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StartseiteKultur heuteTheatersterben verhindern05.12.2012

Theatersterben verhindern

Die Diskussion "Don't cry - work!" am Theater Oberhausen

In vielen Städten führen leere Kassen zu immer knapper werdenden Geldern für Kultur. Deshalb wurde bei einer von der Zeitschrift "Theater der Zeit" und dem Theater Oberhausen veranstalteten Podiumsdiskussion mit dem Thema "Don't cry - work!" darüber gesprochen, wie man die deutsche Theaterlandschaft retten kann.

Von Dorothea Marcus

Die ewigen Fusionsdiskussionen, zum Beispiel um die Theater in Essen und Oberhausen, sind sehr gefährlich, da waren sich alle Teilnehmer des Podiums einig. (Stock.XCHNG)
Die ewigen Fusionsdiskussionen, zum Beispiel um die Theater in Essen und Oberhausen, sind sehr gefährlich, da waren sich alle Teilnehmer des Podiums einig. (Stock.XCHNG)

Nicht immer jammern wollte man auf der Podiumsdiskussion in Oberhausen. Sondern kreative Konzepte durchspielen, wie man die Theaterlandschaft Deutschlands retten kann. Immerhin eine, um die man uns in der ganzen Welt bewundert und beneidet, so Anja Dirks, Leiterin des Festivals Theaterformen in Hannover:

"Die Kultur ist da immer in so einer Defensive, und das ärgert mich auch. In der Tat ist es so, dass im Jahr 9,5 Milliarden Euro für Kultur – nicht nur für Theater – bundesweit ausgegeben werden von Bund, Ländern und Kommunen. Das sind 130 Euro pro Kopf. Pro Jahr. Und das ist superwenig, wenn man bedenkt, wie viel darüber geredet wird. Die Kultur muss sich immer rechtfertigen."

Zum Beispiel weil sie hoch subventionierte Super-Tanker wie die Oper betreibt. Dass Theater mit diesem Geld immer weniger Kunst produzieren, hat zum Beispiel mit den Tarifverträgen zu tun. Sie führen permanent zu Lohnsteigerungen, die Stadttheater großteils selber tragen müssen. Absurd ist auch, dass ein Beleuchter an einem Haus fast doppelt so viel verdient wie ein Schauspieler, nur weil sie in verschiedenen Tarifsystemen stecken. Peter Carp, Theaterintendant in Oberhausen:

"Dass wir in Deutschland so viel Geld für Theater ausgeben, finde ich großartig. Aber gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir nicht in einem System erstarren, dass die Künstler sich an das System anpassen müssen, sondern das System muss die Kunst ermöglichen. Dafür ist das System da."

Sein Kollege Sewan Latchinian, Intendant am seit einigen Jahren sehr beachteten Theater Senftenberg, hat in der Tat einen kreativen Ausweg aus diesem Dilemma gefunden:

"Wir arbeiten seit 5,5 Jahren ohne Tarifbindung und können in dieser Freiwilligkeit doch immer das Geld erwirtschaften, dass wir es dann an die Belegschaft austeilen können als Einmahlzahlung. Das ist ein Verfahren, das motiviert eine kollektive Belegschaft möglicherweise viel mehr. Damit man die gute alte Institution Stadttheater erhalten kann, muss man eine neue Form finden, die vielleicht mehr mit Freiheit zu tun hat als bisher."

Einen anderen Ausweg schlägt etwa Rainer Häusler vor, der Kämmerer der Stadt Leverkusen. Er hat gerade das Buch veröffentlicht: "Deutschland stirbt im Westen".

"Wir leben in einer Situation, wo die kommunale Familie chronisch unterfinanziert ist. Weil 90 Prozent aller Aufgaben, die eine Kommunalverwaltung zu erfüllen hat, durch Bund und Land vorgegeben sind, und es bleiben lediglich 10 Prozent kommunale Selbstverwaltung übrig. Das ist das Grundübel. Man muss auch mal über die Stadtmauern bereit sein zu schauen, können wir uns zusammentun? Interkommunale Zusammenarbeit ist ein Muss."

Die Theater von Essen und Oberhausen liegen etwa 15 Autofahrminuten voneinander entfernt. Muss man da wirklich zwei Theater unterhalten? Doch die ewigen Fusionsdiskussionen sind sehr gefährlich, waren sich alle Teilnehmer des Podiums einig. Auch eine kreative Lösung nach dem Vorbild des Schouwburg in Brüssel wurde abgelehnt: Als das Theater umgebaut werden musste, zog es für eine Zeit lang in ein ärmeres Viertel.

Dort ersetzte man den Intendanten durch ein Kollektiv, entließ die angestellten Schauspieler und setzte nur noch auf Stadtformate, um die dortige Bevölkerung zu erreichen. Eine sehr erfolgreiche – und viel günstigere Lösung. Wider Erwarten bricht aber selbst der ehemalige Punk, Sänger und Regisseur Schorsch Kamerun eine Lanze für das deutsche System.

"Ich glaube, dass wir schon sehr kreativ mit diesen Häusern umgehen, mit diesen öffentlichen Räumen, die uns gehören. Und die ich aber auch – und da wundere ich mich über mich selbst ein bisschen – mittlerweile als absoluter Vertreter von solchen geschützten Räumen eintrete – das hat aber auch mit damit zu tun, dass es sonst ganz andere Abhängigkeiten schafft. Und na klar, raus aus der Bude, unbedingt."

Denn letztlich ist auch die Schouwburg in Brüssel wieder in die Innenstadt zurückgekehrt, und orientiert sich gerne am deutschen Stadttheatersystem. Das bietet heute nämlich alles: Stadtraumprojekte, künstlerische Freiheit – und manchmal auch die Möglichkeit, aus den einschnürenden Tarifverträgen herauszukommen.

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