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StartseiteMarkt und MedienEin Verein kämpft gegen Fake-News18.02.2017

Themenreihe Mittelpunkt MenschEin Verein kämpft gegen Fake-News

Falschmeldungen entlarven, verdrehte Inhalte klarstellen, auf Nutzerprobleme reagieren - all dies gehört zum Arbeitsalltag von Andre Wolf. Der studierte Theologe arbeitet für "Mimikama". Der Verein mit Sitz in Wien setzt sich gegen Internetmissbrauch ein und will Nutzern dabei helfen, Falsches von Fakten unterscheiden zu lernen.

Von Christoph Sterz

(Barbara Wirl)
Andre Wolf ist Pressesprecher und Content- und Social Media Coordinator des Vereins "Mimikama". (Barbara Wirl)
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"Wir sind den ganzen Tag im Grunde genommen online und beantworten Nutzeranfragen. Sprich: Jeder, der ein Problem mit Internetinhalten hat und da nicht weiterkommt, kann uns am Ende fragen. Und wir schauen nach, was dahintersteckt, geben Antwort. Entweder wissen wir schon, weil wir das Problem schon kennen, die Antwort. Oder wir müssen halt, ja, nach der Antwort suchen."

Dass es eine private Initiative wie mimikama gibt, dass neben Andre Wolf noch ein zweiter hauptberuflicher Fake-Aufklärer und 17 Ehrenamtliche in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden aktiv sind, das liegt auch daran, dass die vielen Falschnachrichten im Netz genau auf uns zugeschnitten sind; vor allem auf unsere Ängste.

Fake News zielen oft auf die Ängste von Nutzern

"Es geht zum Beispiel oftmals die Geschichte um den weißen Lieferwagen, der Kinder, Katzen oder Hunde klaut, drum. Dann wird da gewarnt: Vorsicht, durch Stadt XY fährt ein weißer Lieferwagen. Aufpassen, da werden kleine Kinder angesprochen! Das wird geteilt. Das funktioniert auch, so eine Meldung.

Ob das jetzt stimmt oder nicht, das wird geteilt aus der Angst, dass sie echt sein könnte. Weil man ja davon ausgeht, so etwas gibt es und ich muss warnen. Ich muss ein Rädchen in dieser Warnmaschinerie sein. Und dann funktioniert eine Falschmeldung. Wenn sie emotional den Leser abholt, wenn sie ihn bindet und auch die Ängste deckt."

100-120 Anfragen prüft der Verein täglich

Andre Wolf will das nicht hinnehmen; und beantwortet deswegen mit seinen Kollegen pro Tag um die 100 bis 120 Anfragen von Menschen, denen eine Meldung komisch vorkommt. Und in vielen Fällen weist er auf mimikama.at auch auf die Falschmeldungen hin. Seit über anderthalb Jahren macht er das hauptamtlich, als Ostwestfale in der österreichischen Hauptstadt.

"Weil es das ist, was ich für richtig halte. Ich schwenke mal ein wenig zurück. Ich habe eigentlich evangelische Theologie studiert, damals mit Ziel auf Pfarramt, weil das war das so, was ich werden wollte. Einfach evangelischer Pfarrer. Hat nicht ganz hingehauen. Ich war dann mehrere Jahre beruflich in der normalen Wirtschaft als Verantwortlicher für Medien und Kommunikation tätig. Und dann kam mimikama, wie es so schön heißt.

Also sprich das, was das Herz irgendwie für richtig fand und das, was ich beruflich irgendwo dann im Laufe der Jahre alles erlernt habe, wurde dann kombiniert. Und deswegen habe ich dann aus Spaß lange Zeit als Ehrenamtlicher mitgemacht. Und als dann der Verein und die Aufgaben wuchsen, kam dann die Idee: Mensch, ziehst du nach Wien!"

Ziel: Internetnutzer souverän machen

Seitdem ist es sein Job, über falsche Nachrichten zu informieren, Fragen zu beantworten, Interviews zu geben – und dabei das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Nämlich….

"Internetnutzer souverän zu machen. Sie dazu bringen, dass sie selbst Informationen einsortieren können. Und die verloren gegangene Ebene durch Journalisten, die ja im Internet nicht mehr alles filtern beziehungsweise aufarbeiten können, dass wir das den einzelnen Nutzern beibringen, dass sie selbst diese Sorgsamkeitspflicht tragen können und auch aufbauen können."

"Was immer wieder auftaucht: Du erreichst Menschen, die wirklich gar nicht zuhören wollen und die das Thema gar nicht wahrhaben wollen, die erreichst du gar nicht mehr. Da sind wir dann bei dem berühmten Wort postfaktisch angelangt. Jemand, der die Faktenlage definitiv verweigert, weil das eigene Meinungsgefühl ein anderes ist. Da erreichst du niemanden mehr."

Idealismus trotz Anfeindungen

Und auch wenn Andre Wolf gerade im vergangenen Jahr immer wieder angefeindet, beschimpft und bedroht wurde: Der 39-Jährige hat den Glauben nicht verloren, dass es da draußen noch viele Menschen gibt, die sich für die Wahrheit, für Fakten und damit irgendwie auch für ihre Mitmenschen, für ein gutes Zusammenleben interessieren.

"Es ist eine ganz, ganz große schweigende Menschengruppe da, die wirklich noch vernünftig handelt, die dann wirklich bewusst Nachrichten aufnimmt und das dann auch rezipiert und dann wirklich auch sich mit unseren Themen vernünftig auseinandersetzt und sagt: Ja, siehste, hab ich mir’s doch fast gedacht!

Im Grunde genommen mache ich mich ja selbst arbeitslos mit meinem idealistischen Ziel, irgendwo zu sagen: Ja, wenn jeder das selber kann, dann bin ich zufrieden. Sprich: Wenn ich unterscheiden kann, aus welcher Ecke welche Meldung kommt und wie die gebaut ist und warum jemand diese Meldung so rausgibt und was damit erreicht werden soll. Das ist natürlich nichts, was von heute auf morgen passiert.

Das bedarf auch tatsächlich Zeit, dass in Schulen ein bisschen umgedacht wird, dass da mehr Lerninhalte aus dem Bereich Internet und sozialer Medien reinkommt. Dass generell die Menschen sich bewusster werden, auf was man im Internet treffen kann, dass dort Informationen ungefiltert und oftmals unwahr durch die Gegend schwirren. Und dass einen diese Informationen zu Hause, im privatesten Bereich, erreichen können."

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