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StartseiteCampus & KarriereFlüchtlinge als Mentoren21.02.2017

Themenreihe Mittelpunkt MenschFlüchtlinge als Mentoren

Flüchtlinge werden oft als hilfsbedürftig wahrgenommen. Aber auch sie können Hilfe leisten und ihre Expertise einbringen - das zeigt Merle Becker mit ihrem Verein "Academic Experience Worldwide". Die Organisation vermittelt Tandems zwischen geflüchteten Akademikern und Studierenden.

Von Afanasia Zwick

Sie sehen Merle Becker von "Academic Exerience Worldwide". (Lyonel Stief)
"Ich glaube, dass Hilfe am besten funktioniert, wenn sie beidseitig funktioniert", sagt Merle Becker, Mitinitiatorin von "academic experience Worldwide e.V." (Lyonel Stief)
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"Mein Name ist Merle Becker. Ich bin 28 Jahre alt und ich komme aus Westerstede in Norddeutschland."

Zu jung, zu hübsch, zu unerfahren. Mit diesen Vorurteilen hatte Merle Becker am Anfang zu kämpfen. Kaum jemand habe ihr zugetraut, dass sie ihren Verein für geflüchtete Akademiker erfolgreich führen kann:

"Wir haben so wenig Rückhalt bekommen von Institutionen, an die wir geglaubt haben, und so wenig Unterstützung und wurden so oft belächelt und ausgenommen auch. Also dass wir uns mit Menschen unterhalten haben, die uns unterstützen wollten, und uns dann Ideen geklaut haben. Also wir wurden gesehen als zwei kleine Mädchen, die die Welt retten wollen."

Idee zu dem Verein entsteht beim Café-Gespräch

Als Merle Becker 2013 den Verein "Academic Experience Worldwide" gründete, studierte sie Politikwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt. Dort lernte sie Melusine Reimers kennen, die Mitgründerin des Vereins. In einem Café nahe der Uni erzählte Merle Becker ihrer Kommilitonin die folgende Geschichte:

"In einem kleinen Dorf, in dem meine Eltern leben, waren geflüchtete Menschen untergebracht und im Dorf erzählte man sich, dass jetzt auch Syrer in dem Dorf seien. Und ich war neugierig und hab einfach mal geklingelt. Und es stellte sich heraus, dass es vier junge Männer aus Somalia waren.

Und die Männer sprachen sehr gut englisch. Und hatten mir dann erzählt, dass sie seit Wochen schon im Dorf waren und sich noch niemand mit denen unterhalten hat. Und in diesem Dorf kennt man sich eigentlich. Und ich weiß, in dem Dorf sprechen auch viele englisch. Wieso gab es da noch keine Kommunikation?"

Einseitiges Helfen erzeugt Machtgefälle und Ungerechtigkeit

In der Theorie hatte die damals 25-Jährige nämlich etwas anderes gelernt: 

"Es kann doch nicht sein, dass so viele intelligente Menschen in den Unis darüber reden, darüber schreiben, und sich darüber Gedanken machen, aber das dann in der Realität, in den Dörfern zum Beispiel, gar nicht ankommt. Das war immer mein Motor, zu sehen: Es wird so viel darüber geredet, warum leben wir das so wenig?"

Weil viele Menschen glauben: Nur sie können helfen, sagt Becker. Sie würden es für ausgeschlossen halten, dass der Austausch auch ihnen etwas bringt. Becker meint, Hilfe sei oft sogar absichtlich einseitig angelegt:

"Im Bachelor habe ich für eine Hilfsorganisation gearbeitet, für die ich auch in Uganda war. Was mich geprägt hat, waren die Erfahrungen in Uganda. Weil ich gemerkt habe, dass viele Menschen, die was Gutes tun wollen, dadurch Machtverhältnisse und Ungerechtigkeit reproduzieren. Und ich dachte: Ok, das will ich nicht.

Und ich glaube, dass Hilfe am besten funktioniert, wenn sie beidseitig funktioniert. Denn wir alle brauchen immer irgendwo Unterstützung und Hilfe. Deshalb war die Grundidee: Wir wollen eine Begegnung schaffen, in welcher beide Seiten voneinander profitieren."

Tandem-Programm: Flüchtlinge werden zu Mentoren

Und zwar durch ein Tandem-Programm: Dabei geht es darum, "dass geflüchtete Wissenschaftler mit Studierenden des gleichen Fachs zusammengebracht werden, so dass die Flüchtlinge in die Mentorenrolle kommen und den Studierenden helfen und andersrum auch jemanden haben, der Deutsch spricht, die Bürokratie kennt."

Aber auch Vorträge und Seminare, die geflüchtete Akademiker in ihrem Fachbereich halten, organisiert die Vereinsvorsitzende:

"Da kommen immer wieder Kommentare wie: Ja, ok, der Vortrag war jetzt gut, aber es ist ja eine Ausnahme. Die normalen Flüchtlinge in Anführungszeichen, die sind ja nicht so gebildet. Also die Stereotype sind so verhärtet, dass selbst wenn man das Gegenteil präsentiert, die Menschen immer noch in ihren Vorurteilen verhaftet bleiben.

Manche Vorurteile halten sich hartnäckig

Deshalb sind alle Veranstaltungen von Academic Experience Worldwide öffentlich. Viele würden gar nicht die Hürden kennen, vor denen geflüchtete Akademiker hier stehen, sagt Becker:

"Wenn es darum geht, zu studieren, braucht man in den allermeisten Fächern ein Deutschniveau von C1 - das ist sehr sehr gutes Deutsch, fließendes Deutsch. Der Staat zahlt für geflüchtete Menschen, nur bis zum Niveau von B1 - das ist sehr rudimentäres Deutsch.

Dazwischen liegt eine Lücke von ungefähr 3.000 Euro. Das heißt, ganz viel Menschen wollen hier studieren, können studieren, haben die Zeugnisse, können es dann aber nicht, weil sie einfach die 3.000 Euro nicht haben, die Sprachkurse und die Prüfungen noch zu machen."

Verein unterstützt Flüchtlinge auch durch Sprachkurse

Das Geld für Sprachkurse versucht der Verein zu stellen. Finanziert wird er durch Spenden - wobei:

"Wir arbeiten alle ehrenamtlich, das heißt, wir machen das alle neben unserem Job. Die meisten von uns arbeiten Vollzeit und leiten nebenher so eine Organisation. Das ist schon belastend."

Deshalb wünscht sich Merle Becker: "Wenn wir es schaffen würden, eine Stelle Teilzeit- zu finanzieren, die Verwaltungsaufgaben übernimmt. Und damit steht und fällt der Erfolg einer solchen Organisation. Denn die kann durchaus auch am eigenen Wachstum kaputt gehen. Denn irgendwann lässt es sich nicht mehr rein ehrenamtlich handhaben."

Worte in die Tat umsetzen

Inzwischen ist der Verein preisgekrönt. Mit ihrer ehemaligen Kommilitonin Melusine Reimers trifft sie sich immer noch gerne in dem Café, in dem sie ihre Idee der beidseitigen Hilfe einst auf Schmierzetteln skizzierten. Melusine Reimers sagt:

"Merle ist extrem konsequent. Das fand ich auch immer sehr beeindruckend. Also wenn sie irgendwas sagt, das macht sie dann auch."

Dass in der Blondine ein Machertyp steckt, verkennt mittlerweile kaum noch jemand.

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