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StartseiteLebenszeitAlltag mit Behinderung17.02.2017

Themenreihe Mittelpunkt MenschAlltag mit Behinderung

Beim Ein- und Aussteigen an der Bushaltestelle, bei bürokratischen Angelegenheiten oder beim Einkauf: Angelika Scheider kennt viele Situationen, in denen sie aufgrund ihrer Behinderung auf Probleme stößt. Sie wünscht sich eine bessere Wahrnehmung der Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung - aber auch: mehr automatisch öffnende Türen.

Von Sören Brinkmann

Ein Mann im Rollstuhl vor einer Treppe (imago stock&people)
"Du wirst von Vielen gar nicht wahrgenommen", sagt Angelika Schneider. Seit sie Jugendliche ist, lebt sie in einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung. (imago stock&people)
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Es ist noch viel zu tun, damit Inklusion Wirklichkeit wird, findet Angelika Schneider: "Viele wissen, dass es das Wort gibt, aber die Realität sieht ganz anders aus."

Ihr fallen viele Situationen ein, in denen sie ihre Behinderung zu spüren bekommt: Beim Ein- und Aussteigen an der Straßenbahnhaltestelle – ohne Hochbahnsteig, bei bürokratischen Angelegenheiten oder beim Einkauf.

"In der Bäckerei, wenn ich da stehe am Tresen. Da bin ich erst mal klein mit Rollator; jemand, den man nicht so schnell sieht. Wenn erst die Leute dann immer nach hinten gucken und automatisch melden die sich, die sehen mich gar nicht. Du wirst von Vielen gar nicht wahrgenommen. Du wirst so hin- und hergeschubst."

Wenig Verständnis für anderes Tempo

Häufig überfordern aber auch Hektik und Stress, den andere verbreiten, erzählt Schneider. Sie hat das Gefühl, dass viele Menschen nicht verstehen, dass sie manchmal ein bisschen mehr Zeit braucht.

"Die haben es alle eilig, dass du es aber auch eilig hast. Die denken dann immer: ach, die ist behindert, die sitzt den ganzen Tag zu Hause zum Beispiel."

Aber nur zuhause sitzen, das will Angelika Schneider bestimmt nicht. Seit vielen Jahren arbeitet sie ehrenamtlich in der Öffentlichkeitsarbeit der von Bodelschwingh‘schen Stiftungen Bethel in Bielefeld.

Anderen vom eigenen Leben erzählen

Hier spricht sie mit Besuchergruppen über ihren Alltag. Vorher gibt es für die Gesprächsrunden einen kleinen Zettel, auf dem ein paar Lebensdaten zusammengefasst sind. Darauf ist zu lesen, dass Angelika Schneider 1960 in Lippstadt geboren wurde.

Als Jugendliche kam sie nach Bethel, wo sie in einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung lebte. Später hatte sie eine ambulante Betreuung.

"Ich wäre am liebsten – das gebe ich ganz ehrlich zu – damals wieder nach Hause gegangen. Aber das ging eben nicht wegen der Krankheit, aber ich habe inzwischen gemerkt, dass ich hier meine Aufgaben gefunden habe."

Alltag selbstbestimmt gestalten

Viele Jahre lang hat Angelika Schneider in der "Brockensammlung Bethel" gearbeitet. In der Sachspendenannahme musste sie Pakete öffnen, Waren sortieren: Porzellan, Bücher, Kleidung.

Inzwischen kann sie wegen einer Erkrankung die Arbeit nicht mehr machen. Dafür hat sie aber viele ehrenamtliche Tätigkeiten. Außerdem liebt sie es, Schmuck aus Glasperlen selbst herzustellen. Ihren Alltag gestaltet sie komplett selbst.

"Nun bin ich jetzt alleine mit meinem Mann, wo ich dann meinen Tag in der Wohnung so machen kann, wie ich möchte. Also ich brauche das nicht alles so machen, wie in der Gruppe früher."

"Die Verantwortung übernehmen, das finde ich sehr schön"

Im Wohnzimmer hängen unzählige Erinnerungsfotos. Kaum eine Lücke an der Wand oder im Schrank ist frei gelassen: "Die Verantwortung übernehmen, das finde ich sehr schön."

Gelegentlich holt sie sich noch Hilfe von Freunden oder Bekannten.

"Manchmal, wenn hier so Schriftstücke kommen, die du unterschreiben sollst mit 1.000 Seiten, da musst du dann ja oder nein ankreuzen. Und da muss ich dann zusehen, wie ich damit klarkomme."

Die zierliche und zurückhaltende Frau hat deutliche Probleme mit dem Laufen, nach einer langen Krankheitsgeschichte. Dennoch: häufig lacht sie und spricht mit einer besonderen Herzlichkeit.

Inklusion beginnt mit automatischen Türöffnern

Aber auch Ärger schwingt manchmal mit, wenn sie erzählt. "Ich habe mal in einem Laden für mich die Tür aufgemacht und die Leute, was machen die, die gehen durch und sagen Danke und lassen die Tür zu fallen. Da kriege ich ein Horn."

Doch sie hat auch Ideen, wie es besser funktionieren kann – für alle Menschen:

"Deswegen freue ich mich jetzt immer, dass es Türen gibt; entweder lassen die sich per Knopf öffnen oder die gehen so auf. Diese Türen liebe ich abgöttisch. Das ist so herrlich, so ein schönes Gefühl. Ich kann durchgehen ohne Hilfe und mir kann keine Tür zufallen. Da fängt für mich Inklusion an."

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