitere Burleske, verfasst im kecken Ton eines fröhlichen und vorwitzigen Kindes. Schon seine Geburt inszeniert der Autor als clownesken Auftritt und stellt unmissverständlich klar: Das Leben ist ein großes Theaterstück, manchmal buffo`, das heißt lustig und komisch, mal dramatisch, spannend oder traurig.

Aufgewachsen ist Dario Fo am Ufer des Lago Maggiore, in dem kleinen Ort Porto Valtravaglia, der den Dramatiker maßgeblich prägte und von ihm als Wunderdorf bezeichnet wird. Diesem Kapitel seiner Kindheit widmet Dario Fo eine ganz spezielle Aufmerksamkeit.

Denn in Valtravaglia werden die Grundsteine für Fos spätere Karriere als Dramaturg und Komödiant gelegt. Unzählige Male lauschte der junge Fo den Erzählungen der Bewohner des Ortes. Von ihnen erlernte er die Kunst des Fabulierens und des Geschichtenerzählens. Die Einwohner Valtravaglias bedienten sich mythischer Stoffe, um in Form der Groteske und Satire auf die damaligen aktuellen Ereignisse hinzuweisen. Dies ist eine Technik, die sich auch Fo als Dramaturg und Autor aneignete.

Im Laufe seiner dramaturgischen Tätigkeit hat Dario Fo immer wieder auf antike Mythen, Fabeln und mittelalterliche Geschichten zurückgegriffen, um sie in abgeänderter Form zur bissigen Realsatire zu machen. Es gelingt Fo in der Valtravaglia-Episode, nicht nur über die damaligen Lebensverhältnisse auf amüsante Weise zu berichten, sondern der Leserschaft auch sein künstlerisches Selbstverständnis lässig nahe zu bringen.

In jener seltsamen Schmiede der Sprache und des Dialekts besuchte ich, ohne es mir damals schon klar zu machen, die Universität der Kommunikation. Der Anfang der Erzählung muss sich ereignen wie ein Zufall. Es ist die Technik, die ich heute noch anwende, um einen Theaterabend in Fahrt zu bringen, wenn ich Situationen erfinde und Zufälle einfädele.

Bereits als Fünfjähriger träumt Dario Fo im Schlaf drehbuchreife Szenarien und wacht je nach Intensität des Traums schweißgebadet auf. Aufgrund seines Talents für die Malerei besucht er als junger Erwachsener die Kunstakademie in Mailand und wird als Portraitmaler für beauftragt. Auch von seinem Großvater Bristin fertigt er ein Bild an. Bristin war Bauer und Gemüsehändler und brachte seinem begabten Enkel Dario die Kunst des Stegreif- Theaters bei. Jeder Besuch auf dem Gemüsemarkt wurde als Auftritt inszeniert. Dort entwickelte und verfeinerte der spätere Nobelpreisträger sein Talent zur Komik.

Aber Fos Autobiographie vermittelt dem Leser nicht nur Details über seine künstlerische Initiation und seine Leidenschaft für antike Mythen, sondern ist gleichzeitig eine Hommage an die Gegend rund um den Lago Maggiore. Diese beschreibt Fo in Anlehnung an die Bilder des Surrealisten Giorgio de Chirico als magische und metaphysische Landschaft der Kindheit. Diese heile Welt jedoch wird durch die Ereignisse des zweiten Weltkriegs erschüttert.

In teils ergreifenden Schilderungen über Deportation, Armut und der Erfahrung von Unrecht vermittelt sich dem Leser, warum aus dem Dramaturgen Dario Fo auch ein politisch engagierter Intellektueller geworden ist: Fos Vater Felice verhalf vielen Juden und Partisanen und politisch verfolgten, aus Italien in die benachbarte Schweiz zu fliehen. Von seinem Vater lernte der junge Dario Zivilcourrage und politischen Verhältnissen kritisch gegenüberzustehen.

Aber auch noch so tristen Erfahrungen wie den traumatischen Erlebnissen als Rekrut im 2. Weltkrieg oder der Beerdigung seines Vaters Felice kann der Autor eine komische Nuance abgewinnen. Trauer und Komik liegen bei Dario Fo dicht beieinander.

Dario Fos Autobiographie Meine ersten sieben Jahre und ein paar dazu ist eine unterhaltsame Lektüre, die durch ihre plastischen Schilderungen und die Personenportraits hervortritt. Die Menschen aus Dario Fos Kindheit sind Typen, die an die Commedia dell`Arte erinnern, auf die sich Fo in seinen Theaterstücken gerne bezieht. Dario Fos Autobiographie ist Wahrheit und großes Theater zugleich.

Dario Fo
Meine ersten sieben Jahre und ein
paar dazu

Kiepenheuer & Witsch 2004, 256 S., EUR 17,90

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